Sport : Chinesische Offensive

Deutsche Klubs interessieren sich neuerdings sehr für die asiatischen Fußballer – auch Hertha gehört dazu

Stefan Hermanns[Hamburg]

Wenn sich die Chinesen ein Bild von der Welt machen, liegt China nicht am rechten Rand, sondern genau in der Mitte. Anders als auf europäischen Weltkarten fängt die Erde für die Chinesen links mit Europa an, in der Mitte kommt Asien und rechts Amerika. Und wenn man Karl Heinz Laudenbach glaubt, ist der fränkische Kurort Bad Kissingen auf chinesischen Landkarten so groß eingezeichnet wie, sagen wir, Hamburg, Barcelona oder Amsterdam. „Bad Kissingen ist eine der bekanntesten Städte in China“, sagt Laudenbach, der zufälligerweise Oberbürgermeister von Bad Kissingen ist.

Die Popularität in China verdankt der Kurort ausschließlich dem Fußball. In Bad Kissingen ist die Deutsch-Chinesische Fußballakademie zu Hause, dort trainiert das „China 08 Star Team“, ein Nachwuchsprojekt, aus dem die Fußballer kommen sollen, die bei den Olympischen Spielen in Peking die Goldmedaille gewinnen. Im Dezember 2004 sind die ersten 25 chinesischen Fußballer nach Bad Kissingen gekommen. Zehn Wochen haben die Jugendlichen hier trainiert, sie haben die örtliche Realschule besucht, Deutsch gelernt und eine fremde Kultur erlebt. „Es geht um mehr als Fußball“, sagt Laudenbach, der zufälligerweise auch Präsident der Fußballakademie ist.

Laudenbach spricht von Völkerverständigung, aber China ist eben auch ein großes Land – und aus wirtschaftlicher Sicht vor allem ein großer Markt, den auch der deutsche Fußball längst entdeckt hat. Heute spielen in Hamburg zum ersten Mal die A-Nationalmannschaften beider Länder gegeneinander. Die Begegnung ist Bestandteil eines umfangreichen Kooperationsabkommens zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem chinesischen Verband.

Trainer Klaus Schlappner, der einst mit Waldhof Mannheim in die Bundesliga aufgestiegen ist, wird heute in Hamburg auf der Tribüne sitzen, als Gast des chinesischen Verbandes. „Wenn das Wasser fließt, darf man den Brunnengräber nicht vergessen“, sagt er. Von Mitte 1992 bis Ende 1995 war Schlappner Nationaltrainer in China, als erster Ausländer überhaupt. „Ich habe die Grundlagen gelegt – das sagen die Chinesen.“ Schlappner hat unter anderem die Profiliga initiiert, die noch heute existiert. Der deutsche Fußball war für die Chinesen das große Vorbild, „ganz klar die Nummer eins“, sagt er. Doch das ist lange her. Inzwischen versuchen die Deutschen den Anschluss herzustellen. Die Deutsche Fußball-Liga träumt von einer Vermarktung der Bundesliga in China, es gab sogar das Gedankenspiel, den Ligapokal in China auszutragen.

Bisher müht sich jeder Verein auf eigene Faust. Arminia Bielefeld hat mit dem Erstligisten Hubei Wuhan Football Club einen Kooperationsvertrag geschlossen, Bayern München und Hertha BSC betreiben Internetseiten auf Chinesisch, und so, wie es aussieht, wird in Herthas A-Jugend bald ein 17 Jahre alter Chinese spielen. Die Berliner haben 20 000 Schulfußballer in China sichten lassen. Am Ende ist ein Spieler übrig geblieben, der für drei Jahre nach Deutschland kommen, in Herthas Geschäftsstelle arbeiten und in der Fußballakademie wohnen soll: Xu Zhan, ein 1,95 Meter großer Mittelstürmer: „Er hat eine schöne Sprungkraft, ist beidfüßig, und unsere Nachwuchstrainer haben gesagt: Der könnte es schaffen“, sagt Reiner Kübler, der für das Projekt verantwortlich war. Noch aber verweigern die deutschen Behörden Xu Zhan die Aufenthaltsgenehmigung.

„Das Projekt hat schon einiges gekostet“, sagt Kübler. Doch das Geld glaubt er gut angelegt. Bad Kissingens Oberbürgermeister Laudenbach sieht es genauso. Rund 50 000 Euro hat die Gemeinde in die Deutsch-Chinesische Fußballakademie investiert. Dafür berichtet das chinesische Staatsfernsehen regelmäßig über den Ort, ein chinesischer Wellness-Anbieter wird ein großes Areal in der Stadt kaufen, und immer mehr Touristen aus China kommen nach Bad Kissingen. In den ersten acht Monaten des Jahres stieg die Zahl der Übernachtungen von 0 auf 7000. Fast könnte man vergessen, dass es um Sport geht. Fast. Zum Kader Chinas Nationalmannschaft zählen heute sechs Spieler, die in Bad Kissingen trainiert haben.

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