Sport : Chicago Bulls: Bullen als Schlachtvieh

Stefan Liwocha

Den Fans der Chicago Bulls kommen im United Center beim Blick an die Hallendecke regelmäßig die Tränen. Sechs Meisterschafts-Banner hängen dort sauber aufgereiht, hinzu kommt noch eine rötlich leuchtende "72". Erinnerungen an phantastische Basketballzeiten. Vor fünf Jahren war es, als das Team um Superstar Michael Jordan Geschichte schrieb. Die spektakuläre Saison 1995/96 endete mit 72 Siegen bei nur zehn Niederlagen.

Aus den einstigen "Beatles des Basketballs" (Los Angeles Times) ist ein Panik-Orchester geworden, das nur noch negative Rekorde aufstellt. Bei nur neun Siegen und 46 Niederlagen ist das Team momentan klar Tabellenletzter der National Basketball Association (NBA). Unlängst wurden die Bulls gleich 16-mal in Folge auf die Hörner genommen. Eine derartige Niederlagenserie hatte der Klub bis dahin noch nie kassiert. "Es ist ungemein frustrierend", klagt Elton Brand, der Leistungsträger der Dauerverlierer, "schließlich will man als Profi nicht mit der Einstellung in ein Spiel gehen: Wir haben ja sowieso keine Chance."

Auch andere ehemals dominante NBA-Klubs kennen das Problem, den Abwärtstrend nach dem Karriereende ihrer Stars stoppen zu müssen. Die Los Angeles Lakers, deren Darbietungen in den 80er Jahren mit Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar nur "Showtime" genannt wurden, benötigten neun Jahre, um wieder ein NBA-Finale zu erreichen. Die Boston Celtics haben immer noch keinen Weg gefunden, um nach der Larry-Bird-Ära wieder für Furore zu sorgen. Doch in keinem Fall war der Absturz so gnadenlos wie bei den Bulls. Deren deprimierende Bilanz der vergangenen drei Jahre steht bei 39 Siegen und 148 Niederlagen. Und es gibt kaum Anzeichen, dass es mit der Mannschaft möglichst bald aufwärts geht. "Ich bin der letzte Mensch auf der Welt, der über die gegenwärtige Situation glücklich ist", sagt Manager Jerry Krause, "es sind schwere Zeiten, aber wir dürfen nur nach vorne schauen und nicht zurück."

Krause halten die Fans in Chicago für den Schuldigen am Niedergang der Bulls. Er hatte das Traum-Ensemble nach dem Gewinn der sechsten Meisterschaft 1998 aufgelöst, um durch neuerworbene Spieler, deren Vertrag gerade ausläuft (Free agents), eine verjüngte Mannschaft aufzubauen. Doch dem Manager gelang nur beim Draft 1999 mit Elton Brand ein Glücksgriff. Brand wurde sofort bester neuer Spieler und ist momentan mit einem Punktedurchschnitt von 20,3 Punkten bester Werfer. Doch ansonsten ging sein Plan völlig schief. Die Bulls buhlten im Sommer um Tracy McGrady und Eddie Jones, doch die gaben den Dauer-Verlierern einen Korb und heuerten in Orlando und Miami an. Als Grund gaben sie wie andere Free agents an, dass sie lieber möglichst schnell um den Titel mitspielen wollen, als bei den Bulls als Schlachtvieh zu enden. Ein weiterer Grund für die Absagen liegt wohl auch darin, dass sowohl Michael Jordan als auch sein kongenialer Forward Scottie Pippen und der ehemalige Coach Phil Jackson vom Klub nicht immer mit dem gebührenden Respekt behandelt wurden.

"Wir wollten eigentlich weitermachen und hätten noch den einen oder anderen Titel nach Chicago geholt", sinnierte vor kurzem Michael Jordan, der nach jahrelangen Querelen am 13. Januar 1999 offiziell seinen Rücktritt erklärt hat. Bis heute wundert es den bekanntesten Basketballer aller Zeiten, dass er nach seinen Verdiensten um die Bulls nie einen Posten im Management angeboten bekam. "Nicht, dass ich ihn sofort genommen hätte", sagte Jordan, "aber es wäre eine schöne Geste gewesen." Mittlerweile versucht der Multi-Millionär als Mitbesitzer den NBA-Klub Washington Wizards erfolgreich zu managen. Zwar hat die Mannschaft aus der Hauptstadt bislang auch nur 13 Siege zu verzeichnen. Aber die Bulls spielen noch schlechter. "Sie spielen schrecklich und sorgen in der Stadt für eine depressive Atmosphäre", sagt Brett Biggs von der "Chicago Sun", "wir alle hoffen auf ein baldiges Wunder."

Aus dem einstigen Meisterteam ist kein einziger Spieler übrig geblieben, und auf die unbequeme Ochsentour quer durch die USA begeben sich momentan Akteure wie Fred Hoiberg und Jamal Crawford. Diese weitgehend Unbekannten müssen nun für die unaufhörlichen Siege ihrer prominenten Vorgänger büßen. Da Jordan und seine damaligen Kollegen die Rivalen von der Ostküste in deren Hallen gern vorführten, sind Teams wie die New York Knicks, Indiana Pacers oder Detroit Pistons immer noch auf Vergeltung aus. Ein TV-Kommentator sagt: "Sie wollen Chicago nicht besiegen, sondern beerdigen." Begraben ist auch in dieser Saison längst der Traum, nach 1998 endlich wieder einmal die Play-offs zu erreichen. "Auch wenn wir viele junge Spieler in unseren Reihen haben", meint Ron Mercer, "ich hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde." Zum freien Fall.

An die gute alte Basketball-Zeit erinnert in Chicago derzeit nur noch das in Stein gehauene Ebenbild von Michael Jordan vor der Halle. Das berühmte Denkmal können die Anhänger übrigens als Miniatur-Ausgabe im Fanshop der Bulls kaufen. Dies ist aber nur ein sehr kleiner Trost.

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