Chun Li : Die kleinen Augen von China

Als Bill Clinton kam, sagten die Funktionäre, sie müsse sich im Haus verstecken. Heute wollen sie mit ihr werben. Chun Li hat so dünne Knochen, dass sie schon als Kind verkrüppelte. Trotzdem lernte sie lesen und schreiben. Jetzt arbeitet sie in einem Hotel. In China, dem Land der Paralympics, ist sie eine Ausnahme. Noch.

Benedikt Voigt[Peking]
Chun Li
Seele des Hauses. Chun Li mit Gast im Hotel "Yangshuo Mountain Retreat".Foto: privat

In diesen Wochen will Chris Barclay erneut an Bill Clinton schreiben. „Es ist jetzt fast genau zehn Jahre her“, sagt der US-Amerikaner. In diesem Brief wird er den ehemaligen amerikanischen Präsidenten an seinen Chinabesuch aus dem Jahr 1998 erinnern und ihn darum bitten, die Chinesin Chun Li zu treffen. Bill Clinton solle jemandem begegnen, der ihm vor zehn Jahren vorenthalten wurde.

Die Antwort auf seinen letzten Brief hängt im Eingangsbereich des Hotels „Yangshuo Mountain Retreat“ in der südchinesischen Provinz Guangxi. Clinton schreibt: „Lieber Chris, ich bewundere Ihren Einsatz, um Chun Li zu einem besseren Leben zu verhelfen, und ich bereue es, dass ich es bei meinem Aufenthalt nicht geschafft habe, sie zu treffen. Sie scheint eine ganz außergewöhnliche junge Frau zu sein.“ Vielleicht weiß Clinton gar nicht, wie recht er damit hat.

Denn Chun Li ist körperbehindert. Und das ist in China, wo zurzeit die Paralympischen Spiele ausgetragen werden, oft eine Garantie für ein elendes Leben. Fast jeder zweite behinderte Chinese kann weder lesen noch schreiben, auch weil viele nicht einmal den Weg zur Schule schaffen. Neun Millionen sind laut offizieller Statistik arbeitslos. Viele müssen betteln oder sich mit Billigstjobs durchschlagen. Und viele wagen sich nicht einmal an die Öffentlichkeit – oder dürfen nicht. So wie damals Chun Li.

Garantie für ein elendes Leben

Es ist spät geworden. Chris Barclay, 41, einen Kopf kleiner als seine thailändische Frau, fortschreitende Halbglatze, findet erst um kurz vor 23 Uhr Zeit für ein Gespräch. Er greift sich ein Tsingtao-Bier aus dem Kühlschrank neben der Rezeption. Er muss es nicht bezahlen, das Hotel gehört ihm. Seine Gäste sind bereits im Bett, auf sie wartet am nächsten Morgen ein Tag in Chinas schönster Landschaft. Wie auf einer Postkarte gemalt liegt das Hotel zwischen Karstbergen, Reisfeldern und Bächen, in denen sich Wasserbüffel kühlen. Tagsüber treiben Touristen auf Bambusflößen vor der Hotelterrasse auf dem Fluss vorbei. Nachts werfen die Karstberge vor der Haustür im Mondlicht bizarre Schatten. Chris Barclay schenkt sich sein Bier ein.

Normalerweise würde Chun Li jetzt hinter ihm an der Rezeption sitzen. Heute Abend ist ihr Platz leer. Wegen eines hartnäckigen Hustens ist sie am Morgen ins Krankenhaus eingeliefert worden. „So etwas ist immer gefährlich bei ihr“, sagt Barclay. Er sorgt sich um seine Angestellte. „Vielleicht müssen wir sie nach Guangzhou ins Krankenhaus bringen, hier kennen sie sich mit ihrem Körper nicht so gut aus“, sagt er.

Chun Li ist am Weihnachtstag im Jahr 1982 geboren. Ihr Name bedeutet „Frühlingsschönheit“, aber vor zehn Jahren befanden die Behörden sie für nicht schön genug, dem amerikanischen Präsidenten gegenüber zu sitzen. Die Beamten drohten ihrer Familie eine Strafe an, falls sie ihre Tochter nicht vor dem Präsidenten verstecken würden. „Sie haben gedacht, Bill Clinton hätte noch nie einen Menschen wie mich gesehen“, sagt Chun Li.

Extrem seltene Glasknochenkrankheit

Ein Mensch wie sie: nur fast einen Meter groß, blind auf dem rechten Auge, taub auf einem Ohr, extrem verkürzte Beine, krummer Oberkörper. Seit ihrer Kindheit trägt ihre Mutter sie auf dem Rücken durchs Leben. Chun Li hat Osteogenesis Imperfecta, die sogenannte Glasknochenkrankheit, die nur vier bis sieben von 100 000 Neugeborenen bekommen. Ihre Knochen sind unvollständig ausgebildet und brechen schnell. So war Chun Lis kleiner Körper von zahllosen Brüchen schon bei der Geburt blau und schwarz verfärbt. Die Verwandten glaubten, das Kind würde die nächsten Tage nicht überleben. „Aber sie hat einen starken Willen“, sagt Chris Barclay. Als er sie später zu einer Augenoperation nach Los Angeles brachte, staunten selbst die auf Glasknochenkranke spezialisierten Ärzte. „So einen Körper hatten sie noch nicht gesehen“, sagt Chris Barclay.

