Charles Blazer : Der korrupte Kronzeuge im Fifa-Skandal

Gefängnis oder Verrat: Wie der frühere Fußball-Funktionär Charles Blazer seine ehemaligen Kollegen in der Fifa-Spitze in die Falle lockte.

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Es waren einmal zwei gute Freunde. Charles Blazer (rechts) und Fifa-Präsident Joseph Blatter standen sich lange Zeit sehr nahe (das Foto zeigt beide beim Fifa-Kongress 2011 in Zürich). Doch mittlerweile ist Blatter nicht mehr gut auf den einstigen Vertrauten zu sprechen.
Es waren einmal zwei gute Freunde. Charles Blazer (rechts) und Fifa-Präsident Joseph Blatter standen sich lange Zeit sehr nahe...Foto: AFP/Coffrini

An einem Frühlingsmorgen Ende April 2011 landete ein Flugzeug aus der Karibikrepublik Trinidad und Tobago auf dem New Yorker Flughafen John F. Kennedy. An Bord befand sich neben diversen Touristen auch ein Kurier, der eine besondere Lieferung mit sich führte: einen Scheck über 250 000 Dollar, ausgestellt auf die „Caribbean Football Union“. Auftragsgemäß passierte er die Passkontrolle und den Zoll, ohne den Betrag zu melden, stieg in ein Taxi und fuhr zur edlen 5th Avenue, im Herzen Manhattans, wo die Hochhäuser in den Himmel wachsen und Tiffany’s seine Juwelen verkauft.

Der Kurier ließ sich an der 5th Avenue Ecke 56ste Straße vor dem Trump Tower absetzen, der von bronzefarbenem Glas dominiert wird und rohen, ungezügelten Reichtum ausstrahlt. Im 17. Stock erwartete ihn ein Mann, der mit seinem lockigen Haupthaar und dem silbergrauen Vollbart aussieht wie einst Karl Marx: Charles Blazer.

Blazer allerdings stand nicht im Ruf ein Mann der sozialen Gerechtigkeit zu sein, im Gegenteil: seine Spezialität war es, den Reichtum einiger Weniger zu vermehren; In seinem Blog posierte er auch als Weihnachtsmann. An diesem Apriltag 2011 galt die Bescherung dem Weihnachtsmann selbst: der Kurier übergab den Scheck an Blazer, ein paar Tage später ging das Geld auf dessen Privatkonto auf den Bahamas ein.

In jenem April 2011 war Charles Blazer, heute 70, noch auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er war Generalsekretär der Concacaf, wie die nordamerikanisch-karibische Filiale des Fußball-Weltverbands Fifa heißt. Er bereiste die Welt, traf sich mit den Staatschefs großer Nationen, sein Blog zeigt ihn im Zwiegespräch mit Wladimir Putin und in der Gesellschaft von Nelson Mandela. Blazer war ein mächtiger Drahtzieher in der korrupten Welt der Fifa, ein Mann mit viel Einfluss. Heute ist Charles Blazer die Schlüsselfigur in einem Skandal, der wie kaum einer zuvor die Fußballwelt erschüttert hat. Es war Blazer, der die Ermittler des FBI tief in das Innerste der Verschwörung geführt hat. Blazer wurde vom Drahtzieher zum Kronzeugen gegen die Fifa.

Aber die Geschichte des Charles Blazer handelt auch von einem kometenhaften Aufstieg von Männern aus einfachen Verhältnissen an die Spitze des internationalen Fußball. Sie erzählt, wie die Gier diese Männer und den Sport korrumpiert hat, wie sie mit Millionensummen jonglierten wie Lionel Messi mit dem Fußball; bis sie sich schließlich als absolutistische Herrscher gefühlt haben müssen. Der große König, Joseph Blatter, hat es vom PR-Chef eines Schweizer Verkehrsverbandes zu einem der mächtigsten Männer der Sportwelt gebracht. Der kleine König, Charles Blazer, war einst „Soccer Dad“ in New York, bevor er zum wichtigsten amerikanischen Fußballfunktionär aufstieg.

