• Christoph Daum über seine Vorliebe für Max Frisch, die Sparsamkeit des Bayer-Vorstandes und den Wunsch, Andreas Neuendorf aus Berlin zurückzuholen

Sport : Christoph Daum über seine Vorliebe für Max Frisch, die Sparsamkeit des Bayer-Vorstandes und den Wunsch, Andreas Neuendorf aus Berlin zurückzuholen

Andreas Kötter

Christoph Daum (46) ist seit Sommer 1996 Trainer beim Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen. Er wurde mit dem VfB Stuttgart 1992 Deutscher Meister und holte mit Besiktas Istanbul 1995 den Titel in der Türkei. Mit Daum sprach Andreas Kötter.

Vor einigen Jahren erschien in der "Zeit" ein Porträt, das Sie als Hesse-Liebhaber nannte.

Das ist nicht ganz richtig. Eigentlich lese ich lieber Biografien und besitze davon sicherlich auch 150 oder 160, ansonsten schätze ich Max Frisch, besonders seine Tagebücher und natürlich "Stiller".

Christoph Daum, der Schöngeist, zerrissen zwischen dem Wunsch schönen, attraktiven Fußball spielen zu lassen auf der einen und dem Druck gewinnen zu müssen auf der anderen Seite?

Mit dem Begriff Schöngeist kann ich nichts anfangen. Ich komme aus dem Arbeitermilieu, habe zwar das eine oder andere Buch gelesen, sehe mich aber nicht als Schöngeist. Ich verstehe mich als harter Arbeiter.

Bayer Leverkusen hat vor dieser Saison erstmals offiziell die Meisterschaft als Ziel genannt. War es ein Fehler, sich selbst so unter Druck zu setzen?

Ein solcher Anspruch muss normal sein für Bayer Leverkusen. Ich habe mich selbst gefragt "Welches Ziel hast du eigentlich?", und die Antwort war "Meister!"

Das Theater um Emerson, der Wechsel von Beinlich nach Berlin zum Saisonende, das Störfeuer aus München um einen möglichen Wechsel von Ramelow - kann man so Meister werden?

Thema Ramelow: das ist von einer Sportzeitschrift aufgebracht worden, und die hat natürlich ein anderes Interesse als wir. Wir wollen Ruhe im Verein, der Journalist schürt Unruhe, weil er Schlagzeilen braucht.

Förderlich ist sie kaum. Stichwort Emerson.

Dass Emerson schon in der Winterpause wechseln würde, war doch auch eine Erfindung der Medien. Es war abgemacht, dass er im Urlaub nicht erreichbar sein würde. Also konnten auch wir ihn nicht erreichen, und so wurde konstruiert, Emerson würde nicht nach Leverkusen zurückkehren.

Wenn auch die Mittel der Boulevardpresse umstritten sind, so scheinen Sie doch unzufrieden mit der Tatsache, dass die finanziellen Mittel in Leverkusen begrenzt sind.

Ich sehe meine Verpflichtung nicht nur darin, Meister zu werden, sondern auch darin, Talente zu entdecken und zu fördern. Natürlich ist ein Titel in der Außenwirkung enorm, aber im Kreise der Experten wird die Arbeit, die wir hier geleistet haben, honoriert. Wir werden immer zu den Besten gehören.

Der Emerson-Transfer soll mehr als fünfzig Millionen Mark bringen, die doch in neue Spieler investiert werden könnten.

Grundsätzlich wären wir in der Lage, Emerson zu halten. Das aber ist nicht die Philosophie des Konzerns. Man will auf gar keinen Fall, dass es heißt: Die erkaufen sich den Erfolg. So wird auch nicht der komplette Erlös in neue Spieler investiert werden können.

Ihrem Vorstand haben Sie aber empfohlen, "den Igel aus der Tasche zu nehmen", also großzügiger zu sein.

Da muss man die kölsche Mentalität kennen. Das war nicht so hart gemeint, wie es vielleicht klingt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass unser Werbewert für den Konzern sicher 400, 500 Millionen Mark beträgt. Natürlich versuche ich mehr für meine Mannschaft herauszuholen und will mit so einer Aussage die Herren des Vorstandes locken. Da die aber ziemlich empfindlich reagiert haben, halte ich mich nun zurück.

Ist die aktuelle Spielergeneration fähig zur Selbstkritik?

Ich würde das niemals verallgemeinern wollen. Im Gegenteil: Manche Spieler erstarren nahezu, wenn Sie einen Fehler gemacht haben, anstatt zu sagen: Mund abputzen und weiter. Aber natürlich gibt es auch die, die mediengerecht ihre Selbstkritik in die Kamera hineinquatschen. Das ist Effekthascherei, darauf kann ich verzichten.

Ein nicht ganz bequemer Spieler ist auch Andreas Neuendorf. Den wollen Sie von Hertha BSC zurück nach Leverkusen holen, obwohl er unbedingt in Berlin bleiben will. Macht es Sinn, einen Spieler "zu seinem Glück zu zwingen", wie Sie es genannt haben?

Es gibt sicher Argumente, die dagegen sprechen, ihn zurückzuholen, und es gibt Argumente dafür. Fakt ist, dass wir uns erst einmal unterhalten müssen, ein Gespräch hat schließlich noch gar nicht stattgefunden.

Sie könnten sich also vorstellen, auf Neuendorf zu verzichten?

Warum sollte ich verzichten? Nennen Sie mir nur einen Grund, warum wir unsere Option sausen lassen sollten. Wir haben die Intention, ihn zurückzuholen, und ich kann mir sogar vorstellen, dass er gerne nach Leverkusen kommt. Vielleicht muss man ihn tatsächlich zu seinem Glück drängen. Natürlich werden wir aber Niemanden mit der Pistole nach Leverkusen zwingen.

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