• Chef von Streetfootballworld: "Die Fifa leistet nicht das, was sie leisten sollte"

Chef von Streetfootballworld : "Die Fifa leistet nicht das, was sie leisten sollte"

Jürgen Griesbeck, Chef von Streetfootballworld, über die fehlende soziale Verantwortung der Fifa und einen globalen Fußballfonds.

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Den Fußball zum Tanzen bringen. Das in Berlin-Moabit ansässige Netzwerk Streetfootballworld arbeitet weltweit mit mehr als 100 lokalen Organisationen zusammen, die alle sozialen Wandel durch Fußball erreichen wollen. Auf die Initiative von Streetfootballworld entstanden für die WM 2010 auch 20 „Football for Hope“-Center wie dieses in Lesotho.
Den Fußball zum Tanzen bringen. Das in Berlin-Moabit ansässige Netzwerk Streetfootballworld arbeitet weltweit mit mehr als 100...Foto: promo/Kick4Life

Herr Griesbeck, wird sich die Fifa mit Gianni Infantino als Präsident verbessern?

Die Rahmenbedingungen scheinen mit den Reformpunkten etwas günstiger zu werden. Andererseits ist die gesellschaftliche Verantwortung nicht wirklich präsent, also Themen wie Umverteilung der Ressourcen, Gleichberechtigung der Frau, auch in Führungspositionen, oder Investition in Fußball als Lösungsansatz für soziale Herausforderungen.

Wie hat die Günstlingswirtschaft in der Fifa die Graswurzelbewegung des Fußballs belastet, als die Sie sich verstehen?

Natürlich berührt es uns, weil die Fifa eine Verantwortung trägt und durch diese Reputationskatastrophe noch mehr mit sich selbst beschäftigt ist und viele Jahre damit zu tun haben wird, sich ins rechte Licht zu stellen. Aber es gibt auch eine ganz andere Seite, eine hoffnungsvolle.

Welche denn?

Es ist gerade ein Fenster geöffnet worden: Wann wenn nicht jetzt sollte man sich wirklich darauf besinnen, was denn die Daseinsberechtigung für eine Institution wie die Fifa ist? Klar, die großen Events wie die Weltmeisterschaften stattfinden zu lassen. Aber ist es im Wesentlichen nicht, dieses Weltkulturerbe Fußball zu schützen und zu entwickeln und aufblühen zu lassen? Dazu gehört, Fußball den Raum zu geben, um seine gesellschaftliche Wirkung zu entfalten.

Wie haben Sie diese Reputationskatastrophe zu spüren bekommen?

Mit der Frage: Wie kann es denn sein, dass ihr mit der Fifa zusammenarbeitet? Die Fifa ist unser Kunde, für den wir maßgeblich an der Corporate Social Responsibility Strategie mitgewirkt haben und für deren Umsetzung wir auch zum großen Teil verantwortlich sind. Dazu stehen wir auch und darauf sind wir stolz. Aber die Fifa sieht bis heute nicht, was wir machen und welche soziale Wirkung das hat.

Die Fifa hat Ihre Arbeit nicht einmal wertgeschätzt?

Die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich „Nachhaltigkeit“ war hervorragend, die Fifa als Institution hat aber bis heute weder das Potenzial verstanden noch die eigene Verantwortung. Die Arbeit wird als Randerscheinung wahrgenommen. Aber das Gute im Fußball gehört in den Kern des Geschäfts und darf nicht nur Charity sein.

Jürgen Griesbeck, 50, ist Gründer und Geschäftsführer von Streetfootballworld und Unleashfootball. 2011 wurde er als Sozialunternehmer des Jahres in Europa ausgezeichnet.
Jürgen Griesbeck, 50, ist Gründer und Geschäftsführer von Streetfootballworld und Unleashfootball. 2011 wurde er als...Foto: promo

Warum haben Sie sich denn auf eine Zusammenarbeit mit der Fifa eingelassen?

Man kann das System nur dann verändern, wenn man mit ihm zusammenarbeitet. Da können wir ja auch interessante Projekte verweisen: Fußball als Mittel zur Entwicklung hat über unser „Football for Hope“-Festival Eingang in die Weltmeisterschaften gefunden. Und über die „Football for Hope“-Center gab es 2010 erstmals ein nachvollziehbares Vermächtnis einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Wie sieht das aus?

Ein gutes Beispiel ist Lesotho. Dort ist eines der 20 „Football for Hope“-Center entstanden, 200 Quadratmeter Gebäude und ein Fußballplatz. Inzwischen haben sie dort ein Hotel angebaut, das sie selbst zum Arbeitgeber für eine ganze Menge ihrer Jugendlichen macht. Die sind Köche, Hotel- und Restaurantfachkräfte geworden. Das Center ist das erste Fußball-Sozialunternehmen geworden: FC Kick4Life. Sie haben bei den Männern ein Team in der ersten Liga von Lesotho, bei den Frauen sind sie Gründungsmitglied der ersten Liga. Und der Fußballspieler verdient genauso viel wie die Hotelfachkraft. Das als Vermächtnis Fußball-WM mit einer Investition von 200 000 Dollar – großartig.

Haben Sie dennoch in der aktuellen Krise in der Erwägung gezogen, die Zusammenarbeit mit der Fifa zu beenden?

