Sport : Chelsea und die Anderen

Vor dem Saisonstart fragen sich die Engländer, ob der Titelverteidiger überhaupt zu schlagen ist

Raphael Honigstein[London]

Wenn es um Sport geht, dann ist in England derzeit Cricket im Mittelpunkt des Interesses. Schließlich scheinen die Engländer erstmals seit 1987 in ihrem Nationalsport die Chance zu haben, die Australier in einer Testserie zu bezwingen. 1:1 steht es nach zwei Spielen, drei Siege sind nötig. Vom Fußball hingegen scheint das Volk eher gelangweilt zu sein. Insbesondere von der Premier League, die an diesem Wochenende in ihre neue Saison startet. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind viele einig, dass der Meister des Vorjahres auch diese Saison nicht zu schlagen ist. Der Guardian schrieb am Donnerstag von der „Meisterschaft zweier Mannschaften“ und meinte damit ein internes Duell um die Stammplätze in einem Team: Denn der FC Chelsea könnte mit seinem Personal mühelos zwei übermächtige Mannschaften zusammenstellen.

Trainer José Mourinho hat seinen großen Plan – die gleichwertige Doppelbesetzung jeder Position – fast schon verwirklicht. Der laufstarke Spanier Asier del Horno (für zwölf Millionen Euro von Athletic Bilbao gekommen), wird auf der linken Abwehrseite für Dynamik sorgen. Vorne darf der Argentinier Hernan Crespo die Tore machen, wenn Didier Drogba mal einen seiner schlechten Tage hat. Shaun Wright-Philips ist die 30 Millionen-Euro-Alternative auf den Flügeln. Und Michael Essien von Olympique Lyon wird auch bald da sein. Präsident Jean-Michel Aulas feilscht gerade in Südfrankreich mit Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch um die letzten Millionen für Europas begehrtesten Mittelfeldspieler.

Arsenals Trainer Arsène Wenger hat da ganz andere Probleme. Mit dem jungen, technisch starken, schnellen und etwas launischen Alexander Hleb hat er zwar wie jedes Jahr einen neuen, typischen Arsenal-Spieler in seinem Aufgebot. Doch der ehemalige Stuttgarter wird den zu Juventus Turin abgewanderten Kapitän Patrick Vieira im zentralen Mittelfeld sicher nicht ersetzen können. Wenger hätte gerne Essien und Shaun Wright-Philips gehabt. Aussichtslos. „Es gibt zwei Märkte. Einen für Chelsea und einen für alle anderen“, hat der Franzose festgestellt. Ob der FC Arsenal den Meister fordern kann, wird sich schon in zehn Tagen – beim Derby an der Stamford Bridge – herausstellen. Nicht mal die Arsenal-Fans sind derzeit optimistisch.

Mehr Hoffnung, Chelsea ärgern zu können, macht sich Alex Ferguson. Manchester United hat nach der Übernahme des Vereins durch die amerikanische Glazer-Familie mehr Geld. Sein Sturm mit Wayne Rooney, Ruud van Nistelrooy und Cristiano Ronaldo war in der Vorbereitung schon in prächtiger Frühform und mit Edwin van der Sar hat Manchester endlich auch wieder einen soliden Torhüter. Rio Ferdinand hat seinen Vertrag verlängert, bis 2009 bekommt der Nationalverteidiger 100000 Pfund die Woche. Die überwiegende Mehrheit der Fans hat sich nach den vielen Unmutsbekundungen inzwischen mit dem neuen Besitzer, dem US-Amerikaner Malcolm Glazer, abgefunden. Mit der Meisterschaft dürfte es aber wieder nichts werden.

Und sonst? Liverpool hofft nach dem Triumph in der Champions League auch auf den ganz großen Erfolg in der Liga, im Wesentlichen mit angestammtem Personal um den englischen Nationalspieler Steven Gerrard und den deutschen Nationalspieler Dietmar Hamann. Tottenham Hotspur hat unterdessen aufgerüstet und hofft, dass Edgar Davids mehr Biss ins Spiel bringt. Und Englands Liga ist die letzte in Europa, in der es eine finanzstarke Mittelklasse gibt. Birmingham holte für einen Millionenbetrag Walter Pandiani von La Coruña, und Bolton verpflichtete Mexikos Kopfballspezialisten Jared Borgetti.

Vielleicht gibt es auch bald einen ganz neuen Großverein. Der umtriebige Fußballinvestor Kiavash Joorabchian, Mitbesitzer von Corinthians in Brasilien, hat Aufsteiger West Ham United ein Kaufangebot in Höhe von gut 100 Millionen Euro gemacht. Der Perser mit britischem Pass will nach der Übernahme zusätzlich 75 bis 90 Millionen Euro in den Verein stecken. Doch noch ziert sich der Vorstand des mit 45 Millionen Euro verschuldeten Traditionsklubs.

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