Auf Kosten des Verbands ließ Blazer edle Wohnungen anmieten

Es war Ende der Siebziger Jahre, Fußball hatte nur eine Nebenrolle im Wettbewerb der US-Sportarten, in dem die weißen Jungs Baseball spielten und die schwarzen Basketball. Jason Blazer aber wollte Fußball spielen. In New Rochelle, nördlich der Bronx, gab es allerdings keine Mannschaft für den Sechsjährigen, und so musste Jasons Vater Charles etwas eigenes auf die Beine stellen. In den Vereinigten Staaten ist es nicht unüblich, dass Eltern Teams für ihre Kinder formen. Blazer wurde Jasons Trainer. Damit begann Charles Blazers Karriere an den Seitenlinien des Fußballs.

Sein Geld verdiente er damals mit bedruckten runden Ansteckern, Buttons genannt. Aus vielen Einzelteilen kann man die Geschichte Blazers so rekonstruieren. Es war die Zeit, als die gelben Smiley-Gesichter in Mode kamen. Blazer druckte Smileys, davon verstand er etwas, mehr jedenfalls, als vom Trainergeschäft. Seine Stärken lagen im Organisieren und Arrangieren. Er fing an, den Spielplan der kleinen Fußballer gegen andere Teams zusammenzustellen. Er organisierte das Saison-Abschlussessen der Mannschaft. Und irgendwann muss ihn die Leidenschaft gepackt haben. Über regionale Verbandsjobs stieg er erst zum Vize-Präsidenten des US-Fußballverbands auf, dann von 1990 bis 2011 zum Generalsekretär der Concacaf. Schließlich wurde er von 1997 bis 2013 Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa.

Dort stieß Blazer auf Jack Warner, einen umtriebigen Geschäftsmann aus Trinidad und Tobago, der ebenso ehrgeizig und machtbewusst war. Gemeinsam begannen sie, ein Fußballimperium auf dem amerikanischen Kontinent aufzubauen.

Blazer organisierte für Warner den Wahlkampf, damit dieser Präsident der Concacaf werden konnte. Gemeinsam führten sie die Verhandlungen über Turniere und Vermarktungsrechte, Blazer wickelte die Geschäfte ab. Die beiden hätten sich „gegenseitig unterstützt und geschützt“, heißt es in der Anklageschrift der New Yorker Ermittler.

Der Partner. Mit Jack Warner arbeitete Blazer bestechend zusammen.
Der Partner. Mit Jack Warner arbeitete Blazer bestechend zusammen.Foto: dpa/Viarruel

Der Gold-Cup ist für die Concacaf das, was für den europäischen Verband Uefa die Fußball-EM ist. Und seit dem vergangenen Mittwoch, seit die Fahnder die Anklage gegen Warner und ein gutes Dutzend anderer Funktionäre vorgelegt haben, weiß man, worum es für die Beteiligten dabei ging: ohne Bestechungsgelder in Millionenhöhe um nichts, mit Bestechung um alles.1994 vergab Blazer die Vermarktungsrechte für den Gold-Cup exklusiv an eine Firma mit Sitz in Mexiko, die dafür an Blazer und Warner zahlte. Im Gegenzug durfte das Unternehmen die Übertragungsrechte von 1996 bis 2003 vermarkten und erhielt einen Anteil an den Ticketerlösen. In den Ermittlungsakten der New Yorker Staatsanwaltschaft ist die Bestechung akribisch ausgeführt. Insgesamt flossen mindestens 800 000 Dollar.

Für Blazer eröffnete der Fußball einen Weg in die Welt der Schönen und Reichen, in ein Leben der Privatjets, des Luxus und der Prominenz. Mit der Concacaf vereinbarte er, dass zehn Prozent jeder Einnahme an ihn gehen sollten, bald nannten sie ihn nur noch „Mister zehn Prozent“. Als Dienstwagen wählte er einen Hummer-Geländewagen, wie ihn Arnold Schwarzenegger gerne fährt. Im Trump Tower an der 5th Avenue ließ er sich auf Kosten des Verbands zwei Appartements für monatlich 18 000 Dollar anmieten. Gerne wird die Geschichte erzählt, er brauchte die zweite Wohnung für seine Katzen.

In einem Luxus-Residenzhotel in Miami erstand die Concacaf im Mai 2010 zwei weitere Appartements für Blazer, für den Schnäppchenpreis von 810 000 Dollar. Schon etwas teurer waren zwei zusätzliche Edel-Wohnungen in einem Resort auf den Bahamas, die ebenfalls für Blazer reserviert waren: 4,55 Millionen Dollar. Nach langem Hin und Her kam der Deal offenbar nur bei einem Objekt zustande. In der Anklageschrift sind außerdem noch Kreditkartenzahlungen in Höhe von mehr 29 Millionen US-Dollar verzeichnet. Die Gier hatte Besitz vom einstigen „Soccer Dad“ genommen.

