Sport : Clarence Seedorf, Snob

Mit gerade 27 Jahren ist der Niederländer in Mailand schon rhythmusbestimmender Routinier und Leitspieler

Wolfram Eilenberger

Man könnte es Arroganz nennen. Aber Arroganz ist eine Form der Dummheit. Und Clarence Seedorf (Foto: AFP) spielt nicht dumm. Ganz im Gegenteil. In Sachen Aktionsgeschick, Passabwägung und Situationskontrolle dürfte es derzeit kaum einen Mittelfeldspieler geben, der es mit den Fähigkeiten von Seedorf aufnehmen kann. „Derzeit“ bedeutet im Karrierekontext: die letzten zehn Jahre europäischer Spitzenfußball. Wohlgemerkt, Seedorf ist heute 27 Jahre alt.

Der Niederländer in Diensten des AC Mailand sieht damit einer Entwicklungsphase entgegen, in der ein ganz normaler Mittelfeldstar erst beginnt, sich seiner Fähigkeiten voll bewusst zu werden. Im Falle Seedorfs, der als einziger Spieler mit drei unterschiedlichen Vereinen die Champions League gewonnen hat, bleibt hingegen zunächst unklar, welche seiner Stärken er noch für sich entdecken und verfeinern könnte. Denn Seedorf wusste schon als 18-jähriger Profi in Diensten von Ajax Amsterdam ganz genau um die außergewöhnliche Höhe seines spielerischen Intelligenzquotienten. Von Beginn an stilisierte er dies Wissen konsequent in seinen Bewegungsabläufen. Mit jeder lockenden Ballbefühlung, jeder öffnenden Wendung, jedem verschleppten Dribbling und jedem gelangweilten Präzisionspass scheint er seinen Gegenspieler zu fragen: „Und was willst du hier? Etwa den Ball? Vergiss es!“

Nicht nur dieser offensiven Selbstsicherheit wegen ist Seedorf eine Reizfigur, an der sich die Geister und mitunter konkrete Spielverläufe schieden. Gleich seinen kongenialen Kumpels aus der Amsterdamer Goldkette – Edgar Davids und Patrick Kluivert – haftet auch an Seedorf der Verdacht, mit der frühen spielerischen Vollkommenheit sei eine gewisse Verkommenheit einhergegangen. Sieht man einmal vom Schicksal der holländischen Nationalmannschaft ab, lässt sich diese Einschätzung auf dem Platz allerdings nicht bestätigen. Obgleich vom einen oder anderen Konzentrationsloch geplagt, führte Seedorfs Präsenz noch in jeder seiner ausgesucht feinen Karrierestationen – nach Amsterdam bald Real Madrid, über Inter Mailand schließlich zum Lokalrivalen AC – zu einer verlässlichen Steigerung des Leistungsniveaus.

Besonders mit dem Wechsel zum AC Mailand erfuhr seine Karriere eine positive Neuakzentuierung, fand Seedorf dort doch eine neue, ihm bislang unbekannte soziale Rolle vor. Mit dem herzhaften Gattuso und dem filigranen Pirlo waren Seedorf nicht nur zwei ungleich unerfahrenere, sondern tatsächlich auch jüngere Mittelfeldkräfte an die Seite gestellt. Ein Verantwortungstrend, der sich mit der raschen Etablierung des jungen Brasilianers Kaka noch verstärken wird.

Bereits im vorigen Jahr des Pokaltriumphes bewährte sich Seedorf in der Rolle des rhythmusbestimmenden Routiniers und Leitspielers. Auch in dieser Spielzeit wird der Weg zum Titel nur über seine grenzenlos ausgebufften Mailänder führen. Was Seedorfs jüngster Reifeprozess aber für die Erfolgsfähigkeit der holländische Nationalmannschaft bedeuten könnte, darüber möchte man aus deutscher Sicht lieber gar nicht erst nachdenken.

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