Chronik eines Abstiegs : Hertha auf halbmast

Erst gehen die besten Spieler, dann verheddert sich der Trainer. Doch Wechsel, Wut und Wunderreden bringen nichts. Die Chronik eines kapitalen Absturzes.

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Nicht mal ein Jahr ist es her, dass Hertha BSC noch realistische Chancen auf den Gewinn der deutschen Meisterschaft hatte; seit gestern steht fest, dass die Berliner den Abstieg in die Zweite Liga nicht mehr verhindern können. Hertha hat damit den schlimmsten Absturz des deutschen Fußballs hingelegt, seitdem Alemannia Aachen 1970, als Vizemeister des Vorjahres, abgestiegen ist. Wie es dazu kommen konnte, verstehen viele bis heute nicht. Wir rekapitulieren den Verlauf eines bemerkenswerten Niedergangs.

30. Juni 2009: Simunic geht

Josip Simunic gibt seinen Wechsel nach Hoffenheim bekannt. Für die festgeschriebene Ablöse von sieben Millionen Euro darf der 31-Jährige Hertha verlassen. Simunic ist nach Marko Pantelic und Andrej Woronin der dritte Leistungsträger, den die Berliner ersetzen müssen. Dafür kann der finanzschwache Klub nun selbst auf dem Transfermarkt tätig werden. Da Hertha einen Überschuss von fünf Millionen Euro erwirtschaften muss, bleiben nach Simunics Verkauf immerhin zwei Millionen für neue Spieler. „Natürlich erleichtert uns das die Arbeit“, sagt Manager Michael Preetz.

3. Juli: Wichniarek kommt

Hertha BSC gelingt die Transferüberraschung des Sommers: Die Berliner holen Artur Wichniarek vom Absteiger Arminia Bielefeld zurück, der bereits von 2003 bis 2006 für Hertha gespielt und in 44 Einsätzen ganze vier Tore erzielt hat. Besonders beliebt ist der Pole bei Herthas Anhang seitdem nicht. „Klamm zu sein, ist keine Schande“, kommentiert der Tagesspiegel den Transfer. „Keine Idee zu haben, ist gefährlich.“ Trainer Lucien Favre aber ist überzeugt, dass Wichniarek perfekt in sein System passt. Inzwischen bestreitet er beharrlich, etwas mit der Verpflichtung zu tun gehabt zu haben.

8. August: Hertha schlägt Hannover

Ist das schon die neue Saison oder noch die alte? Am ersten Spieltag gewinnt Hertha durch ein spätes Tor von Gojko Kacar 1:0 gegen Hannover 96. Die Begleitumstände kommen einem irgendwie bekannt vor: Es ist ein müdes Spiel der Berliner, aber am Ende gewinnen sie mit einem Tor Unterschied. „Die neue alte Hertha“, titelt der Tagesspiegel. „Beim Sieg gegen Hannover zeigen die Berliner, dass die Reflexe der Vorsaison noch funktionieren.“ Zu diesem Zeitpunkt ahnt keiner der 42 000 Zuschauer im Olympiastadion, dass sie bis heute keinen Heimsieg von Hertha mehr zu sehen bekommen werden.

12. September: Hertha verliert in Mainz

Wenn es ein Schlüsselspiel für Herthas Absturz gibt, dann ist es wohl das in Mainz. Als die Berliner am Bruchweg antreten, haben sie bereits dreimal hintereinander verloren; gegen den Aufsteiger aber sieht es lange danach aus, als könnte die Mannschaft den Abwärtstrend stoppen, obwohl die Begegnung denkbar schlecht beginnt. Florian Kringe, frisch ausgeliehen von Borussia Dortmund, steht bei seinem Debüt für Hertha ganze zwölf Minuten auf dem Platz. Dann muss er mit einem Mittelfußbruch vom Feld – der vermeintliche Heilsbringer kommt erst am letzten Hinrundenspieltag wieder zum Einsatz. Trotzdem hält Hertha in Mainz den Vorsprung bis zehn Minuten vor Schluss. Dann erzwingt der eingewechselte Adriano Grimaldi einen Elfmeter. Am Ende verliert Hertha 1:2, und keiner weiß so recht, warum. Der Tagesspiegel schreibt: „Die Berliner haben mehr als eine Ergebniskrise. Ihnen fehlt es an individueller Klasse.“

17. September: Drobny verletzt sich

13 454 Zuschauer im Olympiastadion, ein grandioses 1:1 gegen die international gefürchteten Letten von FK Ventspils in der neuen Europa League, und dann verletzt sich auch noch Torhüter Jaroslav Drobny. So macht Fußball richtig Spaß. Für Drobny rückt der erst 19 Jahre alte Sascha Burchert ins Tor, dem Herthas Verantwortliche anschließend ihr uneingeschränktes Vertrauen aussprechen. Neun Tage später, nach einem 0:4 gegen Freiburg und dem Aus im DFB-Pokal gegen Zweitligist 1860 München, verpflichten sie den arbeitslosen Timo Ochs.

