Chinedu Ede : Sinfonie der Großstadt

Hertha oder Union – Hauptsache Berlin. In Duisburg lief es nicht, Chinedu Ede ist zurück. Da, wo er und sein Fußball hinpassen. Ein Ortstermin.

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Zaungast. Chinedu Ede übte seine Dribblings nicht auf gepflegten Rasenplätzen, sondern auf Beton.Foto: Uwe Steinert

Chinedu Ede war weg. Eineinhalb Jahre lang, plötzlich kein Berliner mehr. Jetzt steht er an der Lüderitzstraße in Wedding, am ehemaligen Platz des BAK 07, ein Dribbling entfernt von der Wohnung seiner Eltern, dort, wo er aufgewachsen ist. Im Winter hat ihn der 1. FC Union geholt und Chinedu Ede ist endlich wieder zu Hause: „Ich habe Berlin vermisst.“ Ede spricht leise, sein Atem tanzt in der kalten Winterluft. „Berlin ist meine Heimat, meine Kindheit, meine Freunde. Ich verbinde so viel mit dieser Stadt.“

Chinedu Ede war in Duisburg, in der westdeutschen Diaspora, zwischen Zebras und Industrie. Mit Peter Neururer an der Wedau. Für jemanden, der im Berlin der Nachwendezeit aufgewachsen ist, und besonders für Ede, muss sich das angefühlt haben wie eine Zwangsverschickung. Denn der 23-Jährige verkörpert diese Stadt wie derzeit kaum ein zweiter Spieler im Berliner Profifußball, der nur noch wenig lokale Identifikationsfiguren bietet. Ede ist in Wedding aufgewachsen, hat in Reinickendorf bei den Füchsen gespielt, ist dann zu Hertha BSC gegangen und nun in Köpenick angekommen. Viel mehr Berlin geht nicht.

„Ich denke, ich bin genau das, was man einen Straßenfußballer nennt“, sagt er, während er das eiserne Tor eines dieser rostigen Metallgeflechte öffnet, die gerne als Käfig bezeichnet werden. Der Platz ist nicht groß, vielleicht sechs mal vier Meter, vielleicht weniger. Ein Käfig eben. Unter dem Schnee blitzt nasser, unebener Asphalt, an einer der Querseiten hängt ein Basketballkorb, als Tore dienen lediglich zwei schief aus dem Boden ragende Holzpfähle auf jeder Spielfeldseite. In diesem Käfig hat Ede angefangen, Fußball zu spielen und auch gelernt, sein Spiel den Gegebenheiten anzupassen. „Andere, die in schöneren Gegenden aufwachsen, spielen in ihrer Kindheit auf Rasenplätzen. Und wir haben eben immer nur auf diesem Steinboden gespielt. Dieses Klein-klein, viel mit der Sohle zu machen, das habe ich hier gelernt. Und das ist für mich auch typisch Berlin.“

Dass sich die Stadt auf sein Spiel gelegt hat, davon ist auch Wolfgang Damm überzeugt, der Chinedu Ede in Herthas U 15 trainiert hat: „So, wie Ede spielt, das lernst du nirgendwo anders. Diese Schlitzohrigkeit und die Fähigkeit, Dinge zu machen, die sich kein anderer trauen würde, das hat er quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Man merkt ihm auf dem Platz einfach an, dass er Berliner ist.“

Für den Durchbruch in Berlin hat es bisher trotzdem nicht gereicht. Dabei galt Ede immer als eines der größten Talente bei Hertha BSC, für viele war er sogar besser als Kevin-Prince Boateng oder Ashkan Dejagah. Mit 18 durfte er bereits für die U 23 in der Regionalliga spielen, wo er zusammen mit Patrick Ebert eine überragende Flügelzange bildete. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis sich Ede, der seit der U 17 alle Nachwuchsmannschaften des DFB durchlaufen hatte, auch bei den Profis durchsetzen würde. Doch auf dem nur scheinbar kurzen Weg in die Bundesliga geriet er in eine Sackgasse.

