Champions League : Schalke 04 setzt gegen Real Madrid auf Mörtel

Roberto Di Matteo, Trainer des FC Schalke 04, macht aus der Personalnot eine Tugend, mit der Real Madrid gestoppt werden soll: Er stellt mit Timon Wellenreuther einen 19-Jährigen ins Tor.

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Verantwortungsträger gegen Real Madrid: Torwart Ingo Wellenreuther und Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng
Verantwortungsträger gegen Real Madrid: Torwart Ingo Wellenreuther und Mittelfeldspieler Kevin-Prince BoatengFoto: dpa

Ob die erste Idee zu diesem Spitznamen von Fachleuten kam, die hauptberuflich auf dem Bau tätig sind, ist nicht überliefert. Aber es hat nur ein paar Wochen und wenige Spiele gedauert, bis es Roberto Di Matteo bei einigen Anhängern zu einem bemerkenswerten Beinamen gebracht hat. „Mörtel“ wird der Trainer des FC Schalke 04 seit Kurzem auch gerufen. Und mit diesem Material, das Mauern Dichte und Stabilität verleiht, scheint Di Matteo – übertragen auf den Fußball – nahezu perfekt umgehen zu können. Seine Mannschaft legt seit seinem Amtsbeginn Anfang Oktober 2014 vor allem Wert darauf, keine Treffer zu kassieren.

„Wir müssen schauen, dass wir weniger Gegentore bekommen und unsere Defensive stabilisieren“, sagt der 44-Jährige seitdem unermüdlich. Mit Blick auf das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Real Madrid am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) dürften selbst die größten Skeptiker nach den Erfahrungen in der vergangenen Saison diese Herangehensweise unterstützen. Mit 1:6 ging der Ruhrgebietsklub damals nahezu chancenlos im eigenen Stadion unter. Und diesen Tiefpunkt in der jüngeren Vereinsgeschichte will niemand mehr in der Gelsenkirchener Arena erleben.

„Wir sind jetzt stabiler als die Mannschaft im Vorjahr“, sagt Sidney Sam. Das habe das Team in den vergangenen Wochen beispielsweise in München oder auch gegen Mönchengladbach gezeigt, als der Gegner kaum zu Tormöglichkeiten kam. Ergebnisspektakel, wie es sie zuletzt in der Bundesliga etwa zwischen Bayer Leverkusen und dem VfL Wolfsburg gab (4:5), wird es unter Di Matteo wohl kaum geben. Seine Entscheidung, mehr Wert auf die Verteidigung zu legen, zeigt zudem Erfolg. Unter Vorgänger Jens Keller kassierten die Schalker in den ersten sieben Bundesligapartien im Schnitt rund 1,7 Gegentore pro Spiel, unter dem Italiener sind es nur noch rund 0,9 Gegentreffer. Mit seinem 3-5-1-1-System, mit dem die Schalker dem FC Bayern München einen Punkt (1:1) abtrotzten und das sich bei gegnerischem Ballbesitz zumeist zu einem defensiven 5-4-1-System verwandelt, treibt der ehemalige Coach des FC Chelsea die Kontrahenten meist zur Verzweiflung.

Di Matteos Defensivtaktik ist auch der weiterhin sehr angespannten Personalsituation geschuldet

Di Matteos Defensivtaktik, bei der alle Spieler auf dem Feld verteidigen müssen, ist aber nicht allein reiner Selbstzweck, sondern auch der weiterhin sehr angespannten Personalsituation geschuldet – seit Monaten fehlen Offensivspieler wie Julian Draxler oder Jefferson Farfan. Insgesamt sieben Profis stehen längerfristig nicht im Kader der Schalker, selbst die Torhüter blieben nicht von körperlichen Problemen verschont: Mit Ralf Fährmann (Kreuzbandzerrung) und Fabian Giefer (Muskelverletzung) fallen wohl auch gegen die Madrilenen erneut die Nummer eins und die Nummer zwei aus. Auch wenn Giefer bereits wieder erste Trainingsversuche startete. Damit dürfte die große Stunde für Timon Wellenreuther auf internationaler Bühne schlagen.

Der 19-Jährige, eigentlich noch U-23-Torhüter, hatte seine Kollegen zuletzt bereits dreimal vertreten und vorzeigbare Leistungen gezeigt. „Ich will immer spielen. Das ist mein Anspruch“, hatte Wellenreuther in München gesagt. Hemmungen oder gar falsche Zurückhaltung vor den Spielern des FC Bayern hatte er bei seiner Premiere jedenfalls nicht gezeigt, Ähnliches dürfte auch für die Begegnung mit Real Madrid gelten. Der Sohn des Präsidenten des Karlsruher SC, Ingo Wellenreuther, hatte zuletzt und beim Gegentreffer in Frankfurt zwar etwas unglücklich ausgesehen, seinem ausgeprägten Selbstvertrauen dürfte dies aber nicht zusetzen. Davon gehen auch die Verantwortlichen des Klubs aus. „Es ist schon in Ordnung, wenn Timon gegen Real im Tor steht“, sagte Manager Horst Heldt. Zum Kader dazustoßen wird Klaas-Jan Huntelaar, der in der Bundesliga zwar noch Rot-gesperrt ist, im Europapokal aber mitwirken darf. Aber auch der Niederländer wird sich an die oberste Prämisse von „Mörtel“ halten müssen: Defensive zuerst.

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