Sport : China holt Gold in allen fünf Finalspielen

Karin Sturm

Ob an den Tischen, im Pressezentrum oder unter den Fans in der Halle, wo 250 in Belgien und Holland arbeitende Chinesen mit Fahnen, Trommeln, Tröten und Transparenten perfekt ausgerüstet und von Einpeitschern bestens organisiert, fast so viel Lärm machten wie die restlichen 5000 Zuschauer: China war in diesen Tagen der Tischtennis-Weltmeisterschaften in Eindhoven überall. In allen fünf Finalspielen machten die Zelluloid-Artisten aus dem Reich der Mitte die Goldmedaille unter sich aus, zum dritten Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaften gelang es ihnen, sämtliche Titel zu holen. Im Mixed waren sie sogar schon vom Viertelfinale an unter sich. Insgesamt standen in den Viertelfinals nur zehn echte Europäer und fünf Koreaner, die restlichen 23 Spieler waren echte oder zumindest gebürtige Chinesen.

Bemerkenswert an der Dominanz Chinas ist, dass eine komplett neue, junge Generation im Anmarsch ist, die Herrschaft über die nächsten Jahre noch zu festigen: Bei den Damen war die Siegerin Wang Nan mit 20 Jahren schon die Älteste - und ob sie das Finale wirklich aus eigener Kraft gewann oder ob der Titel von der chinesischen Mannschaftsleitung für sie, die vor zwei Jahren noch der "Legende" Deng Ya Ping unterlag, bestimmt wurde, sei dahingestellt. Der Verlauf des Endspiels ließ Fragen offen, vor allem, weil derartige Absprachen bei den Chinesen in der Vergangenheit gang und gäbe waren, aber natürlich nie offiziell nachweisbar.

Die Silber- und Bronzemedaillengewinnerinnen Zhang Yingnin und Li Nan sind gerade 17 Jahre alt. Vor allem Li Nan erregte Aufmerksamkeit, nicht nur durch ihr bei den Damen nicht unbedingt übliches kompromisslos hartes, attraktives Angriffsspiel: Bisher in Europa völlig unbekannt, zum ersten Mal überhaupt im Ausland im Einsatz, musste sie erst einmal durch die Qualifikation - dann gleich eine Medaille zu holen, das ist ein absolutes WM-Novum. Auch die Mixed-Sieger Zhang Yingying und Ma Lin, der auf seinem Weg ins Herren-Einzelfinale die europäischen Stars Samsonow und Waldner eliminierte, gehören noch in die Kategorie Teenager: sie 16, er 19 Jahre alt.

Sie kommen aus den chinesischen Tischtennis-Schulen, die Nachwuchs konsequent heranbilden. Da es nicht allen Kindern möglich ist, von Anfang an in einem Verein zu spielen, gibt es überall sogenannte offene Häuser, in denen sie eine Zeitlang kostenlos spielen dürfen. Dort sieben Trainer und Betreuer die größten Talente heraus, die dann sofort von professionellen Trainern betreut und bald darauf in speziellen Internatsschulen zusammengefasst werden. Früh Training, dann Schule, dann noch einmal Training, abends Hausaufgaben - das ist der Tagesablauf, Tischtennis-Theorie, Taktik- und Materialschulung kommen hinzu. Wer das nicht schafft, wer zu wenig Motivation oder Talent zeigt, wird ausgesiebt. Aber der Anreiz, es zu schaffen, ist groß: Mit zwölf Jahren verdienen diese staatlich geförderten Jungprofis schon meist mehr als ihre Eltern.

Und wem dann mit 14 Jahren der Sprung in eines der 30 professionellen Provinzteams des Landes schafft, der braucht sich um die nähere Zukunft keine Sorgen mehr zu machen: Das einzige, was von ihm/ihr erwartet wird, sind acht Stunden tägliches Training, für alles andere ist gesorgt. Aus der breiten Basis dieser Provinzteams, in denen meist ein höheres Niveau herrscht als in einem deutschen Bundesligaverein, rekrutiert die Nationalmannschaft dann ihre neuen Spielerinnen und Spieler. Mädchen wie Li Nan eben, die bei dieser Weltmeisterschaft erstmals überhaupt in Europa war und dabei meinte, das größte Problem für sie sei, sich ans europäische Essen zu gewöhnen.

Im Gegensatz zum allgemein in Europa vorherrschenden Klischee sind diese jungen Spieler gar nicht die ernsten, verschlossenen, gedrillten Kinder-Tischtennis-Soldaten, als die sie oft dargestellt werden. Sicher ist das Sprachproblem ein Hindernis in der Kommunikation mit der fremden Außenwelt. Aber wenn man sie mal unter sich beobachtet, im Shuttle-Bus von der Halle zum Hotel zum Beispiel, dann sind vor allem die chinesischen Mädchen ganz normale, kichernde und kaugummikauende Teenager, die sich für vieles interessieren, was sich im für sie ungewohnten europäischen Straßenbild abspielt. Schade, dass das europäische Publikum sich nicht mit ihnen identifizieren kann, sich oft nicht einmal bemüht, sie überhaupt auseinander zu halten. Aber die chinesische Politik der manipulierten Spiele, die eben grundsätzlich Zweifel hinterlässt, hat da sicher einen Teil dazu beigetragen.

Während der Finalspiele in Eindhoven war die Stimmung in der Halle jedenfalls mehr als mäßig, von üblen Sprüchen - natürlich mal wieder deutscher Zunge - ganz abgesehen: "Das ist das Schlimme an Weltmeisterschaften, dass diese elenden Schlitzaugen immer gewinnen", tönten ein paar Deutsche. Vielleicht sollten sie selbst nur noch zu Europameisterschaften fahren. Da sehen sie zwar nicht die Weltbesten - aber sie müssen sich auch nicht ärgern.

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