Sport : Christoph Daum: Trotz allem Optimist

Klaus Smentek

Vor zwölf Tagen habe ich Christoph Daum in Istanbul besucht. Es war unsere erste Begegnung seit dem 20. Mai 2000 in Unterhaching. Dem legendären Leverkusener GAU im Titelrennen. Natürlich habe ich die Berichte, Aussagen und Mutmaßungen in der Kokain-Affäre verfolgt und ich war gespannt auf dieses Wiedersehen. Hat er sich überhaupt verändert? Und wenn, wie? Im Stadion beim Spiel seines Klubs Besiktas gegen den Absteiger Siirt war er auf der Bank völlig ruhig. Kein Wunder, die Saison war gelaufen.

Zum Thema Online Spezial: Die Affäre Daum im Rückblick Den ersten persönlichen Kontakt mit ihm hatte ich beim Abendessen. Ich saß mit Daums Assistent Koch und Ehefrau sowie Torwart-Trainer Immel mit Lebensgefährtin auf der Terasse eines Lokals über den Dächern Istanbuls. Plötzlich kam Daum. Erster Eindruck: leicht gebräunt, relativ erholt, keinerlei Augenflackern. Zunächst gab er sich etwas distanziert, taute dann aber schnell auf. Er war die dominierende Person an diesem Tisch. Er flachste über dies und das, dann sprach er sehr ernsthaft über die Wirtschaftskrise in der Türkei. Fußball war kaum ein Thema. Als wir uns gegen Mitternacht verabschiedeten, dachte ich mir: "Das ist der Christoph Daum, den du seit rund zehn Jahren kennst." Wäre ich ein Jahr in der Antarktis ohne Nachrichten gewesen, mir wäre nicht in den Sinn gekommen, dass dieser Mann etwas Besonderes durchgemacht habe.

Am Sonntag war ich dann noch mehrere Stunden mit ihm zusammen. Zunächst im Trainingszentrum von Besiktas, dann in seinem Hotelzimmer im Interconti. Auf der einen Seite war da der fußballbesessene Christoph Daum. Voll unter Dampf. Personalplanung für die neue Saison. Ständige Gespräche mit Spielervermittlern. Detailplanung für das neue Trainingszentrum. Daum - der Perfektionist. Doch allmählich wurde unser Gespräch offener. Christoph Daum begann von sich aus über die Kokain-Affäre zu sprechen. Er gab keine sensationellen Einzelheiten preis. Allerdings betonte er, dass die Koblenzer Staatsanwaltschaft seiner Meinung nach nur gegen ihn ermittelte, allen Hinweisen die für eine Entlastung seiner Person sorgen könnten, außer acht ließen. Er wusste, das die Staatsanwaltschaft wohl Anklage erheben würde. Er schien sich durchaus nicht sicher zu sein, dass ein Verfahren mit einem Freispruch erster Klasse für ihn enden würde.

Er sehnte sich aber offensichtlich danach, dass endlich jemand - und zwar ein unabhängiger Richter - den Schlusspunkt hinter diese Affäre setzen würde. Auf die Frage, ob er in seinem Leben nochmals alles genauso machen würde, antwortete er spontan: "Ich würde alles genauso machen", um dann doch einzuschränken "mit den Erfahrungen von heute würde ich vielleicht Kleinigkeiten anders machen" und: "Auf einige Erfahrungen - außerhalb des sportlichen Bereichs - hätte ich besser verzichtet."

Was bedeutet für ihn Vertrauen? Daum: "Ein Gut, was heute immer seltener vorkommt." Und er fügt an: "Da habe ich mir einiges wieder zu erarbeiten." Nach diesen Sätzen kam es mir doch so vor, als sei er etwas nachdenklicher geworden. Als sei es ihm doch mehr bewusst - als er nach außen preisgeben will - was seine Familie (vor allem seine Kinder) in den vergangenen Monaten durchlitten hat. Und natürlich wird auch in ihm immer wieder die Frage bohren: Wie konnte das alles passieren?

Eigentlich wäre er heute Bundestrainer, hätte sich sein Herzenswunsch erfüllt. Und nun? Nun muss er um seine berufliche und private Zukunft bangen. Zum Schluss kommt wieder der optimistische Kämpfer hervor. "Ich glaube, wenn diese Sache vorbei ist, werden sich viele bei mir entschuldigen müssen." Diese Worte hatte einst Uli Hoeneß gewählt, als ihm vorgeworfen wurde, mit dem Fall Daum eine Schmierenkomödie inszeniert zu haben.

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