Der Unternehmer ist gerade von einem Abendessen mit der örtlichen kommunistischen Parteiführung zurückgekommen. „Kontakte pflegen“, nennt er das, „ich komme gut mit den lokalen Behörden aus, sie kennen mich.“ Sein Hotel ist bei westlichen Touristen das beliebteste in Yangshuo. So ein Abendessen ist wichtig in einem Land, in dem fast alles auf Guanxi, Beziehungen, beruht. Seit Ende der 80er Jahre hält sich Chris Barclay in China auf, seine Firma organisiert Motivations- und Teambildungsseminare für große Firmen. Inzwischen lebt er in Thailand und Seattle, doch in Yangshuo hat er noch einiges vor. Am Kletterberg „Mondhügel“ baut er ein zweites Hotel, in zwei Jahren will er eine Schule für körperlich behinderte Kinder eröffnen. Eine rote Sammelbox am Hoteleingang weist darauf hin, dass er vor sechs Jahren die Behindertenorganisation „US-China Medical Foundation“ gegründet hat. Warum, kann er nicht genau erklären. „Ich habe keinen christlichen Hintergrund, ich will niemanden missionieren, und ich will China auf keinen Fall vorschreiben, wie es mit behinderten Menschen umgehen soll“, sagt er. Eigentlich gibt es nur einen Grund für sein Engagement: Chun Li.

Bei Clinton-Besuch 1998 im ersten Stock versteckt

Im Juli 1998 hatte sich der damalige US-Präsident Clinton eine gute Stunde in Yucun aufgehalten, einem alten Fischerdorf am Li-Fluss. Seit seinem Besuch verlangen die 120 Dorfbewohner fünf Yuan Eintritt, haben überall Fotos von den Stationen seines Aufenthalts aufgehängt. Auch in den Souvenirshop von Chun Lis Eltern sind die Clintons gekommen. Fotos zeugen davon, doch Chun Li ist darauf nicht zu sehen. Sie musste sich auf Geheiß der Beamten im ersten Stock verstecken. Was dachte sie in diesem Moment? „Ich war verärgert“, sagt Chun Li am Telefon. Sie hat einen eigenen Ausdruck für Menschen, die solche Entscheidungen treffen. Sie sagt: „Diese Menschen haben kleine Augen.“

Drei Flugstunden nordöstlich zeigt China in diesen Tagen, dass es auch große Augen haben kann. In Peking begeistern die Paralympischen Spiele Athleten, Funktionäre und Zuschauer. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt die querschnittsgelähmte Leichtathletin Marianne Buggenhagen, die schon an fünf Paralympischen Spielen teilgenommen hat. „Wir Athleten glauben, die zaubern hier“, sagt der Tischtennisspieler Rainer Schmidt, dem von Geburt an die Arme und ein Bein fehlen. Die 91 000 Plätze im Nationalstadion sind schon von morgens an voll besetzt. „Two games, equal splendor“, lautet das Motto. Zwei Spiele, gleicher Glanz. Das chinesische Fernsehen überträgt stundenlang live, 44 000 Freiwillige lächeln freundlich, die Zuschauer fotografieren jedes Detail auf dem Olympischen Gelände.

Zu Wochenbeginn sprechen drei Funktionäre im Hauptpressezentrum über die Fortschritte der Behinderten in China. 14 Seiten mit Statistiken haben sie mitgebracht. Tatsächlich hat sich in China einiges verbessert in den vergangenen Jahren, sind Gesetze zur Förderung von Behinderten verabschiedet worden. Eines schreibt vor, dass 1,5 Prozent der Arbeitsplätze an behinderte Arbeitnehmer vergeben werden müssen – was laut Kritikern allerdings nicht flächendeckend umgesetzt wird. Der Abteilungsleiter aus dem „Ministerium für Zivile Angelegenheiten“ liest lieber seine Zahlen vor: „Rund 22,3 Milliarden Yuan sind 2007 an Behinderte überwiesen worden.“

Zwei Spiele, gleicher Glanz

Chun Li hat davon bisher nichts gesehen. „Ich habe noch nie Geld von der Partei oder dem Behindertenverband bekommen“, sagt sie. Ihr letzter Antrag auf einen Zuschuss sei abgelehnt worden mit dem Hinweis, dass sie im Hotel genug Geld verdiene. Tatsächlich erhält sie im „Mountain Retreat“ ein für diese Gegend gutes Gehalt. Natürlich, sagt Chris Barclay, schließlich sei sie als Buchhalterin und Rezeptionistin eine der wichtigsten Angestellten im Hotel. „Chun Li verwaltet jährlich mehrere hunderttausend Dollar für mich“, sagt Barclay.

