Chefsache? : Blatter und die Frauen

Fifa-Präsident Joseph Blatter will in Deutschland seine Unterstützung für den Frauenfußball demonstrieren. Dabei macht der ranghöchste Fußballfunktionär nicht den Eindruck, als hätte er verstanden, worum es geht.

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Ungleiches Paar: OK-Chefin Steffi Jones und Fifa-Chef Joseph Blatter. Viel zu sagen hatten sich die beiden bei dem Termin in Berlin nicht.
Ungleiches Paar: OK-Chefin Steffi Jones und Fifa-Chef Joseph Blatter. Viel zu sagen hatten sich die beiden bei dem Termin in...Foto: AFP

Erin McLeod zögerte, während Celia Okoyino da Mbabi entschlossen lossprintete. So einfach ließ sich die Szene zusammenfassen, die der deutschen Nationalmannschaft der Frauen im Auftaktspiel der WM das vorentscheidende 2:0 bescherte. Nach 42 Minuten hatte Kerstin Garefrekes den Ball volley in den Lauf von Okoyino da Mbabi gespielt. Die kanadische Torhüterin McLeod tippelte dem Ball ein paar Schritte entgegen, ehe sie sich entschied, doch im Tor zu bleiben. Das war die falsche Wahl: Die einsam heranstürmende Okoyino da Mbabi hatte keine Mühe, den Ball zum 2:0 ins Tor zu bugsieren. Am Ende konnte sich die Mannschaft von Bundestrainerin Silvia Neid im Berliner Olympiastadion über einen wenig glanzvollen, aber kämpferisch verdienten 2:1 (2:0)-Sieg freuen, der ihr einen gelungenen Start in die Heim-WM beschert. „Es war ein verrücktes Spiel: Wir sind gar nicht gut reingekommen und schießen vor der Pause trotzdem zwei Tore“, sagte Neid. „In der zweiten Halbzeit haben wir dann viel besser kombiniert, dafür aber kein Tor mehr gemacht.“

Ohne Gegentor hatten die Deutschen die komplette WM 2007 sowie ihre gesamte Turniervorbereitung absolviert – und wären doch schon kurz nach dem Anpfiff fast in Rückstand geraten. Nach sechs Minuten verlor Simone Laudehr den Ball, die kanadische Kapitänin Christine Sinclair stürmte davon, der Schuss ging allerdings über das Tor von Nadine Angerer. Sinclair hatte vor dem Spiel gesagt, das Wichtigste für ihre Mannschaft sei, die erste Viertelstunde ohne Gegentor zu überstehen. Das sollte Kanada nicht vergönnt sein. Nach zehn Minuten flankte die Potsdamerin Babett Peter von der linken Seite, am zweiten Pfosten stieg Garefrekes deutlich höher als ihre Gegenspielerin und traf per Kopf zum 1:0. Eine besseren Start nach der ersten Schrecksekunde hätten sich wohl weder Silvia Neid noch die deutschen Fans unter den 73 680 Zuschauern wünschen können.

Kanada kombinierte sich mehrmals durch das Mittelfeld vor das deutsche Tor, allerdings fehlte es dem Team der italienischen Trainerin Carolina Morace an der letzten Konsequenz im Strafraum. Neid kritisierte nach dem Spiel, ihre Mannschaft habe es viel zu oft mit langen Bällen versucht, anstatt sich wie geplant mit Passstafetten nach vorne zu arbeiten. Neids Mannschaft wurde immer dann gefährlich, wenn sich die Außenspielerinnen Melanie Behringer und Garefrekes mit diagonalen Pässen gegenseitig auf den Weg schickten. Dadurch ergaben sich auch Räume in der Mitte, die Garefrekes mit ihrem Pass zum 2:0 auf Celia Okoyino da Mbabi nutzte. Schiedsrichterin Jacqui Melksham unterbrach das Spiel nicht, als die deutsche Stürmerin Richtung Tor startete, die Australierin lag damit richtig. „In dem Moment, als der Pass kam, hab ich nur gedacht: Oh! Kein Abseits! Hinterher!“, sagte Okoyino da Mbabi, die keinen Laufweg scheute und großen Anteil am Halbzeitstand von 2:0 hatte.

Zehn Minuten nach dem Seitenwechsel brachte Neid Alexandra Popp für Birgit Prinz, die sich nicht ein einziges Mal durchsetzen konnte. Mit der Einwechslung von Popp kam mehr Tempo ins deutsche Spiel. Nach einer guten Stunde hatte sie ihre erste Chance, ihr beherzter Schuss aus 20 Metern strich knapp über die Latte. Kurz darauf starrte erneut alles auf Popp, die in guter Schussposition hervorragend auf Garefrekes quer legte: Die Frankfurterin hätte den Ball nur noch über die Linie drücken müssen, geriet aber in Rücklage, der Ball kam erst kurz vor dem Marathontor zum Liegen. „Natürlich war das eine tausendprozentige Chance“, sagte Garefrekes. „Wenn man die vergibt, ist das kein schönes Gefühl.“

Die Kanadierinnen wirkten jetzt müde, trotzdem konnte der Weltranglistensechste völlig überraschend verkürzen: Christine Sinclair zirkelte einen Freistoß aus 20 Metern kunstvoll ins obere rechte Toreck. Angerer streckte sich vergeblich, nach 82 Minuten war ihre unglaubliche WM-Serie also gerissen. Nach dem Spiel teilte Kanadas Trainerin lapidar mit, die Torschützin Sinclair habe zu diesem Zeitpunkt längst mit einer gebrochenen Nase gespielt. „Der Arzt hat ihr gesagt, sie soll sich auf jeden Fall auswechseln lassen“, sagte Morace. „Sie wollte aber nicht.“

Nach dem Gegentreffer schien Neids Team kurz zu wanken, die Einwechslungen von Inka Grings und der viel zu verspielten Fatmire Bajramaj hatten dem deutschen Spiel nicht gut getan. Als Bajramaj eine Konterchance vergab, weil sie ohne den Kopf zu heben direkt in eine Gegenspielerin dribbelte, regte sich Neid an der Seitenlinie wahnsinnig auf. Doch den Kanadierinnen fehlte die Kraft, um ernsthaft auf den Ausgleich zu drängen. Beim Schlusspfiff riss Nadine Angerer die Arme in die Luft, Innenverteidigerin Annike Krahn ließ sich erschöpft zu Boden fallen.

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