Sport : Chinesisches Europa

Bei der Tischtennis-EM machen gebürtige Asiatinnen den Titel fast unter sich aus.

Susanne Heuing
Deutsch-deutsches Duell. Shan Xiaona (r.) und Zhenqi Barthel treffen im Doppelfinale auf Petrissa Solja/Sabine Winter. Foto: dpa
Deutsch-deutsches Duell. Shan Xiaona (r.) und Zhenqi Barthel treffen im Doppelfinale auf Petrissa Solja/Sabine Winter. Foto: dpaFoto: dpa

Schwechat - Viktoria Pawlowitsch fiel auf in diesem Viertelfinale bei den Tischtennis-Europameisterschaften. Weil ihr Abwehrspiel schön anzuschauen ist, weil sie den Ball aus schier aussichtslosen Positionen noch zurückbringt – und weil die Weißrussin am Sonnabend als letzte gebürtige Europäerin aus dem Turnier ausgeschieden war. Die übrigen sieben Spielerinnen vertraten Portugal und Schweden, die Niederlande, Deutschland und die Türkei, sind aber allesamt in China geboren. Wenn es um die Medaillen ging, waren Spielerinnen aus dem Reich der Mitte zuletzt bei Europameisterschaften schon oft in der Überzahl, eine solche Quote aber wie diesmal in Schwechat bei Wien hat es noch nie gegeben. Erstmals gehen alle vier EM-Medaillen im Damen-Einzel an vier gebürtige Chinesinnen.

Zwei von ihnen – Shan Xiaona und Han Ying – treten für Deutschland an und treffen am heutigen Sonntag im Halbfinale aufeinander. Sie waren es auch, die Deutschland wenige Tage zuvor zum ersten Mannschaftstitel der Frauen seit 1998 geführt haben. Weil deshalb in Deutschland ausgebildete Spielerinnen wie die EM- Zweite von 2011 Irene Ivancan vom TTC Berlin-Eastside nicht berücksichtigt wurden, hagelte es hierzulande mehr Kritik als Lob. Auch der unterlegene Finalgegner äußerte sich kritisch. „Das war früher nicht so. Heute haben viele Mannschaften gleich zwei Chinesinnen, das gefällt mir nicht“, sagt Viorel Filimon, Trainer des rumänischen Frauen-Teams. „Wir haben hier auf dem Kontinent ein Problem. Wenn die Nachwuchsspielerinnen alt genug sind, bei den Erwachsenen zu spielen, ist in den Mannschaften kein Platz für sie.“ Im rumänischen Team ist die 18-jährige Bernadette Szocs eine feste Größe, im deutschen sucht man die dreifache Jugend-Europameisterin Nina Mittelham dagegen vergebens.

Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), hat für die Sichtweise des rumänischen Coaches durchaus Verständnis, zumal Rumänien zuvor schon zwei EM-Finals gegen die Niederlande verloren hatte, deren mit Abstand beste Spielerinnen Li Jiao und Li Jie heißen. „Es ist nicht schwer, sich in die Gedanken der Rumänen reinzuversetzen“, sagt er. „Aber für mich bewegt sich die Diskussion auf einer anderen Ebene. Das ist ein gesellschaftspolitischer Aspekt – ich kann auch grundsätzlich über die Sinnhaftigkeit von Migration reden.“ Dass Shan und Han beide erst seit wenigen Monaten den deutschen Pass besitzen, war für den DTTB kein Hindernis, sie für diese EM zu nominieren.

„Wer hier lebt, sollte alle Rechte haben. Sie dürfen wählen, warum also sollen sie nicht für Deutschland Tischtennis spielen dürfen“, sagt Bundestrainerin Jie Schöpp, die selbst im chinesischen Baoding geboren wurde. „Ich möchte, dass nach Leistung aufgestellt wird, alles andere würde auch den deutschen Spielerinnen nicht gut tun. Sie müssen lernen dagegenzuhalten.“ Der Erfolg in Schwechat gibt ihr Recht: Das junge deutsche Doppel Petrissa Solja/Sabine Winter ist im Doppel-Wettbewerb überraschend bis ins heutige Finale vorgestoßen. Gegner dort sind ihre Teamkameradinnen Shan Xiaona und die ebenfalls aus China stammende Zhenqi Barthel. Aufgrund der aktuellen Diskussionen ist diese Final-Konstellation vielleicht das beste, was den Verantwortlichen des DTTB passieren konnte. Susanne Heuing

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