• Christian Ziege, nach dem dritten Tor in 29 Minuten: "Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich freuen sollte"

Sport : Christian Ziege, nach dem dritten Tor in 29 Minuten: "Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich freuen sollte"

Sebastian Arlt

Als er zum dritten Mal getroffen hatte, verlor der Torschütze für einen Moment den Überblick. "Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich freuen sollte", erzählte Christian Ziege. Er lief 20, 30 Meter. Um Zeit zu gewinnen. Dann sank er auf die Knie, ballte beide Fäuste - und dankte den himmlischen Kräften. Wieso diese Art der Freude? "Ich weiß es nicht." Bei irgendjemandem habe er sich für dieses ganze Glück, den Hattrick innerhalb von 29 Minuten, bedanken müssen. "Ich bin zwar nicht streng gläubig, aber ich glaube an Gott."

Noch eine Stunde nach dem Spiel, an "einem der schönsten Tage in meiner Karriere", merkte man dem 27-Jährigen an, wie aufgewühlt er war. Er, für den in den letzten Jahren so viel schief gelaufen ist, war einfach nur glücklich. Seine Stimme senkte sich jedoch ein wenig, als er noch einmal darüber Auskunft geben musste, wie er denn die beiden Jahre beim AC Mailand erlebt habe, wo er zum Schluss nur noch auf der Tribüne saß. Oder als er von der "beschissenen WM" sprach, bei der er am 29. Juni 1998 in Montpellier gegen Mexiko sein erst einmal letztes Länderspiel gemacht hatte. In einer schwachen Mannschaft war er der Schwächste gewesen. Die deutschen Fans pfiffen ihn aus, beschimpften ihn übel. In der Kabine heulte Christian Ziege Rotz und Wasser.

Vorbei. Vergessen? "Ich hatte lange Zeit große Probleme mit den Schmährufen und habe darunter gelitten", sagte der Berliner, der 1990 von Hertha Zehlendorf zu den Bayern wechselte und dort sieben Jahre unter Vertrag stand, bevor es ihn in die Hauptstadt der Lombardei zog. Die Situation bei Milan machte dem sensiblen Ziege schwer zu schaffen. "Ich kenne kaum einen anderen Profi mit so viel Feingefühl. Das kann sich besonders negativ auswirken oder besonders positiv", sagte Mehmet Scholl über seinen ehemaligen Weggefährten bei Bayern, der einst als das Paradebeispiel eines verwöhnten Wohlstandsjünglings galt.

Umso wichtiger war für ihn das Vertrauen, das ihm zwei Trainer in den vergangenen zwei Monaten entgegengebracht haben. Zuerst Bryan Robson, der ihn zu Saisonbeginn zum Premier-League-Klub FC Middlesbrough holte, und dann Erich Ribbeck, der ihm das Comeback in der Nationalmannschaft ermöglichte. Wie "eine Erlösung" sei der Wechsel in den Nordosten Englands gewesen. Glücklich macht ihn auch, dass er sich bei Ribbeck mit guten Leistungen und drei Toren in seinem 43. Länderspiel bedanken konnte: "Er hat selbst mit mir gesprochen, als fast niemand mehr mit mir gesprochen hat, weil ich in Mailand auf der Tribüne saß."

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