Sport : China gegen China

Die Asiaten spielen in immer mehr Nationalmannschaften – doch die Entwicklungshilfe hat auch Nachteile

Friedhard Teuffel[Bremen]

Das Damenspiel zwischen Deutschland und Australien beginnt, und an die Platte gehen Zhenqi Barthel für Deutschland und Miao Miao für Australien. Tischtennis haben beide in China gelernt, aber sie haben ihre Heimat verlassen und spielen jetzt bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Bremen für ein anderes Land. Danach vertreten Stephanie Xu Sang und Yue-Wern Cho Australien. Auf der deutschen Bank sitzt zudem Wu Jiaduo. In der deutschen Vorrundengruppe hat nur ein Frauenteam keine Chinesin dabei: Südkorea. Bei den Männern spielt Yang Min für Italien und He Zhi Wen für Spanien. Ein in China ausgebildeter Spieler ist in einer Tischtennis-Nationalmannschaft inzwischen so selbstverständlich wie der Trainer und der Physiotherapeut.

Hinter jedem Chinesen, der seine Heimat verlässt und an einem anderen Ort sein Können zeigt, steckt eine eigene Geschichte, aber es gibt zwischen ihnen einige Gemeinsamkeiten. In China haben sie auf viel verzichtet, weil die Ausbildung in den Internaten so hart ist. Wu Jiaduo etwa, die seit einem halben Jahr für Deutschland spielt, erzählt: „Früher habe ich sechs Stunden am Tag trainiert. Das war das Minimum.“ Trotzdem haben sie den großen Sprung in die Nationalmannschaft verpasst. In einem anderen Land dagegen sind sie mit ihren Fertigkeiten so begehrt wie russische Atomphysiker oder iranische Herzspezialisten. Wenn es um chinesische Tischtennisspieler geht, ist fast jede Nation ein Einwanderungsland.

Früher haben die chinesischen Spieler ihr Land nicht verlassen dürfen. Das hatte politische Gründe, aber sicher auch sportliche. Wer in China ausgebildet wurde, kennt schließlich einige Tischtennis-Geheimnisse. Seitdem China aber immer offener wird, ist das Reich der Mitte im Tischtennis auf einmal überall. Es ist eine Entwicklung mit Chancen und Risiken. Shi Zhihao, der Cheftrainer der chinesischen Damen, sagt: „Wir wünschen den Chinesen im Ausland viel Glück und hoffen, dass sie Tischtennis weltweit populär machen.“

Das ist in der Tat die große Chance: Während sie im Tischtennis-Wunderland China nicht mehr gefragt werden, sind sie fast überall sonst Entwicklungshelfer. Der Lebensstandard ist dort meist höher, das Tischtennisniveau aber immer geringer. Ein Beispiel ist Ding Yi. Er ging nach Österreich und war dort ebenso Trainer wie Trainingspartner. Die jungen österreichischen Spieler rieben sich an ihm. Irgendwann haben sie ihn dann auch besiegt. Später kamen noch andere Chinesen nach Österreich, und vor drei Jahren ist mit Werner Schlager sogar ein Österreicher Weltmeister geworden.

Nicht überall funktioniert es jedoch so wie in Österreich. Adham Sharara, der Präsident des Internationalen Tischtennis-Verbandes (ITTF), sagt: „Ich fürchte, Ding Yi ist die Ausnahme.“ Viele Chinesen trainieren nicht mit den Spielern im Land, mit den Nachwuchsspielern schon gar nicht. Es gibt das Gerücht, dass ein Chinese Norweger wurde, der in seinem Leben noch nie Norwegen gesehen hat. Sharara macht den Verbänden deshalb einen Vorschlag: „Sie müssten Verträge machen mit den Chinesen und die Bedingung stellen, dass sie im Jahr eine bestimmte Anzahl von Wochen im Land trainieren.“

Das große Risiko der Tischtennis-Auswanderung aus China ist aber vor allem dies: Es kommt immer mehr zum Duell China gegen China. Weil Spieler aus den chinesischen Tischtennis-Schulen auch noch in Mannschaftsstärke Hongkong und Singapur vertreten, haben Chinesen gleich mehrere komplette Nationalteams besetzt. Das macht das Spiel für die Zuschauer nicht gerade interessanter.

Der Weltverband will die Entwicklung dennoch nicht aufhalten. ITTF-Präsident Sharara denkt jedenfalls nicht daran, es wie im Fußball zu machen, wo ein Spieler nicht mehr für eine Nationalmannschaft spielen darf, wenn er zuvor schon ein anderes Land vertreten hat. Er will es lieber so halten wie das Internationale Olympische Komitee, das die Staatsbürgerschaft des neuen Landes und eine Wartefrist von drei Jahren verlangt. Außerdem sagt Sharara: „Das Problem sind doch nicht die Chinesen. Das Problem ist der Rest. Die anderen Länder müssen einfach besser werden.“ Vor allem bei den Damen wird der Unterschied zwischen China und Europa nicht geringer. Das stört auch die Chinesen. Sie wollen eine Herausforderung. Sie können sich für die Zukunft einen verstärkten Austausch vorstellen: Chinesen zum Leben ins Ausland, Ausländer zum Lernen nach China.

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