Sport : China trainiert für Olympia

Vor den Spielen 2008 entdeckt das Land den Sport – vom Boom profitieren vor allem Spitzenathleten

Harald Maass

Peking. Über den Dächern der Pekinger Altstadt ist noch Nacht, wenn Yu Mei mit ihrer Morgengymnastik beginnt. Zusammen mit ihren Freundinnen marschiert die 68 Jahre alte Frau zu einem kleinen öffentlichen Sportpark am Ufer des Houhai-Sees. Bei eisiger Winterkälte stemmen dort Rentner gelbe Gewichte, treten in Fahrradmaschinen und hängen sich an Reckstangen. Die Anlage ist einer von 3000 kleinen Sportparks, die von der Stadtregierung in den vergangenen Jahren in Grünanlagen, vor Wohnheimen und an Straßenkreuzungen aufgebaut wurden. Die Pekinger lieben die Sportparks. „Ich bin jeden Tag hier zum Trainieren“, sagt Yu Mei, während sie an einer Plastikscheibe die Arme dehnt.

Öffentliche Sportanlagen sind hier neu. Seit Gründung des Sportverbandes 1951, damals noch mit dem Ziel zur „Stärkung der Landesverteidigung“, zählte in der Volksrepublik nur der Leistungssport. Nach sowjetischem Vorbild errichteten Chinas Kommunisten Sportschulen, in denen Athleten für internationale Wettkämpfe und Olympische Spiele herangezogen wurden. Der Staat wollte Medaillen und Weltrekorde. Für die normale Bevölkerung, die mit ihrer Arbeit und der Ernährung ihrer Familien genug zu tun hatte, spielte Sport keine Rolle.

Das hat sich geändert. Mit dem Wirtschaftsaufschwung der vergangenen beiden Jahrzehnte wächst das Interesse. „Sport zu treiben ist ein starker Trend“, sagt Frau Li Lili vom Pekinger Sportbüro. In den Städten entlang der Küste ist eine Mittelschicht entstanden, die genug Freizeit und Geld zum Sporttreiben hat. An Wochenenden treffen sich Gruppen zum Fußball oder Tischtennis – oft werden Spiele innerhalb des Freundeskreises organisiert. Sport ist auch ein Statussymbol. Pekings Neureiche spielen in Sommernächten unter Flutlicht Golf – damit ihre Haut sich nicht bräunt. Im Winter vergnügen sich wohlhabende Pekinger in Skianlagen aus Kunstschnee. „Skifahren ist modern“, sagt die Ski-Lehrerin Zhao Guoli.

Doch Freizeitsport ist in China noch unterentwickelt. Zwar berichten offizielle Statistiken von 300 Millionen Sporttreibenden – etwa ein Viertel der Bevölkerung. Da es jedoch kaum Vereine und noch zu wenige Sportanlagen gibt, treiben nur wenige junge Chinesen Sport. „Im mittleren und unteren Hobbysportbereich haben wir noch Probleme“, sagt Frau Li. In Zahlen heißt das: Für die 13 Millionen Menschen in Peking gibt es nur 87 öffentliche Sportvereine – die meisten sind schlecht organisiert und bieten nur eine Sportart an. Zwar gibt es 300 Fitnessstudios, doch die sind teuer. Für viele Pekinger bleiben nur die öffentlichen Grünanlagen: Hunderttausende zumeist ältere Menschen treffen sich deshalb morgens in Parks zum Tai Chi oder zu traditionellen Gesundheitsübungen wie dem Rückwärtslaufen.

Erst Mitte der Neunzigerjahre begann Chinas Regierung, Breitensport zu fördern. 300 000 Helfer seien inzwischen als Trainer für den Volkssport ausgebildet worden, sagt der Generaldirektor des chinesischen Sportverbandes, Guo Min. Bis zum Jahr 2006 solle die Zahl verdoppelt werden. Den größten Teil der Fördergelder steckt Peking jedoch weiter in den Spitzensport. Die Olympischen Spiele 2008 im eigenen Land sollen zur Leistungsschau werden.

Eine sportliche Großmacht ist das Land schon heute: Seit Beginn der Öffnungspolitik 1978 haben Chinas Athleten mehr als 800 Weltrekorde gebrochen und 1200 WM- und Olympiamedaillen errungen. Um diese Leistungen zu erbringen, unterhält Peking einen riesigen Sportapparat. Mehr als 300 000 Jungen und Mädchen werden derzeit an 2672 Sportschulen als Leistungssportler ausgebildet. Der Drill ist streng. Zehnjährige Mädchen stehen oft fünf Stunden am Tag in der Gymnastikhalle. Viele der jungen Talente auf Chinas Sportschulen kommen aus den armen Hinterlandprovinzen, oft aus Bauernfamilien. Der Sport ist für sie oft die einzige Chance, der Armut zu entkommen.

Auf ein Klatschen des Trainers hin beginnen Schüler der Shichahai-Schule mit dem Dauerlauf ums Wohnheim. Mädchen aus der Gymnastikabteilung, gerade zehn Jahre alt, tippeln in dünnen Stoffschuhen über den Asphalt. Die Gewichtheber, stämmige junge Männer und Frauen, trainieren mit Sprüngen aus der Hocke die Beinmuskeln. Eine davon ist die 17-jährige Wang Xu. Vor vier Jahren hatten Talentscouts die junge Pekingerin entdeckt. Mit 15 konnte sie bereits das Doppelte ihres Eigengewichts stoßen – damals 90 Kilo. Ihr Tag beginnt nach dem Aufstehen um 5.30 Uhr mit Training und endet um 22 Uhr. An die dunklen Stellen am Hals, die von den eisernen Hantelstangen kommen, hat sich Wang Xu lange gewöhnt. „Mein Traum ist, einmal bei Olympia dabei zu sein“, sagt sie. Am liebsten natürlich 2008 in Peking. Alle Schüler hier träumen davon.

Shichahai ist eine Eliteschule. 21 Weltmeister wurden in den grauen Betongebäuden seit 1958 geformt. „Der Konkurrenzdruck ist enorm“, sagt ein in Peking stationierter westlicher Sportberater. Chinas Sportler sind in Klassen eingeteilt. Nur wer als „Athlet erster Klasse“ oder „internationaler Sportmeister“ Medaillen holt, wird umsorgt. Spitzensportler bekommen oft Jahresgehälter, Wohnungen und Autos als Prämien. Die andere Seite der Medaille: Regelmäßig wurden chinesische Athleten bei Wettkämpfen des Dopings überführt.

Vom neuen Boom in China profitiert vorrangig der Spitzensport. Die Spiele 2008 dürften die teuerste Sportveranstaltung der Geschichte werden. „Ein neues Peking, ein neues Olympia“ lautet das offizielle Motto. Die Regierung baut die halbe Metropole neu. Viertel für Viertel wird Pekings Altstadt niedergerissen, um Platz für moderne Hochhäuser und Kaufhäuser zu machen. Straßen werden neu asphaltiert, U-Bahnen gegraben. Allein der Bau der Stadien und Sportanlagen, entworfen von den besten Architekten der Welt, kostet Hunderte Millionen Euro. Nach Olympia sollen die Anlagen für Freizeitsportler geöffnet werden, sagt Frau Li vom Sportbüro. Pekings Sportler werden das gern hören. Der Hobby-Volleyballer Xiao Mu muss seit Jahren mit seinen Freunden in den Sporthallen der internationalen Schulen und Botschaften trainieren. Er sagt: „Für Freizeitsportler gibt es in Peking fast keine Halle.“

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