Sport : Charisma, Geduld und ein richtiger Berliner

Herthas ehemalige Spieler und Trainer erklären, was dem Verein zum Spitzenteam fehlt

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Berlin. Ist Hertha BSC eine Spitzenmannschaft? Trainer Huub Stevens sagt: nein. Manager Dieter Hoeneß sagt: ja. Die Erwartungen jedenfalls sind hoch. In den nächsten vier Jahren soll Hertha nach dem Willen der Vereinsführung und der Fans den nationalen Meistertitel holen. Ist diese Vorgabe zu anspruchsvoll? Oder ist die Mannschaft einfach nicht gut genug? Der Tagesspiegel hat ehemalige Spieler und Trainer des Vereins nach ihrer Meinung befragt.

Jürgen Röber (49)

stieg als Trainer mit Hertha BSC 1997 in die Bundesliga auf und führte den Klub in die Zwischenrunde der Champions League. Nach sechs Jahren wurde er 2002 beurlaubt. Derzeit beobachtet Röber Fußballspieler in Belgrad.

Der Huub Stevens war sauer, er hat verloren. Aber es ist schon merkwürdig: Wir haben damals zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Bundesliga den Sprung in die Champions League geschafft – und jetzt rennen sie in Berlin diesem Erfolg hinterher. Das ging sehr schnell für einen Verein, der noch nicht so weit war. Es geht nicht, dass der Trainer auf den Knopf drückt und sagt: Hey, wir werden jetzt Meister! Es gibt Klubs, die haben mehr Potenzial als Hertha. Leverkusen hat die bessere Mannschaft, auch Dortmund und Bayern. Und die haben alle Probleme. Die Deutsche Meisterschaft? So etwas braucht Zeit. Das ist schwierig. In Berlin haben sie alles – nur keine Zeit.

Rudi Gutendorf (76)

war der dritte von vier HerthaTrainern in der Saison 1985/86. Am Ende stieg die Mannschaft in die drittklassige Oberliga ab. Heute sucht Gutendorf einen neuen Trainerjob.

Also, erst einmal muss klar sein: In Deutschland gibt es überhaupt keine Spitzenmannschaften mehr. Die Bayern sind im europäischen Maßstab zurückgefallen, und in Leverkusen wird das wohl auch nichts mehr. Hertha gehört national zu den vier, fünf guten Klubs. Das ist schon mal eine ganze Menge. Zudem wird Herthas Mannschaft in den nächsten Jahren eher stärker werden, denn Marcelinho ist ein Weltklassemann, der das Team zu Erfolgen führen kann. So gesehen ist die Lage eigentlich phantastisch. Das Einzige, was noch fehlt, ist die Konstanz. Das ist auch ein Problem des Trainers. Huub Stevens ist sicher ein guter Fachmann, aber in punkto Motivation ist er nicht der Stärkste. Ich habe oft den Eindruck, dass die Mannschaft in den Spielen nicht als geballte Einheit auf den Rasen geht. Eine Handschrift des Trainers sehe ich noch nicht. Mir scheint, dass Herrn Stevens etwas abgeht, was einem anderen Trainer auch total fehlt. Ich meine Ausstrahlung und Charisma. Und ich meine Berti Vogts.

Falko Götz (40)

übernahm als Trainer im Februar 2002 die Hertha-Profis und führte sie in den Uefa-Cup. Nach der Verpflichtung von Huub Stevens hospitierte er bei mehreren Vereinen, zuletzt beim OSC Nizza.

Hertha befindet sich nicht in einer Sphäre mit dem AC Mailand und Real Madrid. Aber in der Bundesliga ist Hertha sehr wohl ein Spitzenklub. Wer hat sich denn schon in den letzten vier Jahren hintereinander für den Europapokal qualifiziert? Der Anspruch ist hoch, das ist die Hauptstadt. Der Berliner will nur Spitzenleistungen sehen, nichts anderes. Das muss jeder wissen, der bei Hertha arbeitet. Nörgeln ist hier Alltag. Trotzdem: Der Qualitätssprung sollte nun bald kommen, und den können sie auch schaffen. Dass Manager Hoeneß sagt, sie wollen bis 2006 Meister werden, schützt nicht vor einem Pokal-Sieg.

Holger Brück (55)

bestritt 261 Bundesligaspiele für Hertha. Dabei wurde er 1975 Vizemeister und stand 1977 und 1979 im DFB-Pokalfinale. Heute ist er Vorstandschef bei Hessen Kassel.

Hertha gehört zu den fünf, sechs Spitzenmannschaften – das ist doch keine Frage. Es wäre schön, wenn sie Meister werden. Und es wäre auch langsam Zeit. Der Riese ist erwacht, jetzt haben sie in Berlin den Normalzustand erreicht. Mehr aber nicht. Hätte sich Huub Stevens hingestellt und gesagt: wir sind eine Spitzenmannschaft, dann hätten ihn alle zerpflückt. Für einen guten Namen im Bundesgebiet reicht es noch nicht. Vielleicht ist ja der Marcelinho nicht der richtige Regisseur für das Team. Hertha braucht einen echten Typen, einen, der unbequem ist, der den Mund aufmacht und meckert. So einen richtigen Berliner halt. Der Marcelinho ist ein Riesenfußballer, aber er ist zu still.

Bernd Stange (54)

trainierte Hertha zwischen 1991 und 1992 in der Zweiten Liga. Ihm gelang der Einkauf von Mario Basler für gerade einmal 150 000 Mark. Der einstige DDR-Auswahlcoach will jetzt Nationaltrainer des Irak werden.

Langsam, langsam. In Berlin herrscht immer Ungeduld. Das verunsichert die Hertha schon seit Jahren. Wegen der hohen Erwartungen wird aus jedem Rückschlag, der völlig normal ist, und aus jedem Fehleinkauf, der auch mal völlig normal ist, ein Riesen- Skandal. Hertha BSC war vor ein paar Jahren noch hoffnungslos verschuldet und stand vor dem Absturz in die Regionalliga, jetzt gehören die schon fast in eine Klasse mit den Bayern. Hertha hat sich stürmisch entwickelt. Ein paar Rückschläge sollte man in Berlin wegstecken. Geduld gehört auch zu einer Spitzenmannschaft.

Heikko Glöde (41)

hat in elf Bundesliga- und 108 Zweitligaspielen in den Achtzigerjahren 31 Tore für Hertha erzielt. Glöde ist inzwischen Jugendtrainer beim VfL Wolfsburg.

In Berlin haben sie vor der Saison von der Champions League gesprochen. Das war ein kühner Spruch. Das Potenzial hat Hertha. Aber die können nicht einfach das in sechs Jahren aufholen, wozu die Bayern 30 Jahre gebraucht haben. Das Umfeld, die Strukturen – da ist Hertha ein Spitzenklub. Manager Dieter Hoeneß hat eine Top-Arbeit geleistet. Aber der Kader? Zu viel Mittelmaß. Trotzdem: Das ist nicht die Mannschaft von Huub Stevens. Bald laufen viele Verträge aus – dann muss sich Stevens messen lassen. Ausreden wird es keine mehr geben. Bei Hertha muss es krachen.

Aufgezeichnet von André Görke und Robert Ide.

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