China nach Olympia : Spiele des Stillstands

Ein Resümee unseres Peking-Korrespondenten Harald Maass.

Harald Maass[Peking]
Peking 2008 - Veranstaltungen
Bis hierhin und nicht weiter. Was bleibt von Olympia?Foto: dpa

Welches China haben wir bei Olympia gesehen? Die Bilder von dort hätten widersprüchlicher kaum sein können. Da waren die sympathischen Gesichter chinesischer Zuschauer und Sportler, die sich an den Wettkämpfen begeisterten. Wir sahen Peking als Weltmetropole mit faszinierender Architektur – Symbole einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Aber auch das andere, hässliche Gesicht Chinas: Dissidenten und kritische Bürger wurden vor den Augen der Weltöffentlichkeit verprügelt und festgenommen. Es gab Heerscharen staatlicher Aufpasser und Zensoren. Gefälschte Bilder bei der Eröffnungszeremonie. Bombenexplosionen und Unruhen in den Provinzen, wo die Menschen gegen Unterdrückung kämpfen.

Die Bilder passen nicht zusammen. Genau deshalb waren diese Olympischen Spiele ein Spiegel der chinesischen Gesellschaft. Die Volksrepublik China entspricht nicht den Klischees, die sich das Ausland über dieses Volk der 1,3 Milliarden Menschen zurechtgeschnitten hat. Wer sich heute mit Chinesen unterhält, mag überrascht sein, wie offen – zumindest privat – die Menschen über soziale und politische Probleme reden und wie vielschichtig die Gesellschaft geworden ist. In diesem Punkt hat Pekings Regierung recht: Noch nie in der Geschichte hatten Chinesen so große persönliche Freiheiten wie heute. Noch nie hatte das einfache Volk so stark am Wohlstand des Landes teil.

Einerseits Aufschwung, andererseits autoritärer Polizeistaat

Wirtschaftlicher Aufschwung und gesellschaftliche Öffnung sind jedoch nur ein Teil der chinesischen Realität. Daneben existiert ein autoritärer Polizeistaat, der sich seit Maos Zeiten nicht geändert hat. Die Propagandapresse ist gleichgeschaltet, die Gerichte Handlanger der KP. Es ist bezeichnend, dass Pekings Machthaber nicht einmal für den begrenzten Zeitraum der Olympischen Spiele abweichende Meinungen duldeten. Das Internet für die angereisten 20 000 Journalisten – ebenso wie für alle Chinesen – war zensiert.

Tibetaktivisten, die auf die Probleme in dem Hochland aufmerksam machen wollten, wurden verhaftet und abgeschoben. Selbst in den eigens für die Spiele eingerichteten „Demonstrationsparks“ durfte niemand an der offiziellen Fassade einer „harmonischen Gesellschaft“ kratzen. Keine einzige Demonstration wurde erlaubt. Allein schon der Versuch war gefährlich. Mehrere Antragsteller, darunter zwei Rentnerinnen, wurden ins Arbeitslager verbannt.

Die KP hat sich legitimiert

Chinas KP-Mächtige hatten mit Olympia zwei Ziele. Das eine war innenpolitisch. Eine erfolgreiche Organisation der Spiele sollte die Legitimation der KP-Regierung untermauern. Das ist geglückt. Die meisten Chinesen haben von den Protesten und Verhaftungen während der Spiele nichts mitbekommen. Und selbst wenn, hätten sie sich wohl kaum dafür interessiert.

Stattdessen verfolgten sie mit stolz geschwellter Brust den Medaillenregen der chinesischen Athleten. Die bombastische Eröffnungszeremonie, im Ausland als bedrohliche Inszenierung der Staatsmacht empfunden, entsprach dem „Wir-sind-wieder-wer“-Gefühl vieler Chinesen. Nach Jahrzehnten der Armut und Wirren unter Mao Zedong wollen sie, dass China wieder seine „rechtmäßigen“ Platz in der Welt einnimmt. Die Führung weiß das zu nutzen. Wohlstand und Nationalismus sind der Kitt, mit dem die KP das Volk an sich bindet. Das zweite und größere Ziel hat Peking jedoch verfehlt. Mit den Olympischen Spielen, von Milliarden Zuschauern weltweit verfolgt, wollte die Regierung China ein neues Image verpassen. Peking wurde zu einer hübschen Fassade. Am autoritären System änderte sich nichts.

Olympische Spiele können die politischen Probleme nicht lösen. Schon gar nicht, wenn in dem Land ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt. Sie können nur Symbol für eine Entwicklung sein, die ohnehin passiert. Tokio 1964 markierte das Wiedererwachen Japans; die Weichen für den wirtschaftlichen Boom waren längst gestellt. Seoul 1988 stand für das Ende des Militärregimes und die Demokratisierung Südkoreas; allerdings gab es damals schon eine aktive Demokratiebewegung. Peking 2008 wird in Erinnerung bleiben als Symbol für Chinas politischen Stillstand.

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