Chun Li traut dem Staat nicht mehr. Am 23. September wird sie den 25 Jahre alten Xiao Mo heiraten. Er ist ein Kollege aus dem „Mountain Retreat“. Und vielleicht zeigt sich in der Reaktion der Beamten auf diese Verbindung am besten, wie sich die Wahrnehmung von Behinderten in China geändert hat. Denn die Behörden, die Chun Li vor zehn Jahren versteckt haben, wollen heute mit ihr werben. Als die Beamten von den Heiratsplänen hörten, witterten sie eine Gelegenheit zur Eigenwerbung. Die Hochzeit einer Glasknochenkranken mit einem Nichtbehinderten dürfte ein günstiges Licht auf das soziale Engagement des Verwaltungsbezirks werfen. „Ich soll zu einem Interview gehen, sie wollen über meine Hochzeit berichten“, sagt Chun Li, „ich will das aber nicht machen.“

Denn eigentlich hat sie sich fast alles selbst erarbeiten müssen, ohne Hilfe des Staates. Die Grundschule konnte sie besuchen, weil ihre Mutter sie auf dem Rücken zur Schule getragen hat. Der Weg zur Mittelschule jedoch war für die Eltern zu weit, die gleichzeitig ihren Souvenirshop weiterführen mussten. Fortan brachte Chun Li sich zu Hause Lesen und Schreiben bei. Als Chris Barclay ihr 1998 bei einem Besuch in Yucun begegnete, saß sie in einer Ecke und nähte. „Ich dachte, sie ist ein Kleinkind“, erinnert sich der US-Amerikaner, „aber als ich mit ihr gesprochen habe, habe ich bemerkt, dass sie viel älter war.“ Zunächst organisierte er einen Englischlehrer, doch nach einem Monat begann Chun Li eigenständig zu lernen. In Chris Barclay wuchs der Gedanke, das „Mountain Retreat“ aufzumachen und Chun Li dort zu beschäftigen. Und auch ihre Mutter als Zimmermädchen.

Die Seele des Hotels

Längst ist „Angel“, wie Chun Li sich für westliche Ausländer nennt, die Seele des Hotels. „Angel ist mir eine Lehre und Inspiration“, hat ein Gast ins Internetgästebuch geschrieben. Doch nicht jeder reagiert positiv, wenn er sie zum ersten Mal auf ihrem kleinen Holzhocker auf dem Tresen der Rezeption sitzen sieht. Nach wie vor fragen manche Gäste: Kann ich deine Eltern sprechen? Gerade ihre eigenen Landsleute fänden im direkten Kontakt noch nicht immer den richtigen Ton. „Ich bin zwar Chinesin“, sagt Chun Li, „aber ich mag die Ausländer lieber.“

Normalerweise bringen sie Diskriminierungen nicht aus der Ruhe. Nur einmal habe sie nachtragend reagiert, sagt Chris Barclay. Als ein Taxifahrer ihm erklärt hatte, dass es doch klar sei, warum der chinesische Freund Chun Li heiraten wolle: weil sie im „Mountain Retreat“ so viel Geld verdiene. „Chun Li hat den Namen des Fahrers herausgefunden und ihn angerufen, er steht jetzt auf unserer schwarzen Liste und wird nie wieder jemanden hierherfahren“, sagt Barclay.

Um kurz nach Mitternacht sitzt Barclay immer noch vor seinem Bier, seine Frau hat schon angerufen, wo er bleibe. Doch er will noch etwas erzählen. „Es ist noch ein Geheimnis“, sagt er, „ich will, dass Chun Li die Direktorin der neuen Behindertenschule wird.“ Und plötzlich stockt seine Stimme, eine Träne rollt über seine rechte Wange. Warum, weiß er nicht genau. Vielleicht aus Sorge, vielleicht weil es ihn, wie er am nächsten Tag erzählt, traurig macht zu wissen, dass sie nie so alt werden wird wie andere.

Ein chinesischer Angestellter bringt noch ein Bier. „Es war ein harter Tag“, sagt der Chinese zu seinem Chef, der sich die Träne abwischt, „du musst sehr müde sein.“ Chris Barclay lächelt. Er erklärt die Bedeutung dieses Satzes: „Das war sehr nett von ihm, er hat mir gerade Gesicht gegeben.“ Viele finden, dass es Barclay gewesen sei, der Chun Li Gesicht gegeben habe. „Ich wäre ohne ihn immer noch in meinem Fischerdorf“, sagt sie. Dieser sieht das anders. Er hat ein Buch über sie geschrieben. Es heißt „Der Frosch im Brunnen“ und basiert auf einer Erzählung des Philosophen Zhuangzi. Darin erklärt ein Frosch der Schildkröte aus dem Ostmeer, wie schön es in seinem Brunnen sei. Sie wiederum erzählt dem Frosch von der Größe des Meeres – so dass der Frosch erschrickt. Man könnte glauben, Chun Li sei der Frosch mit den eingeschränkten Möglichkeiten und dem begrenzten Horizont. Chris Barclay aber sagt: „Nein, der Frosch bin ich, sie ist die Schildkröte.“

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