Nein, denn wenn es um den globalen Fußball geht, ist die Fifa nun einmal der Ansprechpartner. Die Fifa hat ja die Verantwortung, aber sie leistet bei weitem nicht das, was sie leisten sollte. Für die letzten zehn Jahre können wir aber sagen: Da hat sie nahezu 50 Millionen Dollar sehr sinnvoll investiert. Nicht in uns. Sondern in soziale Wirkung durch Fußball.

Wohin ist das Geld geflossen?

Das allermeiste davon direkt in lokale Organisationen. Die Fifa hat, entgegen ihrer damals gültigen Regel, wonach alles über die nationalen Verbände läuft, zum ersten Mal einen Kanal direkt zu lokalen Organisationen geschaffen, die die Glaubwürdigkeit durch ihre Netzwerk-Mitgliedschaft bei Streetfootballworld erhalten hatten.

Warum ist dieser Kanal glaubwürdiger als die sonstige Entwicklungshilfe der Fifa?

Die Mitgliedorganisationen bei Streetfootballworld sind einerseits motiviert, es ist ihre Daseinsberechtigung, benachteiligten Menschen zu helfen. Andererseits durchlaufen sie einen immer wiederkehrenden und unabhängigen Integritäts- und Performance-Check. Als gemeinnützige Organisationen müssen sie zudem ihren jeweiligen Regierungen jährlich Rechenschaft ablegen und natürlich ihren Geldgebern sowieso.

Um die eigene Position zu stärken, bräuchten Sie Verbündete. Wer wäre das?

Sie haben Recht. Aber einerseits macht es uns das Leben schwer, dass die Loyalität zum Fußball so groß ist. Die Fans sind ihren Klubs, Lieblingsspielern, Nationalteams gegenüber loyal. Dadurch ist die Masse nicht richtig aktivierbar. Die negativen Schlagzeilen der Fifa sind für den einzelnen nicht wichtig genug. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir es mit einem System zu tun haben, das ungeheuer selbstgefällig ist. Und immer glaubt, die Lösungen in sich zu finden. In den Grundfesten wird nichts verändert.

Sie suchen also nicht nach Verbündeten?

Doch, aber es ist schwer aufgrund der Egos. Aber hier geht es nicht um den einzelnen, sondern um den Fußball als ganzen. Der Fußball als ganzes hat keine Vision, er weiß gar nicht, was er will. Jeder achtet darauf, wie er erfolgreich sein und in der Sonne stehen kann. Und verkennt dabei, dass der Fußball ein einzigartiges Instrument ist, das soziale Wirkung beschleunigt und verstärkt. Ob das in Bildungsfragen ist, bei der Gesundheit, in der Arbeitslosigkeit oder bei Migration und Flüchtlingsthematik. Da muss das System Verantwortung übernehmen.

Was schwebt Ihnen vor?

Es muss ein kollektives Bekenntnis geben, sagen wir ein Prozent des Umsatzes in das Gute des Fußballs zu investieren. Dann kann Real Madrid ja immer noch 99 Millionen für Gareth Bale bezahlen. Wir arbeiten im Moment mit eineinhalb Millionen Jugendlichen weltweit. Mit einem Prozent der Fußballerlöse könnten wir das mindestens verzwanzigfachen. Manchester City und St. Pauli würden deswegen nicht schlechter Fußball spielen.

Nochmal: Wer soll Sie etwa bei einem solchen globalen Fußballfonds unterstützen?

Für die Fifa sind wir schon Service Provider, mit der Uefa sprechen wir gerade. Es gibt Unternehmen, die wir fragen: Ihr investiert so viel in den Fußball, warum verbindet ihr nicht eure Sichtbarkeit mit dem, was der Fußball leisten kann? Ihr könntet so viele Geschichten erzählen, die nah an euren Produkten sind.

Was hat denn ein Verband oder ein Unternehmen davon, mit Ihnen zusammenzuarbeiten?

Wem gegenüber möchte denn der Unternehmen und der Fußball attraktiv sein? Es geht ihnen um diejenigen, die das ganze Business ermöglichen und das sind am Ende die Konsumenten. Die kaufen das Ticket, das Trikot und das TV-Paket. Aber wir wissen doch, dass für eine Konsumentscheidung die emotionale und soziale Komponente immer wichtiger wird.

Werden Sie an Ihrer Zusammenarbeit mit der Fifa etwas verändern?

Die Fifa kann so viele Probleme haben, wie sie möchte, aber solange es sie gibt, ist sie ein Spieler im Spiel. Und dann soll sie bitte so viel wie möglich dazu beitragen, dass wir gemeinsam unser Ziel erreichen. Die Fifa will bei der nächsten WM noch mehr Geld verdienen. Aber warum setzt sich der Fußball nicht ein anderes Ziel?

Welches denn?

Bis 2030 das Leben von 100 Millionen Jugendlichen verändert zu haben. Dann würde man alles, was im Fußball passiert, ganz anders verstehen und gestalten. Dann würde der Fußball eine Vorbildrolle übernehmen für andere Industrien. Am Ende der Investitionen stehen junge Menschen, die sonst eine Belastung für diese Gesellschaft geworden wären. Ob das ein potenziell Drogenabhängiger, Krimineller, Aids-Infizierter oder Arbeitsloser ist: Der Fußball kann einen Beitrag leisten, dass das nicht passiert.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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