China : Von der Welt lernen, heißt siegen lernen

Sie formen die Sportmacht: Auch nach den Olympischen Spielen setzt China auf die Erfahrung ausländischer Trainer.

Frank Hollman[Rizhao]

Auf den Lenker ihres Fahrrad gestützt, blickt Jutta Lau zufrieden über die Regattastrecke in Rizhao, einem Küstenort am ostchinesischen Meer. Gerade kam ihr Achter ins Ziel, Lau hat ihn während des ganzen Rennens auf dem Rad am Ufer begleitet. Es ist ihr erster großer Wettkampf als Provinztrainerin von Shandong. Drei Titel haben ihre Besatzungen bei den chinesischen Nationalspielen geholt, dem prestigeträchtigen und in olympischen Dimensionen aufgezogenen Kräftemessen der Provinzen. Vor vier Jahren, weit vor Laus Amtsantritt, war Shandong noch leer ausgegangen. Lau lächelt zufrieden.

Sie hat einen Neuanfang gestartet, sie hat eine glanzvolle Vergangenheit hinter sich gelassen. Jutta Lau, das war viele Jahre lang eine der erfolgreichsten Rudertrainerinnen in Deutschland. Sie arbeitete in Potsdam, sie betreute Weltmeisterinnen, sie war eine Größe im deutschen Rudern. Aber sie galt auch als Reizfigur. Sie hatte klare Vorstellungen, bekam Probleme mit Kollegen, am Ende hatte sie schlicht keine Lust mehr, in Deutschland zu arbeiten. Da ging es auch um Kompetenzen und Einfluss. Jutta Lau sah sich nicht genug gewürdigt nach dem blamablen Abschneiden der Deutschen bei den Olympischen Spielen in Peking.

Nun arbeitet sie in China, in jener Provinz, in welcher der neue deutsche Cheftrainer Hartmut Buschbacher bis zu den Olympischen Spielen 2008 tätig war. Auch nach den Spielen setzt China auf die Erfahrung ausländischer Trainer. Beispiel Schanghai: Zum Betreuerstab der Schwimmer gehört auch David Lyles, ein olympiaerfahrener Brite. Die Springreiter betreut der Deutsche Karsten Huck, Olympiadritter von 1988. Schanghais Ruderer werden vom Litauer Igor Grinko trainiert, der zuvor in der Sowjetunion und den USA Olympiasieger geformt hatte.

Der Job lohnt sich. Zusätzlich zum üppigen Gehalt zahlen viele Provinzen pro Sieg umgerechnet rund 20 000 Euro. So trifft man derzeit in Jinan, dem zentralen Austragungsort der Spiele von Shandong, Experten aus aller Welt.

Die Stadt Tianjin verpflichtete für ihre Leichtathleten Stanislaw Tarasenko, 1993 in Stuttgart Vizeweltmeister im Weitsprung. Der Elsässer Christian Bauer, früher erfolgreicher Nationaltrainer in Frankreich und Italien, ist bereits im dritten Jahr für die chinesischen Säbelfechter verantwortlich. Otto Sonnleitner, einst Präsident des australischen Schwimmverbandes, berät nun den Verband in Peking. Der US-Amerikaner Tom McCarthy hilft beim Aufbau des Männertennis. „Ich hoffe, dass es ein Chinese in den nächsten vier Jahren in die Top 100 der Männer-Weltrangliste schafft”, sagt McCarthy. Im Damentennis ist China schon weiter. Vier Spielerinnen rangieren derzeit unter den Top 50. Peng Shuai schlug zuletzt Jelena Jankovic und Martina Scharapowa, die Nummern 9 und 15 der Welt. Natürlich reist Peng mit einem internationalen Betreuerteam, so gehört sich das.

Nach Ende der Ruderrennen bei den Nationalspielen kann sich Jutta Lau nun ganz auf ihre neue Aufgabe vorbereiten. Mit Jahresbeginn wird sie Nationaltrainerin und kann dabei aus dem Vollen schöpfen. „In Shandong waren selbst in den großen Bootsklassen 16 Mannschaften und mehr am Start, ein Traum“, schwärmt Lau. „Da ist manche internationale Regatta nicht so gut besucht.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben