Chronik : America's Cup: Still ruht die See

Der America’s Cup ertrinkt in einem langen Gerichtsstreit. Aber worum geht es eigentlich? Eine Chronik

Sina Steinmann
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Ein Schiff wird kommen. Titelverteidiger Alinghi hat für den 33. America’s Cup einen neuen futuristischen Katamaran präsentiert....AFP

Der America’s Cup stand einmal für die Schönheit des Segelsports. Seit dem 20. Juli 2007 aber wird die älteste Sporttrophäe der Welt vor Gericht verhandelt. Weil eine Stiftungsurkunde („Deed of Gift“) aus dem Jahr 1887 den Wettbewerb grundsätzlich regelt, konnte er zum Zankapfel zweier Milliardäre werden. Inzwischen gibt es zwar mit dem kommenden Februar einen Termin für das Segelduell der beiden Streitparteien Alinghi (Schweiz) und BMW Oracle Racing (USA), doch ein Abschluss des erbitterten Gefechts ohne weitere Bemühung der Richter ist unwahrscheinlich. Nachfolgend zeichnen wir eine Chronologie der Schlacht zwischen den Rennstallbesitzern Ernesto Bertarelli (Alinghi) und US-Milliardär Larry Ellison (BMW Oracle) nach – mit offenem Ausgang.

3. Juli 2007. Das Schweizer Team Alinghi verteidigt den 2003 erstmals von einem europäischen Segelteam gewonnenen America’s Cup. Es besiegt Team New Zealand im 32. Duell vor Valencia mit 5:2.

5. Juli 2007. Die Schweizer wählen sich für den 33. America’s Cup laut Vorgaben der Stiftungsurkunde einen gefügigen Verhandlungspartner aufseiten der Herausforderer: Sogenannter Challenger of Record wird der eigens dafür gegründete spanische Klub „Náutico Español de Vela“. Gleichzeitig präsentiert der Alinghi-Verein Société Nautique de Genève (SNG) das Protokoll, das die Regeln für den nächsten Cup festlegt.

11. Juli 2007. Im Namen von Larry Ellisons US-Segelrennstall BMW Oracle Racing fordert der Golden Gate Yacht Club (GGYC) Ernesto Bertarellis Team Alinghi zu einem Exklusiv-Match heraus. Die Amerikaner nutzen eine in der Stiftungsurkunde vorgesehene Sonderregel, um die ihrer Meinung nach einseitige Regelgestaltung der Schweizer für den 33. America’s Cup zu umgehen. Sie suchen die direkte und exklusive Konfrontation.

20. Juli 2007. Der GGYC reicht vor dem Obersten Gerichtshof New Yorks Klage gegen die SNG ein. In der Klageschrift fechten die Amerikaner die Legitimität des spanischen Challengers of Record und damit das gesamte Protokoll für die 33. Cup-Auflage an. Eine Revolution.

25. Juli 2007. Die Schweizer treiben ihre Planungen für einen konventionellen America’s Cup mit vielen Herausforderern voran und nennen Valencia als künftigen Austragungsort. Als Antwort auf die gerichtlichen Aktivitäten der Amerikaner sagt Alinghi-Boss Bertarelli: „Larry Ellison ist frustriert, weil er den Cup auf dem Wasser zweimal nicht gewinnen konnte.“

15. September 2007. Als gäbe es den Gerichtsstreit nicht, beginnen die Verhandlungen zwischen Alinghi und zunächst fünf Herausforderern, darunter Team Germany, über die neuen Klassenregeln und das Cup-Format.

19. November 2007. Team Germanys Sportdirektor Jochen Schümann weiß längst, dass sein Team nur überleben kann, wenn sich die Milliardäre einigen: „Die Verhandlungen sind zu einem Kampf der Egos eskaliert. Ernesto Bertarelli und Larry Ellison müssen sich alleine treffen, um die Kuh vom Eis zu bringen.“ Sie tun es. Ohne Erfolg.

23. November 2007. Team Germanys potenzielle Sponsoren wanken, geben aber noch nicht auf. Die Deutsche Challenge 2007 AG von United-Internet-Chef Ralf Dommermuth zahlt – noch – die Miete für das Hauptquartier in Valencia und unterhält ein Rumpfteam. Schümanns Parole: „Weitermachen wie bisher!“

27. November 2007. Der Traum von der multinationalen Herausforderung platzt: US-Richter Herbert Cahn erklärt Alinghis spanischen Challenger of Record für illegal. Damit sind alle Planungen nichtig.

19. März 2008. Richter Cahn entscheidet endgültig zugunsten des US-Teams: Der Golden Gate Yacht Club wird zum legalen Challenger of Record erklärt. Das Exklusiv-Duell zwischen BMW Oracle Racing und Alinghi scheint besiegelt.

31. März 2008. Im deutschen Camp in Valencia gehen die Lichter aus: Team Germany wird aufgelöst, weil die Perspektive fehlt. Auch andere international renommierte Teams geben nach und nach auf.

14. April 2008. Alinghi reicht Klage beim New Yorker Berufungsgericht ein.

29. Juli 2008. Das New Yorker Berufungsgericht gibt den Schweizern recht und setzt den spanischen Club CNEV wieder als rechtmäßigen Challenger of Record ein. Dem Cup wird durch das Urteil ein Neustart auf dem Stand von Juli 2007 verordnet. Die multinationale Herausforderung erscheint wieder möglich. Doch weil das Urteil mit 3:2 Richterstimmen knapp ausfällt, bleibt den Amerikanern eine letzte Chance, in Berufung zu gehen.

22. August 2008. BMW Oracle Racing stellt nach neunmonatiger Design- und Bauphase den neuen Trimaran für das Duell gegen Alinghi vor und startet mit ersten Test- und Trainingsserien.

2. April 2009. Der Oberste New Yorker Gerichtshof entscheidet mit 6:0 Richterstimmen zugunsten der Amerikaner. Der Golden Gate Yacht Club wird unwiderruflich zum Challenger of Record ernannt.

14. Mai 2009. Der Oberste New Yorker Gerichtshof bestätigt den Zeitpunkt für das 33. Cup-Duell. Die bekannteste Regatta der Welt soll im Februar 2010 stattfinden. GGYC-Sprecher Tom Ehman frohlockt: „Es könnte die spannendste Auflage aller Zeiten werden. In Booten, die die Welt noch nicht gesehen hat.“

4. Juli 2009. Alinghi präsentiert einen futuristischen Katamaran aus den Federn des in Hamburg lebenden Chefkonstrukteurs Rolf Vrolijk und Alinghis Designteam. Mit der vergleichsweise filigranen „Alinghi 5“ wollen die Schweizer im Februar gegen BMW Oracle antreten. Die Konstruktion des Schweizer Hightech- Geschosses legt einen Austragungsort mit wenig Wind und Wellen nahe.

21. Juli 2009. Die Parteien treffen sich erneut vor Gericht, streiten um Regeln und Abmessungen ihrer Mehrrümpfer.

31. Juli 2009. Die nächste Revolution: US-Richterin Shirley Kornreich erlaubt zugunsten von Alinghi erstmals Motoren an Bord einer Cup-Yacht.

5. August 2009. Alinghi gibt das arabische Emirat Ras al-Khaiman als Austragungsort für das 33. Duell im Februar bekannt. Die Amerikaner sind perplex und behalten sich weitere Schritte vor.

Bis zum Duell im Februar und darüber hinaus sind weitere Auseinandersetzungen vor Gericht zu erwarten. Dabei wird es um die Maße der Boote, das Reglement und den Austragungsort gehen. Die Amerikaner glauben, dass Alinghi laut Gerichtsanordnung und Stiftungsurkunde Valencia oder ein Revier auf der südlichen Welthalbkugel wählen muss. Die Schweizer dagegen fühlen sich nach den Gerichtsurteilen frei, weltweit zu wählen. Es gibt weltweit nur eine Handvoll Experten, die dieser historisch einmalig langen Gerichtsschlacht Gutes abgewinnen können. Einer von ihnen ist der fünfmalige Cup-Teilnehmer Peter Gilmour. Er gilt als graue Eminenz des Segelsports und sagt: „Es werden endlich viele Probleme angefasst und gelöst. Das ist zuletzt vor zwei Jahrzehnten passiert. In der Folge hatten wir viele gute Jahre. Nach diesem Streit werden uns neu geschaffene Rahmenbedingungen eine ähnliche Zeitspanne vorwärts tragen. Dann wird die Frustrationsperiode nur ein kleiner Punkt in der Geschichte des America’s Cup sein.“ Ob diese Weisheit auch für einen zweiten deutschen Cup-Anlauf in der 158-jährigen Cup-Geschichte gilt, ist allerdings offen.

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