Und auf der Weltbühne war noch mehr zu holen.

Blazer kooperierte und hörte Kollegen mit verstecktem Mikrofon ab

1992 war Blazer zusammen mit Jack Warner nach Marokko geflogen, um Mitglieder des marokkanischen Fußball-Verbandes zu treffen, die sich um die Weltmeisterschaft 1998 beworben hatten. Die Marokkaner boten den Männern Geld für deren Stimme. Das Geld floss, aber Marokko verlor dennoch, die WM ging an Frankreich.

Im Jahr 2004 flogen Warner und Blazer erneut nach Marokko. Die Marokkaner hatten sich abermals beworben, diesmal um die Austragung der WM 2010. Wieder boten sie Geld an, eine Million US-Dollar diesmal im Tausch gegen eine Stimme.

Warner und Blazer allerdings warteten ab, sie wollten erst das Angebot aus Südafrika hören, das sich ebenfalls beworben hatte. Tatsächlich boten die Südafrikaner mehr: zehn Millionen Dollar für die drei nordamerikanischen Stimmen bei der Abstimmung im Fifa-Exekutivkomitee. Warner sagte zu. Südafrika bekam die Weltmeisterschaft zugesprochen, mit 14 zu 10 Stimmen.

Blazers persönlicher Anteil an der Bestechungssumme sollte eine Million US-Dollar betragen. Tatsächlich erhielt er laut den Ermittlungsakten zwischen dem 19. Dezember 2008 und dem 3. Mai 2011 dann 750 000 US-Dollar.

Das System Warner-Blazer war unersättlich, die Gier der beiden Männer übergroß. Irgendwann musste es implodieren. Ab 2010 wuchs der Druck auf die Concacaf. „Öffentliche Anwürfe und andere Informationen“ hätten eine Untersuchung nötig werden lassen, heißt es in einem internen Untersuchungsbericht der Concacaf vom Juni 2012. Das Ansehen des Verbandes sei in Gefahr. Blazer und Warner, die in dem Bericht schwer belastet wurden, mussten ihre Posten im Zuge der Ermittlungen schon 2011 verlassen.

Für Blazer war es der Anfang vom Ende. An einem Abend im November 2011 machte er sich vom Trump Tower auf den Weg in eines der New Yorker Edelrestaurants in Upper Manhattan. Ein Motorroller trug den übergewichtigen Mann die 5th Avenue entlang. Was er nicht wusste war, dass ihn das FBI und die amerikanische Steuerbehörde längst observierten. Zwei Agenten passten Blazer ab und stoppten ihn, bevor er ins Restaurant gehen konnte. „Wir können Sie jetzt in Handschellen mitnehmen – oder Sie kooperieren“, sagte einer der Agenten nach Recherchen der „New York Daily News“ zu ihm.

Blazer entschied sich für die zweite Option. Der ehemalige Generalsekretär hatte nicht nur seine eigenen Kontinentalverband ausgenommen. Seine Millionen hatte er auch nie versteuert. Jetzt stand er dafür zwischen Gefängnis und Verrat. Blazer ist es nie schwer gefallen, zu wissen wo seine Vorteile liegen – und so wurde er zum Kronzeugen. Unter anderem arrangierte er acht Monate später in London ein Treffen hochrangiger Fifa-Funktionäre. An einem Schlüsselanhänger trug er ein Mikrofon bei sich. Der Rest der Geschichte entrollt sich gerade vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Als die Polizei am Mittwoch die Funktionäre der Fifa im Schweizer Nobelhotel Baur au Lac abführte, lag Charles Blazer weit ab in einem Krankenhausbett. Die „New York Times“ hatte ihn im Weill Cornell Hospital an der 68sten Straße, nahe des East River in Manhattan aufgestöbert. Schon früher war bei ihm Darmkrebs diagnostiziert worden, den er angeblich überwunden hatte, aber die gesundheitlichen Probleme haben nicht aufgehört. Er ist erneut operiert worden, von dem mächtigen Lebemann von einst ist nicht viel geblieben. Der Mann, der der Welt einen Blick in den korrupten Kosmos der Fifa ermöglicht hat, verfolgte das Geschehen von Zürich auf seinem kleinen Smartphone.

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