Sport : Champions League: Mailand im Mai

Detlef Dresslein

Wie gut, dass Herr Figo kein deutsch versteht. Er hätte sonst vielleicht etwas verwundert geguckt, als er hinter Uli Hoeneß vorbeischlich. Denn der war in diesem Moment gerade mittendrin in seiner Generalabrechnung mit den europäischen Fußballgroßkonzernen, gegen die sich der FC Bayern immer noch wie aufstrebender Mittelstand ausnimmt. "Ich habe nicht gesehen, dass ein Spieler, der 110 Millionen mehr gekostet hat, viel mehr leistet als der, den wir aus Kanada geholt haben", sagte der Manager des FC Bayern München nach den 2:1-Sieg im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid. Luis Figo, der Welt teuerster Balltreter, ging freundlich dreinblickend vorbei, und dachte nichts Arges.

Vor dem verbalen Feuerwerk des Managers hatte es ein echtes gegeben. Kaum war abgepfiffen, da erschienen auf der Videowand Mailänder Impression, "Italo-Top Hits" wurden abgedudelt und hinter der Südkurve zelebrierten bunte leuchtende Funkenschweife im Münchner Nachthimmel das, "wofür wir ein ganzes Jahr gearbeitet haben", wie Hoeneß nachdrücklich feststellte. Gefallen hatte es ihm auch: "Ich bin ein alter Pyromane. Leider durften wir das Licht im Stadion nicht ganz ausmachen. Dennoch erlebte der rotwangige Manager "eine Form des reinsten Glücks".

Der Verbal-Pyromane im bajuwarischen Spitzenklub kann in der Tat stolz auf sein Tagwerk des ablaufenden Fußballjahres. Wie auch alle anderen Angestellten, die sich ein Jahr lang mit den runden Sportgerät befassten. Das 2:1 gegen Real Madrid mit anschließendem Fortkommen ins Finalspiel gegen den FC Valencia ist irgendwie bereits jetzt die Krönung. Auch wenn der sportliche Erfolg natürlich erst rund ist, wenn ein oder zwei weitere Titel in den Briefkopf aufgenommen werden können. Denn der FC Bayern hat just den Vereinen eine lange Nase gedreht, die er permanent als "Vorbilder" aufoktroyiert bekommt. Manchester United im Viertelfinale, das Rollenmodell, was den wirtschaftlichen Erfolg anbetrifft. Dann im Halbfinale Real Madrid, das vermeintlich den anstrebenswertesten Sport anbietet. Vier Siege in vier Spielen gegen diese beiden beantworten für Uli Hoeneß eindeutig die Frage nach der Nummer Eins auf dem Kontinent. "Gestern hat mich jemand gefragt, wann der FC Bayern zu den großen dieser Welt gehört", ließ Hoeneß spöttisch verlautbaren, "da hab ich gesagt, wir sind schon längst dabei. Der FC Bayern ist besser als Real und besser als Manchester." Punkt.

Das große Verdienst des FC Bayern ist die konzentrierte, neunzigminütige Gesamtleistung. Immer wieder. Woche für Woche. Spiel für Spiel. Die Durchhänger in der Liga haben die Verantwortlichen ihren Spielern längst verziehen. Denn die Spiele gegen Manchester und Madrid, die werden im Gedächtnis bleiben, nicht die Heimniederlagen gegen Rostock oder Frankfurt. Real wurde zermürbt wie schon im Hinspiel. Die Abwehr stand betoniert in der eigenen Hälfte, bestens dirigiert von Patrik Andersson, und wer in der zweiten Halbzeit beobachtete wie Hasan Salihamidzic gegen Ende noch eigenen Sprint über das halbe hinlegte, als gelte es einen Feldhasen zu überholen, oder wie sich Samuel Kuffour in einen Schuss des Kanoniers Roberto Carlos warf, der sah, wie aufopfernd die Mannschaft für ihr Ziel arbeitete. Neunzig Minuten lang. Ohne Atempause. Und wenn sich die spanische Presse über die defensive Auffassung der Bayern vor allem im Hinspiel mokiert hatte, so durfte nun endlich jeder die passende Antwort geben. "Die sollen nicht weiter das Maul aufreißen, die haben ihre Rechnung gekriegt, und wir haben bewiesen, dass der deutsche Fußball besser ist als der spanische", sagte Hasan Salihamidzic. Trainer Ottmar Hitzfeld äußert sich dezenter: "Einige Experten sind überrascht worden, ich nicht." Es war eben genau die richtige Motivation für vermeintlich satte und überspielte Stars, sie schroff zu kritisieren. Und so zeigte ausgerechnet der hier zu Lande sonst als schnöseliger Starclub verschrieene FC Bayern mit Tugenden wie Mannschaftgeist und Kampfkraft, wie man Erfolg gegen vermeintlich Bessere hat.

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