Auch weil Ede durch seine Herkunft aus dem Wedding und sein Auftreten irgendwo zwischen phlegmatischer Arroganz und arrogantem Phlegma als Teil der Straßencombo um Kevin-Prince Boateng gesehen wurde. Die gilt bis heute zwar als das Beste, was Herthas Nachwuchsabteilung in die Bundesliga geworfen hat , war aber immer auch ebenso unkontrollierbar und schwer erziehbar wie genial und wurde deshalb vom Berliner Boulevard effektvoll und folgenreich mit dem Etikett „Ghetto-Boys“ versehen. Eine Bezeichnung, die nach Drogengeschäften klingt, nach Armut und dem blutigen Recht des Stärkeren – und nur wenig mit der Realität zu tun hat, in der Herthas ehemaliger Nachwuchs aufgewachsen ist. Wie weit Dichtung und Wahrheit dabei auseinanderliegen, kann man besonders gut bei Ede sehen, der trotz seiner Kindheit in Wedding, seiner Asphalt-Affinität und der antrainierten Straßenschläue nicht täglich mit der harten Wirklichkeit anderer Jugendlicher konfrontiert wurde.

Bei Hertha hatte er zusammen mit den Boateng-Brüdern und Dejagah ein Ghetto-Image

Die Gegend um die Lüderitzstraße taugt nicht als Kulisse für ein Gangsterepos. Hinter sauberen Fassaden trennen Menschen ihren Müll und vor dem Getränkemarkt steht heute nicht einmal der obligate Obdachlose mit Lumpenhund. Chinedu Ede selbst kommt aus einem guten Elternhaus, der Vater, der mit zehn Jahren aus Nigeria nach Deutschland gekommen, ist Diplomingenieur, die Mutter Lehrerin. Ghetto ist anders.

Trotzdem verfestigte sich dieses BadBoy-Image, bis der Verein schließlich in einem Strudel aus Missverständnissen, Exzessen und Generationskonflikten zu versinken drohte und bei Hertha niemand mehr Lust hatte, die Supernanny für den eigenen Nachwuchs zu geben. Nach und nach verließen die Talente die Stadt. Chinedu Ede blieb als einer der Letzten, er wollte sich in Berlin durchsetzen. Obwohl er wusste, dass er mit dem Wedding-Stempel im Gesicht einen schweren Stand haben würde.

Doch im Polyvalenzwirbel von Lucien Favre fiel Chinedu Ede endgültig aus der Mannschaft, er war nur noch Ergänzungsspieler. Wenn überhaupt. Und seine Entwicklung stagnierte. An guten Tagen waren seine Tempodribblings noch immer eine fußballerische Sinfonie der Großstadt, nur traf Ede zu selten die richtigen Töne. Nach der Saison 2007/2008, in der er bei den Profis insgesamt nur 37 Minuten auf dem Feld stand, ging er deshalb zum MSV Duisburg.

Der Wechsel sollte ein Neuanfang werden, doch Ede kam in Duisburg nie wirklich an. Auch, weil er da irgendwie nicht hingepasst hat. In Duisburg, sagt Ede, sei er sofort aufgefallen. Besonders sein Kleidungsstil, aber auch die Art zu reden, sich zu bewegen, das alles passte nicht. „Die haben mich schon komisch beäugt“, sagt er und schaut dabei an sich hinunter. Die Jeans fällt auf weiße Converse-Sneaker, unter eine schwarze Jacke hat er einen hellgrauen Kapuzenpullover gezogen, dazu ein dunkelblaues Basecap aufgesetzt. Alles wirkt betont lässig. Und doch trägt Chinedu Ede kein Image spazieren, kein Großstadtkostüm. Wenn er durch die Straßen in Wedding läuft, fügt er sich vielmehr nahtlos in das Grau der Häuserschluchten.

Grau ist es in Duisburg auch, doch schnell plagte Ede Heimweh. „Erst als ich in Duisburg gewesen bin, habe ich gemerkt, wie sehr ich Berlin liebe, weil diese Stadt einfach anders ist. Genau wie ich. Das passt ganz gut zusammen“, sagt er, und man merkt ihm an, wie froh er ist, wieder hier zu sein.

Christian Beeck und Uwe Neuhaus, den Verantwortlichen des 1. FC Union, ist Ede sehr dankbar, dass sie ihm die Chance gegeben haben, nach dem ersten vermeintlichen Knick seiner Karriere zu Hause neu anfangen zu können. „Mit Union als Berliner in der Ersten Liga zu spielen: Das wäre das Größte“, sagt er noch, bevor er wieder in der Stadt verschwindet. Bisher ist er in jedem Spiel für Union ein- oder ausgewechselt worden, er will seinen Teil beitragen. Am besten natürlich mit dem Fußball, der ihn schon einmal bis in die Bundesliga getragen hat. Klein-klein und mit Sohle. Und immer so unberechenbar wie die Straße selbst.

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