20. September: Der Kapitän rätselt

Nach der 0:4-Heimniederlage gegen Aufsteiger Freiburg und dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz gibt Kapitän Arne Friedrich eine Erklärung ab: „Also, ich möchte mich als erstes für meine eigene Leistung entschuldigen. Und ich möchte mich entschuldigen für die Leistung meiner Mannschaft. Gleichzeitig möchte ich mich bei den Fans bedanken für die Unterstützung trotz unserer blamablen Vorstellung. Ich kann mir die nicht erklären. Mehr habe ich nicht zu sagen.“

28. September: Favre muss gehen

Zwei Tage nach dem 1:5 in Hoffenheim, Herthas sechster Niederlage hintereinander, wird Trainer Lucien Favre „mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden“, teilt Hertha in einer nüchternen Presseerklärung mit. Am Morgen hatte der Schweizer noch das Training geleitet, sagen wollte er anschließend nichts mehr. Dafür spricht sein Assistent Harry Gämperle, der ebenfalls gehen muss: „Hertha BSC hat fachlich noch nie so einen guten Trainer gehabt wie jetzt, aber die Spieler merken das nicht und machen hinter dem Rücken des Trainers Politik.“ Zum vierten Mal springt Karsten Heine als Trainer ein, er betreut die Mannschaft allerdings nur beim Europa-League-Spiel gegen Sporting Lissabon (0:1).

3. Oktober: Funkel kommt

Einen Tag vor dem Heimspiel gegen den HSV stellen die Berliner ihren neuen Trainer vor: Friedhelm Funkel. Nach eigener Aussage hat er eine Gänsehaut bekommen, als er von Herthas Angebot erfuhr. „Friedhelm Funkel ist der Trainer, den ich für Hertha BSC gewinnen wollte“, sagt Michael Preetz über seine erste strategische Entscheidung als Manager. „Er ist der richtige Mann am richtigen Ort.“ Funkel sagt, er wolle sich mit dem Team „Stück für Stück vom Tabellenende entfernen“ und noch bis zum Ende der Hinrunde einige Mannschaften überholen. Erst einmal aber verliert er zum Einstand 1:3 gegen Hamburg. Die Berliner werden immer mehr zum Gespött der Fußballfans. Der Brasilianer Kaka erzielt mit einem Eigentor das 1:1 für den HSV, und weil sich der gerade erst verpflichtete Timo Ochs in seinem zweiten Einsatz für Hertha verletzt, muss der junge Sascha Burchert erneut ins Tor. Zweimal innerhalb von nur drei Minuten klärt Burchert mit dem Kopf weit vor dem eigenen Strafraum – und wird dann von den Hamburgern aus der Distanz bezwungen. Die „Bild“-Zeitung ernennt ihn daraufhin zum „Torwart-Trottel“, was die wahre Schuld an den Gegentoren verschleiert.

6. Oktober: Favre redet

Es ist ein seltsamer Auftritt, den Lucien Favre im Spiegelsaal des Hotels Adlon am Brandenburger Tor hinlegt – und ein teurer dazu. Herthas ehemaliger Trainer liest eine vorbereitete Erklärung seiner Berater vom Blatt ab, Nachfragen sind nicht erwünscht. Es ist auch so deutlich, was Favre will: sich rechtfertigen. In seinen Ausführungen macht er Herthas Vereinsführung für den Absturz verantwortlich, er kritisiert die Transferpolitik und lobt seinen früheren Widersacher Dieter Hoeneß. „Hertha BSC hat den Abschied von Dieter Hoeneß nicht verkraftet“, behauptet der Schweizer, der seine Rede am selben Tag noch einmal in seiner Heimat verliest. Der 26-Minuten-Auftritt kostet ihn mehr als eine Million Euro. Statt 1,5 Millionen Euro erhält er von Hertha weniger als eine halbe Million als Abfindung.

26. Oktober: Ein Punkt für Hertha

Nach einer Serie von acht Niederlagen haben die Berliner mal wieder was zu feiern: ein 0:0 zu Hause gegen den VfL Wolfsburg und die Rückkehr von Jaroslav Drobny ins Tor. „Das war ein kleiner Anfang“, sagt Funkel. „Wir haben aus zehn Spielen vier Punkte geholt. Da bringt es nichts, zu schwafeln. Wir müssen erst mal aufholen, bevor wir daran denken können, den einen oder anderen zu überholen.“

29. November: Revolution abgeblasen

Die Stimmung ist denkbar schlecht, als die Hertha-Familie zur Mitgliederversammlung zusammenkommt. Am Wochenende hat die Mannschaft wieder mal verloren (1:3 gegen Frankfurt), sie belegt weiterhin den letzten Tabellenplatz, doch die angekündigte Revolution gegen Aufsichtsrat und Präsidium findet nicht statt. Die Abwahlanträge werden mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Ob es daran liegt, dass Präsident Werner Gegenbauer die Krise nur als „temporäre sportliche Delle“ bezeichnet?

19. Dezember: Endlich Pause

Die Bundesliga-Hinrunde endet mit einer 2:5-Niederlage bei den Bayern. Hertha hat seit dem ersten Spieltag nicht mehr gewonnen, hat nur sechs Punkte geholt und bereits 39 Gegentore kassiert. Der Rückstand auf den Relegationsplatz beträgt zehn Punkte.

3. Januar 2010: Auf zum Wunder

Als einer der letzten Bundesligisten beginnt Hertha die Vorbereitung auf die Rückrunde. Drei neue Spieler – Roman Hubnik, Lewan Kobiaschwili und Theofanis Gekas – werden vorgestellt. „Was 2009 war, interessiert mich nicht“, sagt Funkel. Die Tabelle aber vergisst nicht so schnell: Sie weist Hertha nach wie vor als abgeschlagenen Letzten aus. Das will Funkel ändern: mit 28 Punkten aus den nächsten 17 Spielen. „Das ist machbar“, sagt er.

17. Januar: Hertha gewinnt

Die Hoffnung kehrt zurück. Nach 17 vergeblichen Versuchen gelingt Hertha der zweite Sieg der Saison. Wie schon beim ersten heißt der Gegner Hannover. „Hey, was geht ab?“, singen die 4000 mitgereisten Berliner Fans nach dem 3:0-Erfolg. „Die Hertha steigt niemals ab.“ Vielleicht werden die Berliner ja doch das, was auf den T-Shirts ihrer Fans steht: Aufholjäger.

21. Februar: Der Abstand schmilzt

Obwohl Hertha die Heimspiele gegen Gladbach, Bochum und Mainz nicht gewinnt und in Bremen verliert, verringert sich der Abstand auf die rettenden Plätze. Die Berliner profitieren vor allem von der Schwäche der Konkurrenz. Das 3:0 in Freiburg, der zweite Sieg der Rückrunde, bringt den Tabellenletzten sogar bis auf zwei Punkte an den Relegationsplatz heran. „Berlin hat wieder Anschluss“, schreibt der Tagesspiegel. Hertha besitze statt einer rosaroten Illusion wieder eine handfeste Perspektive. Näher aber wird die Mannschaft der Rettung nicht mehr kommen.

13. März: Hertha in Trümmern

Aus zwei Punkten Rückstand werden wieder acht: Dem Sieg in Freiburg folgen drei Niederlagen – und der große Frust. Gegen den Konkurrenten Nürnberg kassiert Hertha in letzter Minute das Tor zum 1:2. Danach stürmen etwa 150 Fans den Platz und demolieren das Mobiliar. Hertha liegt in Trümmern. Michael Preetz weint.

21. März: Die Wende nach dem Aus

Hertha hat nichts mehr zu verlieren – und gewinnt 5:1 beim VfL Wolfsburg. Theofanis Gekas erzielt drei Tore. „Hertha ist noch da“, heißt es im Tagesspiegel. Doch die Berliner entwickeln jetzt erst recht einen gewissen Spaß daran, mit ihren Fans Jojo zu spielen: Jedem Rückschlag folgt die Wiederauferstehung – und der nächste Rückschlag.

10. April: Die Wut muss raus

Nur 25 000 Hertha-Fans dürfen das Heimspiel gegen Stuttgart im Olympiastadion verfolgen, die Ostkurve bleibt – als Strafe für den Platzsturm beim Spiel gegen Nürnberg – leer. Aber auch vor ungewohnter Kulisse springt das gewohnte Ergebnis heraus. Die Berliner können zu Hause einfach nicht gewinnen. Hertha verliert 0:1 – und beschwert sich anschließend vor allem über die Schiedsrichterleistung. Zwei Tage nach dem Spiel schicken die Berliner einen Protestbrief an DFB und DFL: In den vergangenen drei Heimspielen hätten falsche Entscheidungen Hertha acht Punkte gekostet.

24. April: Ein Rekord für Hertha

Hertha macht sich unsterblich. Allerdings würden die Berliner auf diesen Eintrag in die Geschichtsbücher gerne verzichten. Nach der 0:1-Niederlage gegen Schalke ist die Mannschaft nun schon seit 15 Heimspielen ohne Sieg. Das hat bisher nur Tasmania Berlin geschafft, die schlechteste Mannschaft der Bundesligageschichte. Immerhin, rechnerisch ist Hertha trotz der Niederlage immer noch nicht abgestiegen. Auch die Konkurrenten verlieren.

1. Mai: Es ist vorbei

Ein Spiel wie die gesamte Saison: Hertha besitzt in Leverkusen beste Chancen, weigert sich aber, sie zu nutzen. Das 1:1 reicht nicht. Nach 13 Jahren und 441 Spielen in der Bundesliga ist es schon vor dem Saisonfinale amtlich: Hertha BSC muss zurück in die Zweite Liga.

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