China : In der Planwirtschaft des Sports

Fünf Monate vor den Sommerspielen: Mit Wissenschaft, größter Akribie und ausländischen Trainern stellt China seine Athleten auf Olympia ein.

Benedikt Voigt[Peking],Friedhard Teuffel

Im ersten Stock der Shichahai-Sportschule in Peking ist der Sozialismus in Gestalt einer roten Schautafel präsent. Sie trägt den Titel „Benimmregeln für die zweite Pekinger Mittelschule“ und listet 40 Punkte auf, an die sich ein folgsamer Schüler halten sollte. Zum Beispiel: Hebe deinen Kopf, wenn die Nationalhymne erklingt; berichte unangemessene Verhalten anderer; helfe anderen, aber denke daran, dich selber zu schützen. Außerhalb der Sportschule scheinen diese Regeln nicht mehr so geläufig zu sein, die chinesische Dolmetscherin hat großen Spaß bei der Übersetzung. Doch mindestens die Verhaltensregel beim Erklingen der Nationalhymne können die Kinder dieser Schule durchaus gebrauchen.

Die Shichahai-Sportschule ist einer jener Orte, an dem China seine Olympiasieger ausbildet. „Wir zählen gegenwärtig zu den drei besten Sportschulen Chinas“, sagt die stellvertretende Leiterin Shi Fenghua stolz. 600 Kinder und Jugendliche trainieren hier in acht Disziplinen in der Nähe des bei Touristen beliebten Houhai-Sees. Sie wollen das erreichen, was den ehemaligen Shichahai-Schülern Luo Wei (Taekwondo, Klasse bis 67 Kilogramm), Teng Haibin (Turnen, Seitpferd), Feng Kun (Volleyball) und Zhang Yining (Tischtennis, Einzel und Doppel) vor vier Jahren gelungen ist: einen Olympiasieg. Insgesamt errang China in Athen 32 Goldmedaillen und schob sich im Medaillenspiegel erstmals auf den zweiten Platz vor. Und wird vor heimischem Publikum bei den Olympischen Spielen von Peking, die in fünf Monaten beginnen, erstmals auf Platz eins rücken?

„China will den zweiten Platz verteidigen“, widerspricht Jiang Xiaoyu, „es ist nicht unmöglich Nummer eins zu werden, aber die Chance dafür ist minimal.“ Zwischen zwei Meetings erklärt der Vizepräsident des Pekinger Organisationskomitees Bocog, wie er zu seinem Urteil kommt. „Die USA und Russland stehen immer noch in der ersten Reihe, Deutschland, Frankreich und China folgen dahinter.“ Nimmt man die Resultate der Weltmeisterschaften des letzten Jahres, liegt er mit dieser Prognose richtig, zumal China in den medaillenträchtigen Sportarten Leichtathletik und Schwimmen noch Rückstände hat. Demnach würden die USA erneut die meisten Goldmedaillen gewinnen. Doch neben den intensivierten Anstrengungen Chinas könnte auch der Heimvorteil dem Land helfen. „Der Druck auf die Heimmannschaft dürfte ein positiver sein“, sagt Jiang Xiayu, „es hängt von der mentalen Stärke jedes Athleten ab, mit diesem Druck umzugehen.“ Psychologen bereiten die Athleten zurzeit auf die hohen Erwartungen ihrer Landsleute vor.

Die Chinesen werden jedenfalls ihre Stärken ausspielen, und eine davon ist ihre Akribie. Universitäten arbeiten als Dienstleister für das Sportsystem, vor allem wenn es um Biomechanik, Trainingswissenschaft und Sportmedizin geht. „Das Wissenschaftssystem ist ausgerichtet auf die Optimierung der Leistung“, sagt Helmut Digel. Der Tübinger Sportwissenschaftler beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Sportsystem Chinas. „Sport ist Faktor nationaler Politik“, sagt Digel. Daher spielt Geld in der Sportförderung auch keine Rolle. Wie viel die Regierung in den Sport steckt, davon hat Digel nicht einmal eine Vorstellung.

In Sportarten, in denen die Chinesen bislang noch nicht so erfolgreich waren wie im Tischtennis, Turnen oder Wasserspringen, haben sie Spitzentrainer aus dem Ausland verpflichtet, etwa Josef Capousek, den früheren Bundestrainer der deutschen Kanuten. Doch Capousek klagte jüngst über fehlende Freiheiten, die Sportverwaltung hat seinem Konzept Fesseln angelegt. China ist ein Kontrollstaat – warum sollte gerade der Sport davon verschont bleiben?

China ist jedoch unschlagbar, wenn es um Masse geht. In dem Milliardenreich gilt der Sport auch immer noch als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. „Das ganze Sportsystem unterliegt der Logik der Ökonomie“, sagt Digel. 46 700 Athleten gehören zu den Provinzauswahlmannschaften, 15924 zu den Nationalmannschaften und 3222 Athleten zum Olympiakader. Vielleicht greift dabei der Überraschungseffekt. Viele von ihnen sind noch nicht oft auf internationaler Bühne aufgetaucht und könnten die ausländische Konkurrenz verblüffen. Andererseits fehlt ihnen dadurch auch die internationale Erfahrung.

Der Sport in China steht in Peking ohnehin vor einem Dilemma. Auf der einen Seite will er erfolgreich sein. Gewinnt er aber auf der anderen Seite zu viele Medaillen, liegt ein Verdacht nahe: Doping. „Gerade in den entlegenen Provinzen sind Kontrollen schwer zu realisieren“, sagt Digel. Hinzu kommt, dass in China Unmengen an illegalen Medikamenten produziert werden. Digel rät jedoch dazu, die Debatte um Ethik im Sport nicht auf China zu beschränken: „Fast alle Länder haben Defizite in der Dopingbekämpfung“, sagt er, und ergänzt: „Ja, in China gibt es Drillübungen, die sehr fraglich sind. Aber wer das kritisiert, muss diese Übungen auch in Deutschland in Frage stellen.“

Dass sie nicht alles steuern können, bereitet den Chinesen derzeit ohnehin große Sorgen. Die Verletzung des Basketballstars Yao Ming hat die chinesischen Sportfans unliebsam daran erinnert. Tagelang bangten die Chinesen um den 2,29 Meter großen Centerspieler der Houston Rockets. Erst schien ihn sein Ermüdungsbruch die Olympiateilnahme zu kosten, bis gestern vorläufig Entwarnung kam. Besorgt fragte die Zeitung „China Daily“, wie es um die Gesundheit des zweiten großen Stars des chinesischen Teams, des Hürdenläufers Liu Xiang bestellt ist. „Im Moment arbeiten 30 Ärzte für das gesamte Team“, antwortet der chinesische Leichtathletik-Cheftrainer Feng Shuyong, „sie haben ein besonderes Augenmerk auf die wichtigsten Athleten wie Liu, der zwei Ärzte hat.“

Es gibt übrigens auch Prognosen, wonach sich Chinas Investitionen in das eigene Sportsystem auszahlen werden und das Land tatsächlich die Nummer eins im olympischen Medaillenspiegel werden könnte. 2012 in London.

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