China verstehen : Die Kunst des Scheins

Wir erklären das Gastgeberland, Folge 11: In China ist Wushu sehr populär - ein Scheinkampf mit Bambusstöcken.

Yu Len Roloff

Zweimal täglich verwandelt sich die Turnhalle der Pekinger Tin-Yu-Sportschule in ein Schlachtfeld. Dann kämpft dort Wushu-Weltmeisterin Xu Hui Hui gegen eine ganze Armee imaginärer Feinde: Mit einem „Gun“ genannten Bambusstock bewaffnet, rennt sie auf die Gegner zu, springt über Hindernisse hinweg, duckt sich vor Gegenangriffen – und wirbelt dabei den Stock um ihren Körper herum, lässt ihn kraftvoll durch die Luft zischen, schlägt ihn mit lautem Klatschen auf den gefederten Boden der Sporthalle. Plötzlich erstarrt die 22-jährige Xu Hui Hui mit festem Blick im Halbspagat – den Stab dem Feind entgegengereckt. Eine Szene wie aus einem Bruce-Lee-Film.

Die dreimalige Weltmeisterin trainiert für den „Wushu-Wettkampf der Olympischen Spiele Peking 2008“, der am 21. August beginnt. Wushu (Kampfkunst) ist ein Sammelbegriff für die chinesischen Kampfkünste und bezeichnet unter anderem Tai Chi, Qi Gong und die Kampfstile, die im Westen fälschlicherweise unter Kung Fu bekannt sind. Als Begründer gelten taoistische Priester, die vor 2200 Jahren körperliche Übungen mit meditativer Komponente zum Erhalt des „Gleichgewichts mit dem Himmel“ entwickelten. Weitere prominente Vertreter sind die buddhistischen Mönche des Shaolin-Klosters. Auch die Armee nutzte jahrhundertelang Wushu als – oft einzige – Waffe ihrer Soldaten. Seitdem entwickelten Klöster, Familien oder Schulen hunderte von eigenständigen Stilen. „Todeskralle“ Bruce Lee und „Eisentiger“ Jet Li machten die Kampfkünste dann auch im Westen populär. Heute üben rund 150 Millionen Menschen weltweit Wushu aus.

Wushu ist eine Wettkampfsportart

Das moderne Wushu ist dagegen eine Wettkampfsportart, die erst 1959 von der chinesischen Regierung anerkannt wurde. Um den Sport zu modernisieren, wurden die unterschiedlichen Traditionen zusammengeführt und des spirituellen Hintergrunds entkleidet. Wenn die Wushu-Athleten am 21. August in traditionellen Seidenanzügen das Pekinger National Olympic Gymnasium betreten, kämpfen sie in zwei großen Richtungen gegeneinander: Im „Taolu“ und im „Sanshou“.

Während Letzteres als Zweikampf mit Kickboxen und Wrestling vergleichbar ist, fasst „Taolu“ unterschiedliche Disziplinen zusammen: Barhändige Formen wie Tai Chi sowie die Waffen Schwert, Säbel, Hellebarde, kurzer und langer Stock, Fächer und Speer. Mit seinen choreografierten Scheinkämpfen ähnelt das Taolu am ehesten dem Bodenturnen und wird ebenso mit A- und B-Noten nach Kraft, Präzision, Schwierigkeitsgrad und kunstvollem Ausdruck beurteilt.

Obwohl die Wushu-Meisterschaft als olympischer Wettbewerb bezeichnet wird, ist Wushu keine olympische Disziplin. Der Titel ist vielmehr eine Konzession des IOC an die Gastgebernation China, die neben den Russen traditionell als stärkste Nation in diesem Sport gilt. Doch für die 128 Sportler aus 43 Ländern wäre eine Goldmedaille dennoch die Krönung ihrer Karriere, sagt auch Weltmeisterin Xu Hui Hui: „Dieses Turnier ist wichtiger als die Weltmeisterschaft.“

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