Chelsea gegen Liverpool : Ein urenglisches Match

So macht Fußball Spaß: Das 4:4 zwischen Chelsea und Liverpool in der Champions League bot atemberaubenden Angriffsfußball.

Raphael Honigstein[London]
Ballack
Ballacks Sprung. Der letzte Deutsche in der Champions League (links) musste mit Chelsea bis zum Schluss zittern. -Foto: dpa

Natürlich hätte man das Ergebnis vorhersehen können. Wie der britische Buchmacher Paddy Power am Morgen danach bekannt gab, hatten sich exakt 264 Experten auf ein 4:4 zwischen dem FC Chelsea und dem FC Liverpool an der Stamford Bridge festgelegt. Die Traumquote von 500:1 bescherte ihnen zusammen einen Gewinn von umgerechnet 254 000 Euro. „Wenn diese zwei Mannschaften gegeneinander spielen, wird es immer Tore geben“, sagte Chelsea-Trainer Guus Hiddink, nachdem das Endresultat seinen Puls von „160, 180 in der ersten Halbzeit“ wieder auf Normalgeschwindigkeit gedrosselt hatte.

Aber acht Tore, gleichmäßig auf beide Seiten verteilt? Falls die Wettquote statistisch akkurat war, geht von fünfhundert Spielen höchstens eines so aus. Rafael Benítez, dem spanischen Datenfetischisten, der seine Kicker streng nach Computerwerten aufstellt, schien diese Wahrscheinlichkeit jedenfalls zu gering: Der Liverpooler Trainer hatte zehn Minuten vor Schluss beim Stand von 3:2 für Chelsea (6:4 in der Gesamtwertung) seinen Stürmerstar Fernando Torres ausgewechselt. Der Spanier sollte offensichtlich für das Meisterschaftsrennen geschont werden, für ihn hatte das französische Talent David Ngog, 20, den Rasen betreten. Benítez’ Wechsel zeigte, dass dem englischen Rekordmeister als einzigem Klub in Europa der Triumph im heimischen Wettbewerb wichtiger als die Königsklasse ist. Man wartet seit 1990 auf den Ligatitel.

Doch Liverpool, das nach 2:0-Führung in der ersten Hälfte die Heimmannschaft noch einmal hatte herankommen lassen, gab sich trotz der 1:3-Hinspielniederlage immer noch nicht geschlagen. Binnen zwei Minuten kamen die Reds mit zwei Toren bis auf einen Treffer an eines der unmöglichsten Comebacks in der Europapokalgeschichte heran. Chelseas Frank Lampard machte dem Irrsinn schließlich in der 89. Minute ein Ende. Endstand 4:4.

„Wir sind nicht zufrieden mit dem Resultat, aber wenn man so verliert, darf man stolz sein“, sagte Benítez, der „ein, zwei Unachtsamkeiten“ für das Aus verantwortlich machte. Ein paar mehr waren es allerdings schon gewesen – auf beiden Seiten.

Unerklärliche Missgeschicke der beiden Torhüter, Stimmungsschwankungen der ohne ihre Kapitäne Gerrard und Terry ein wenig auf sich allein gestellten Teams und Konzentrationslücken in den Abwehrreihen, die auch einer Herde von Gnus freies Geleit gewährt hätten, verwandelten das Duell der ewigen Champions- League-Konkurrenten in einen genreübergreifenden Slapstick-Thriller. Der Spielverlauf machte sich über die gewieften Pläne der Meistertrainer lustig; das wilde Spektakel hatte mit den taktisch verklemmten, übertrieben defensiven Auseinandersetzungen der Mourinho-Jahre nichts mehr gemein. Atemberaubender, grob fahrlässiger Angriffsfußball war das am Dienstagabend, ein urenglisches Match, wie man es auf der Insel heute meist nur noch in verklärten Rückblicken auf vermeintlich goldene Zeiten erlebt.

Falls auf internationalem Niveau wirklich, wie gerne behauptet, die Fehler entscheiden, hätten beide Mannschaften eigentlich auf der Stelle disqualifiziert gehört. „Steht dieses Spiel für die langweilige, berechenbare Dominanz der englischen Vereine in der Champions League? Dann bitte jede Woche so“, jubelte der „Independent“. Hiddink, der nach Chelseas lethargischer Nicht-Leistung in den ersten 45 Minuten in der Kabine laut geworden war, ahnte jedoch, dass die Blues im Halbfinale gegen Barcelona so eher nicht bestehen können. „Man kann einer technisch versierten, fortgeschrittenen Mannschaft nicht so viel Raum und Zeit lassen“, rügte der Niederländer, dem gegen die Katalanen nach der Sperre von Ashley Cole ein echter Linksverteidiger fehlt.

Lionel Messi sollte sich laut Ballack aber nicht zu früh freuen. „Wir haben heute eine der überragenden Mannschaften besiegt und ein Zeichen gesetzt“, sagte der letzte verbliebene Deutsche im Wettbewerb erleichtert, „das gibt uns den Glauben, auch gegen den vermeintlichen Topfavoriten zu bestehen.“ Voriges Jahr sei Chelsea im Finale gewesen, nicht Barcelona, fügte er angriffslustig hinzu. Der Wettanbieter Paddy Power sieht die Blauen übrigens als krasse Außenseiter. Es kann also nichts schief gehen.

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