Chance für den Nachwuchs : Hertha - aus Prinzip jung

Bei Hertha BSC bekommen die Talente aus dem eigenen Nachwuchs wieder eine Chance und Trainer Markus Babbel bekommt dabei "keine Magenschmerzen".

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Auf dem Sprung. Sebastian Neumann ist der bisher letzte Spieler aus Herthas Nachwuchs, der es zu den Profis geschafft hat.
Auf dem Sprung. Sebastian Neumann ist der bisher letzte Spieler aus Herthas Nachwuchs, der es zu den Profis geschafft hat.Foto: firo Sportphoto

Berlin - Es gibt im durchmedialisierten Fußball nicht mehr viele Orte, die den Blicken der Öffentlichkeit komplett entzogen sind. Die Kabine ist in den meisten Fällen tabu (es sei denn die Bundeskanzlerin benötigt gerade mal ein paar schöne Wahlkampffotos), und auch der Mannschaftsbus ist für die Fußballer ein geschützter Rückzugsort. Vermutlich geht es dort nicht besonders spannend zu, die Spieler hängen in ihren Sitzen, noch erschöpft vom Spiel oder schon in ihrer Konzentration gefangen; die meisten haben Kopfhörer auf ihren Ohren, und gesprochen wird wenig. Am späten Freitagnachmittag, als die Mannschaft von Hertha BSC zum Spiel gegen Greuther Fürth ins Olympiastadion fuhr, war das anders. Einige Spieler nutzten die tote Zeit, um eine mathematische Gleichung zu lösen. Peter Niemeyer, Herthas Mittelfeldspieler, berichtete später, dass im Bus „der Altersschnitt der Bank errechnet“ wurde. Das Ergebnis: „neunzehn Komma irgendwas.“

Das ist, für sich genommen, ein beachtlicher Wert. Noch beachtlicher ist es, dass Markus Babbel, der Trainer des Berliner Fußball-Zweitligisten, die Talente nicht auf der Bank versauern lässt, sondern von der Jugend reichlich Gebrauch macht. Am Freitag, im Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten Fürth, wechselte Babbel beim Stand von 0:0 erst einen 19-Jährigen (Sebastian Neumann), dann einen 18-Jährigen (Pierre-Michel Lasogga) und zu guter Letzt einen 17-Jährigen (Nico Schulz) ein. „Wenn ich Bedenken hätte, würde ich sie nicht bringen“, sagt Babbel. „Die Jungs brennen auf ihren Einsatz. Da muss ich keine Magenschmerzen haben.“

Herthas Trainer weiß, dass er mit dieser Personalpolitik auch eine Sehnsucht des Publikums befriedigt. Immer wieder war in den letzten Jahren von der überragenden Nachwuchsarbeit bei Hertha die Rede. Nur ganz oben angekommen ist von den Talenten schon länger keiner mehr. Babbel hat bei seinem Amtsantritt im Sommer gesagt, dass er am liebsten mit elf Berliner Jungs spielen würde. Ein solcher Satz erfüllt den Tatbestand des Populismus, aber Babbel ist auf einem guten Weg, seine Aussage wahrzumachen. Schon nach neun Saisonspielen hat er mehr Talente aus dem eigenen Nachwuchs eingesetzt (vier plus Torhüter Marco Sejna) als sein Vorgänger Friedhelm Funkel (drei) in einer fast kompletten Saison. Die Berliner Jungs haben es bei Babbel bisher auf 644 Spielminuten gebracht; bei Funkel waren es an 27 Spieltagen 989, wovon allein auf Patrick Ebert 769 entfielen.

Natürlich hat es Babbel einfacher als sein Vorgänger. Die Talente kommen in eine funktionierende Mannschaft; außerdem ist das Wasser im Becken Zweite Liga etwas weniger kalt als eine Klasse höher. Trotzdem: Man muss die Jugend auch fördern wollen. „Die Absprache mit Markus Babbel für die Entwicklung der jungen Spieler ist perfekt“, sagt Karsten Heine, der Trainer von Herthas U 23.

Bei Funkel und dessen Vorgänger Lucien Favre hatte man nicht den Eindruck, dass die Förderung des Nachwuchses höchste Priorität genoss. Keiner von ihnen hat ein Talent aus dem eigenen Nachwuchs entscheidend vorangebracht. Das ist bei Babbel schon jetzt anders. „Wir haben ein Riesenglück mit dem Trainer“, sagt Sebastian Neumann. „Man sieht, dass er Vertrauen zu uns hat und auf uns baut.“ Der U-21-Nationalspieler kam am Freitag gegen Fürth zu seinem Debüt in der Zweiten Liga, morgen, in der zweiten Pokalrunde beim Drittligisten Koblenz, wird er wohl erstmals in der Startelf stehen. Durch den Ausfall von Kapitän Andre Mijatovic darf sich Neumann fürs Erste als Stammspieler fühlen, und es gibt nicht wenige, die sich vorstellen können, dass fürs Erste ziemlich lang dauert. „Sebastian ist völlig klar in der Birne, er spielt sehr abgeklärt“, sagt Babbel. „Und man merkt, er will einfach weiterkommen.“

Herthas Trainer registriert es mit Wohlwollen, dass die jungen Spieler sich nicht zu schnell zufrieden geben; die Spieler wiederum registrieren es mit Wohlwollen, dass ihre Mühe auch an der entscheidenden Stelle gewürdigt wird. Bei Babbel ist es Prinzip: Wenn zwei gleich gut sind, spielt der Jüngere. Deshalb darf Neumann jetzt auf Mijatovics Position spielen und nicht der Brasilianer Kaka. „Aber das ist ja kein Selbstläufer“, sagt Sebastian Neumann. „Wir müssen uns reinbeißen und reinkämpfen.“

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