Chelsea - Barcelona : Zerstörer gegen Zauberer

Der FC Barcelona beschwert sich über Chelseas Ergebnisfußball und den deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark.

Julia Macher[Barcelona]

Barcelonas Mittelfeldspieler Xavi stand im Bauch des Camp-Nou-Stadions und schnaubte: „Fair play, fair play! Immer zu spricht die Uefa von fair play – und dann so etwas!“ Xavis Trainer Pep Guardiola schimpfte über den deutschen Referee Wolfgang Stark: „Das war klares Gelb!“ Die beiden Katalanen regten sich neben Stark auch über dessen Landsmann Michael Ballack auf, der dem schmächtigen Andrés Iniesta gegen Ende der zweiten Halbzeit beim Weg in den Strafraum in die Quere gekommen war. Bereits nach einer halben Stunde hatte Ballack nach groben Foul an Thierry Henry Gelb gesehen, eine zweite Verwarnung durch Stark hätte einen Platzverweis für Ballack bedeutet. So aber blieb Ballack auf dem Feld und Chelsea hielt im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals das 0:0.

Der wahre Grund für die Erregung der Gastgeber lag aber tiefer: Die Gastgeber waren an der körperbetonten und defensiven Spielweise des FC Chelsea gescheitert. Samuel Eto’o, Thierry Henry und Lionel Messi gelangten kaum in den Strafraum, die wenigen torgefährlichen Schüsse von Eto’o und Dani Alves parierte Torwart Petr Cech gekonnt. Es ist bereits das zweite Mal in Folge, dass der FC Barcelona im Halbfinale an den Defensivkünsten eines englischen Teams zu scheitern droht. Nach Manchester United im Vorjahr führte jetzt die Blockadetaktik des Interimcoachs Guus Hiddink im Verbund mit der Kraftmeierei von Spielern wie John Obi Mikel, Michael Essien und eben Ballack das Team an seine Grenzen.

Nun könnte man glauben, dass sich auch in Barcelona die Einsicht durchsetzt, dass eine den Angriff zerstörende Defensive im Spitzenfußball eine legitime Strategie ist, aber im Reich des direkten Passspiels und der Dribbelkünstler gilt so etwas als schäbig. „Es kann nicht sein, dass das Spiel dominierende Team genauso viele Gelbe Karten bekommt, wie eines, das nur zerstört,“ zeterte Guardiola, in der Hand die Statistik, die sieben von den Katalanen und zwanzig von den Engländern begangene Fouls verzeichnete. Das Barca-Hausblatt „El Mundo Deportivo“ empörte sich darüber, dass Schiedsrichter Stark nicht auf Elfmeter entschied, als Thierry Henry nach einem Schulterzupfer von José Bosingwa im Strafraum zu Boden ging: „Anscheinend hatte Wolfgang Stark, ein gebürtiger Bayer, das Bayern-Debakel noch nicht richtig verdaut.“

Am Dienstag prallten nicht nur Körper, sondern auch zwei Fußballphilosophien zusammen. Bei Chelsea sprach keiner von Referees, Verhinderungsfußball oder übertriebener Härte – im Gegenteil. „Das war eine fast fehlerlose Vorstellung, die den Trainer, den Klub und uns stolz macht“, schwärmte Kapitän John Terry. Und Ballack ergänzte: „Hier musst du erst mal verteidigen, bevor du ans Angreifen denken kannst.“ Durch Konter hatte sich Chelsea dennoch wenige Torchancen erarbeitet. Nach einem Fehler von Rafael Márquez, der später einen Meniskusriss erlitt und bis Saisonende ausfällt, hatte Didier Drogba die große Chance zur Führung, scheiterte jedoch an Torwart Victor Valdes. Zu Beginn der zweiten Hälfte hätte Ballack fast getroffen, köpfte aber knapp über die Latte.

Beim Rückspiel am Mittwoch stehen die Chancen für Chelsea gut, Barcelona hingegen muss sich zunächst auf dasDerby gegen Real Madrid am Samstag konzentrieren. „Der FC Barcelona hat in dieser Woche viel zu gewinnen, aber auch einiges zu verlieren“, sagte Ballack. Kleiner Trost für die Katalanen: An der Stamford Bridge wird der Kapitän der deutschen Nationalelf vorsichtiger agieren, denn eine dritte Gelbe Karte im laufenden Wettbewerb bedeutet eine Sperre fürs mögliche Finale. Und nochmals wie bei der WM 2002 ein Endspiel von der Tribüne aus zu beobachten, möchte Ballack sicher nicht.

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