CHIO in Aachen : Geländereiten: Alles eine Frage der Sicherheit

Nach dem tödlichen Unfall von Benjamin Winter ist die Frage nach der Sicherheit im Geländereiten, dem früheren Military, größer geworden denn je. Auch in diesem Jahr beim CHIO in Aachen.

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Sicherheitssystem am Oxer. Ingrid Klimke wird auch in Aachen starten. Foto: Imago
Sicherheitssystem am Oxer. Ingrid Klimke wird auch in Aachen starten.Foto: Imago

Zwei Windmühlen mit roten Dächern hat er auf einen Hügel gestellt. Ein kleiner Wildbach durchquert die Wiese, Teiche sind angelegt. Nur ein pinkes Haus, das wollte Rüdiger Schwarz auf seinem eigen erschaffenen Stück Land nicht sehen. Auf diesem Stück Land voller Hindernisse.

Seit 30 Jahren entwirft der 64-Jährige Gelände-Parcours wie hier beim CHIO in Aachen. Früher ist er selbst geritten, heute bildet er den Junioren-Kader in der Vielseitigkeit aus. Während er erzählt, rattert Schwarz auf einem kleinen Turnierwagen von seinem ersten bis zum letzten Sprung. An 25 Hindernissen fährt er vorbei. An Baumstämmen, Gräben, Hürden aus massivem Holz. Zwischen 1,10 Meter und 1,20 Meter sind die Geländesprünge der Drei-Sterne-Prüfung hoch. Eine Vier-Sterne-Prüfung war es, bei der Benjamin Winter vor einem Monat starb.

Der erfahrene Reiter war mit seinem zehn Jahre alten Wallach gestürzt und starb in einer Notfallklinik an den Folgen seiner Verletzungen. Er wurde 25 Jahre alt. Einen derartigen Unfall hat Schwarz bislang noch nicht mitansehen müssen. „Doch ich bin mir der Verantwortung bewusst, dass im Gelände immer etwas passieren kann“, sagt er. Seit dem Tod von Winter wird nun wieder diskutiert, ob die Sportart sicher genug ist. Ob Pferd und Reiter genügend geschützt sind. Schwarz sagt Ja. An fünf Sprüngen, etwa an einem Oxer mit unterbautem Wasser, hat er Sicherheitssysteme anbringen lassen. Prescht ein Pferd mit mehreren hundert Kilogramm gegen den Sprung, gibt das Hindernis direkt nach. Bevor das Pferd in den Sprung kracht und der Reiter stürzt. Außerdem befinden sich auf mehreren Hindernissen Hecken. Ein Puffer für das Pferd, wenn es die Beine nicht hoch genug nimmt: „Dadurch können kleine Unachtsamkeiten noch verziehen werden. Gegen jeden Fehler können wir aber nicht bauen.“

Im vergangenen Jahrzehnt gab es im Schnitt einen tödlichen Unfall pro Jahr

Im vergangenen Jahrzehnt gab es im Schnitt weltweit einen tödlichen Unfall pro Jahr. 2013 war die Quote allerdings höher: Innerhalb von sechs Monaten verunglückten ein französischer Reiter in Portugal, ein Neuseeländer in Großbritannien und eine deutsche Reiterin beim Training. Dort, wo sich Benjamin Winter tödlich verletzte und wo fünf weitere Reiter beim selben Turnier nach einem Sturz aufgeben mussten. Eine Teilnehmerin zog sich Prellungen zu, eine andere brach sich das Schlüsselbein. Deswegen fordert der frühere Springreiter und Unternehmer Paul Schockemöhle ein Umdenken in der Vielseitigkeit. Ein Innehalten.Die Gelände-Hindernisse sollen seiner Meinung nach auf Metall-Auflagen liegen und sofort umfallen, wenn ein Pferd dagegen stößt. Als Mitveranstalter des Eventing Grand Prix in Hickstead habe er Ende der 90er-Jahre solch flexible Hindernisse eingeführt. Seitdem sei dort kein schlimmer Unfall mehr passiert. Natürlich solle sich das Geländereiten nicht zu einer Springprüfung auf einer Wiese entwickeln, doch auch mit Stangen und Planken könnten authentische Naturhindernisse nachgebaut werden. „Das ist die einzige Art, um Unfälle zu vermeiden“, sagt Schockemöhle. „Tote gehen für mich vor Traditionen.“

