Sport : China hofft bei der WM aufs Frauenteam

Harald Maass[Peking]

Chinas Fußballfans sind Leiden gewohnt. Seit Jahren leben sie damit, dass die Männer-Auswahl zweitklassig ist. Meist scheitern die Fußballer schon an der Qualifikation zu internationalen Turnieren. Als das Team beim Asiencup im Juli in der Vorrunde rausflog – das schlechteste Abschneiden einer chinesischen Mannschaft seit 27 Jahren – forderten enttäuschte Fans die Auflösung des Nationalteams. „Ein Gesichtsverlust für das chinesische Volk“, urteilte die Sport-Wochenzeitung „Titan“ und verglich die Nationalspieler mit Chinas korrupten Beamten: „Wenn es drauf ankommt, kann man ihnen nicht vertrauen.“

Was Chinas Männern nicht gelingt, sollen nun die Frauen richten. Bei der morgen in Schanghai beginnenden Frauen- WM gehören die Chinesinnen zum Favoritenkreis. Mindestens das Halbfinale wolle man erreichen, erklärt die Trainerin Marika Domanski-Lyfors. Die Schwedin hat dafür ein Team aus erfahrenen Spielerinnen und jungen Talenten wie Stürmerin Ma Xiaoxu zusammengestellt. Die 19-Jährige wird wegen ihrer Durchsetzungskraft „Lu Ni“ genannt, in Anlehnung an die chinesische Aussprache des britischen Stürmerstars Wayne Rooney.

Trotz des Heimvorteils ist die Aufgabe für das Team der „Kengqiang Meigui“, der „kräftigen Rosen“, wie die Frauennationalmannschaft in China genannt wird, nicht einfach. Zwar liegt China in der Weltrangliste auf dem vierten Platz – hinter Titelverteidiger Deutschland, Norwegen und dem zweimaligen Weltmeister USA. Der letzte große Erfolg der Chinesinnen, Platz zwei bei der WM 1999 in den USA, liegt jedoch lange zurück. Während der Frauenfußball in Europa und den USA in den vergangenen Jahren dynamischer wurde, trat Chinas Team auf der Stelle. Domanski-Lyfors, der dritten Trainerin des Teams in diesem Jahr, blieben nur fünf Monate, um die Taktik der Chinesinnen auf einen kampfbetonteren Stil umzustellen.

Chinas Fußballbegeisterung wohnt eine gewisse Tragik inne. Kaum einen Sport lieben die Chinesen so sehr wie den Kick auf zwei Tore. Bei den Spielen der Superliga, der höchsten Vereinsliga der Männer, drängen sich trotz diverser Korruptionsskandale jedes Wochenende Zehntausende Zuschauer in den Stadien. Noch mehr begeistern sich die Chinesen jedoch für den internationalen Fußball. In Peking und Shanghai kann man sich mit jedem Taxifahrer über die aktuelle Entwicklung der deutschen Bundesliga unterhalten. Das staatliche Fernsehen überträgt die Spiele der wichtigen europäischen Ligen, oft sogar live. Doch im Gegensatz zu anderen Sportarten, in denen die Chinesen sich rasch an die Spitze hocharbeiten, bleiben die Erfolge im Männerfußball aus. Nur einmal schafften sie die Teilnahme an einer WM-Endrunde, 2002 WM in Japan und Südkorea, verloren jedoch alle Spiele und schafften kein einziges Tor.

„Tief im Herzen träumen wir Chinesen davon, dass wir eine große Fußballnation werden“, sagt der Pekinger Filmemacher und Fußballfan Tian Cheng. Der Frauenfußball, auch wenn er nicht das gleiche Ansehen wie der Männersport genießt, wirkt deshalb wie Balsam für die geschundene chinesische Fußballseele.

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