Sport : Chile gegen Niemanden

Die UdSSR wollte 1973 nicht gegen Pinochets Land antreten. 15 000 Zuschauer sahen ein Spiel auf ein Tor

Fabian Jonas
Terrier trifft König. Die Revanche
Terrier trifft König. Die RevancheFoto: IMAGO

Es war eines dieser Tacklings, bei denen Berti Vogts sehr wenig vom Ball und sehr viel vom Gegenspieler erwischte. Chiles Stürmer Carlos Caszely jedenfalls reichte es im ersten Vorrundenspiel der WM 1974. Er rappelte sich auf und trat nun seinerseits Vogts über den Haufen. Wenige Sekunden später war er der erste Spieler, der bei einer Weltmeisterschaft die vier Jahre zuvor eingeführte Rote Karte sah.

Doch nicht nur wegen dieser Szene trug Caszelys WM-Karriere merkwürdige Züge. Er war auch Teil jener Elf, die das wohl absurdeste Spiel der Fußballgeschichte absolvierte: Chile gegen Niemanden. Unter dem deutschen Trainer Rudi Gutendorf hatte sich das bis dahin sozialistische Land für die WM-Relegationsspiele gegen die UdSSR qualifiziert. Doch im September 1973 putschte sich General Augusto Pinochet an die Macht. Gutendorf, der mit dem gestürzten Präsidenten Salvador Allende befreundet war, flüchtete. Die Sowjetunion legte Protest gegen das Rückspiel in Santiago ein. Die Partie sollte nach einem 0:0 in Moskau am 21. November 1973 im Nationalstadion stattfinden, wo zur selben Zeit Regimegegner gefangen gehalten, gefoltert und hingerichtet wurden. Auch Caszely war als Sympathisant Allendes bekannt, spielen wollte er trotzdem: „Meine Mannschaftskollegen und ich hielten nichts von der Vermischung von Fußball und Politik. Wir glaubten auch an eine Ausrede der Russen.“ Auch die Fifa war nicht an einer Störung des gewohnten Ablaufs interessiert. Weil die Sowjets ihre Drohung wahr machten, standen am Spieltag elf Chilenen alleine mit dem österreichischen Schiedsrichter auf dem Platz. Im riesigen Rund des Nationalstadions verloren sich 15 000 Zuschauer – Soldaten und geladene Gäste des Pinochet-Regimes. „Ich wäre am liebsten sofort wieder gegangen, doch der Schiedsrichter wies uns darauf hin, dass die Partie angepfiffen werden müsse, um die Qualifikation sicherzustellen“, so Caszely. Ein paar Mal passten die Chilenen den Ball hin und her, dann schob Kapitän Francisco Valdes zum 1:0 ein. Weil kein Gegner da war, der den Wiederanstoß hätte ausführen können, wurde die Partie abgebrochen und mit 2:0 für Chile gewertet.

Kurz darauf musste Caszely Chile wegen seiner Nähe zu Allende verlassen. Erst 1978 durfte er zurückkehren und nahm 1982 erneut an der WM teil. Jedoch erfolglos: Beim 0:1 gegen Österreich vergab er einen Elfmeter und holte damit das erste Double aus Platzverweis und vergebenem Strafstoß bei Weltmeisterschaften.

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