Angesichts der neuen Debatte glaubt auch Schwarz, dass sich die Vielseitigkeit in Zukunft wandeln wird. So wie sie es in den vergangenen 20 Jahren bereits getan hat. Da es in den 90er Jahren zu mehreren schweren bis tödlichen Unfällen kam, war die Vielseitigkeit im olympischen Programm gefährdet. Aus diesem Grund hat man das Format bei den Spielen 2004 in Athen geändert: Keine Wegstrecke, keine Rennbahn. Keine Strecken von mehr als 20 Kilometern, um den Einsatz der Pferde für militärische Zwecke zu präsentieren. Die Ursprungsidee des Sports. Heute gibt es nur noch einen einzigen Geländeweg. Maximal fünf Kilometer lang.

Die Anforderungen in den Teilprüfungen Dressur und Springen wurden erhöht

Darüber hinaus wurden die Anforderungen in den Teilprüfungen Dressur und Springen erhöht, wodurch sich die reiterliche Qualität verbessert hat. „Heute muss eine Pferd im Gelände an den Hilfen stehen. Das Training ist intensiver, die Fitness von Reiter und Pferd ist wichtiger geworden“, sagt der Bundestrainer Hans Melzer in Aachen. Nach dem Unfall von Benjamin Winter müsse man zwar darüber nachdenken, ob all diese Maßnahmen – die bessere Ausbildung und die Ausrüstung der Reiter mit speziellen Helmen, Rückenprotektoren und Airbagwesten samt Nackenschutz– ausreichen, doch das Gelände müsse mit seinen Naturhindernissen auch Gelände bleiben. Immerhin haben sich die Sprünge über die Jahre hinweg bereits gewandelt. Zwar nicht in ihrer Höhe und Breite, aber in ihrer Form.

Mit Blumentöpfen vor einem Sprung wird dem Pferd eine Orientierung zum Abspringen geboten. Und auch angeschrägte Sprünge wie eine Mini-Scheune mit grünem Dach zeigen dem Tier besser, wie hoch und weit es springen muss. „Früher waren Hindernisse platt wie ein Tisch und die Pferde wussten gar nicht, was sie erwartet“, erklärt der Parcours-Designer. Schwierige Finessen erlaubt er sich auf andere Weise. Zum Beispiel bei einem Oxer unter einem Baum, wo Licht- und Schattenverhältnisse die Pferde verunsichern können. Schwierige Hinderniskomplexe baut Schwarz hingegen nur am Anfang und in der Mitte der Strecke. Nicht am Ende, wenn die Ermüdung einsetzt. Wenn die Kraft nachlässt.

Die Idee von flexiblen Hindernissen schließt er für die Zukunft nicht aus, doch Schwarz betont: „Ich möchte, dass das Reiten im Gelände eine eigenständige Sportart bleibt.“ Eine Sportart, die er als Parcours-Bauer mit beeinflussen möchte. Nicht nur, indem er entscheidet, dass am Ende des Ritts kleine, weiße Fachwerkhäuser stehen und keine pinken Gebilde, sondern indem er die Wege und Distanzen so baut, dass die Reiter langsamer oder schneller reiten müssen. Indem er bei schmalen Sprüngen ihre Konzentration fordert und ihren festen Sitz – die größte Sicherheit im Sattel. Auch wenn ein Restrisiko beim Reiten immer bleiben wird. Sei es im Parcours, beim Abreiten oder beim Führen des Pferdes in den Stall.

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