Sport : Chance und Risiko

Schalke kann noch Meister werden – oder die direkte Champions-League-Qualifikation verspielen

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Wenn schöne Träume anfangen, sich in traurige Tatsachen zu verwandeln, wirken Menschen oft desillusioniert. Manchmal erleichtert dieser Zustand die Ankunft in der Wirklichkeit. Mirko Slomka, der Trainer des FC Schalke 04, hat rasch ermessen, wie weit sich seine Mannschaft von ihrem großen Traum entfernt hat. Gerade noch auf den Gewinn der ersten deutschen Meisterschaft nach 49 Jahren fixiert, ist der Klub vor der Bundesliga-Schlussrunde vom Titelfavoriten zu einem Außenseiter geschrumpft, dessen Rest an Hoffnung sich auf das Versagen des neuen Tabellenführers Stuttgart gründet. Zunächst hatte Slomka die neue Lage kommentiert, wie es sich für einen vernünftigen Menschen gehört, aber nicht unbedingt für einen gläubigen Schalker. Seine Mannschaft habe „so oft das Glück gehabt“, nicht schon früher von der Tabellenspitze verdrängt worden zu sein, sagte er. „Wenn wir schon wieder auf ein Wunder hoffen, machen wir uns lächerlich.“

Als dieser Satz, verbunden mit der Interpretation „Schalke gibt auf“, in der Zeitung stand, sah Slomka sich gezwungen, „mit einem Statement aufzuwarten“. Zugegeben, seine Aussage lasse sich wie ein Anzeichen von Resignation interpretieren, sagte er. „Aber ich schreibe den Titel natürlich nicht ab. Jeder weiß, dass ich ein Kämpfer bin.“ Gegen Arminia Bielefeld werde seine Mannschaft alles geben. Falls Werder Bremen in Wolfsburg gewinnt, würde Schalke schon bei einem Unentschieden gegen Bielefeld auf den dritten Platz zurückfallen und wäre nicht direkt für die Champions League qualifiziert. Diesen Störfall gegen Bielefeld zu verhindern sei ein realistisches Ziel, sagt Manager Andreas Müller. „Alles andere kommt oder kommt nicht.“

Schalke bewegt sich weiter in einem Spannungsfeld zwischen Chancen und Risiken. Einerseits ist das Team befreit von der Chance, aus eigener Kraft Meister zu werden, andererseits könnte sie sich abermals blamieren – oder unverhofft doch noch den Titel holen. Drei Tage nach dem Desaster von Dortmund will Slomka wieder „Kämpfernaturen auf dem Platz“ gesehen haben. Ob sie bereit sind, im letzten Gefecht auch für Lincoln mitzukämpfen, für diese Künstlernatur, die im Guten wie im Schlechten das Unberechenbare verkörpert?

Der Mittelfeldstratege zeigte sich zuletzt außerstande, seinem Team zu helfen. Dennoch wird Slomka vermutlich auch gegen Bielefeld auf ihn bauen. „Lincoln braucht man immer“, sagt der Trainer und fügt hinzu: „wenn er in einer Topverfassung ist“. Einige Zeit war Lincoln verletzt, manchmal spielte er schwach, fünf Wochen lang fehlte er gesperrt, dann kündigte er Großes an: Er wolle die Meisterschaft entscheiden. Nach seinem jüngsten Auftritt spotteten manche, er habe die Meisterschaft entschieden – für Stuttgart. Aber noch immer nährt er, gerade beim Trainer, die Hoffnung, „dass auf dem Platz etwas Geniales passiert“. Lincoln wirkt wie eine kickende Symbolfigur, in der sich das Befinden seines Vereins spiegelt: mal mutig, zielstrebig, unwiderstehlich, dann wieder zaghaft, kapriziös, zeternd. Lincoln fehlt vor allem eins: Konstanz. Er schwankt zwischen Hochgefühl und Niedergeschlagenheit, geradezu stellvertretend für ganz Schalke, das nach der Schmach von Dortmund mehr zu leiden schien als in weitaus schlechteren Zeiten.

Ob das Zelebrieren der Opferrolle noch einmal umschlägt in Freude am Fußball? Gerade zu dieser kuriosen Saison würde ein nochmaliger Wechsel an der Spitze passen. „Wir müssen das Mögliche erreichen, um vielleicht das Unmögliche noch zu schaffen“, fordert Manager Müller.

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