Claudia Pechstein : Die nächste letzte Runde

Sie will nicht weniger als Gerechtigkeit: Vor dem Landgericht München klagt Eisschnellläuferin Claudia Pechstein gegen den Internationalen Eislauf-Verband.

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Die Gewerkschaft der Pechstein (GdP) steht zu ihrer Claudia.
Die Gewerkschaft der Pechstein (GdP) steht zu ihrer Claudia.Foto: dpa

Vier blaue Sterne prangten auf jeder Schulter für ihren Dienstgrad Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei. Ihre Dienstmütze lag vor ihr auf dem Tisch. Die Gewerkschaft der Polizei hatte zu einer Solidaritätsveranstaltung für Claudia Pechstein eingeladen, ein Anlass für die Eisschnellläuferin, um wieder einmal ihre Uniform anzuziehen. „Gerechtigkeit für Claudia Pechstein“ war auf einer Wand hinter ihr zu lesen, und um was es ging, das ließ die Besetzung des Podiums erkennen: Dort saßen drei Rechtsanwälte.

Der Fall Pechstein geht in die nächste juristische Runde, vielleicht die letzte, und vielleicht die erste, in der Pechstein Recht bekommt. Dass ihr der Internationale Eislauf-Verband (ISU) zu Unrecht eine zweijährige Dopingsperre aufgeladen hatte, das haben zwar führende Mediziner auf dem Gebiet der Blutforschung bestätigt. Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass sich Pechsteins schwankende Blutwerte mit einer vererbten Anomalie erklären lassen und Doping dabei ausgeschlossen ist.

Nur hat das eben noch kein Gericht bestätigt, eine Rehabilitation hat die 41 Jahre alte Berlinerin noch nicht erfahren und vom entstandenen Schaden nichts ersetzt bekommen. Das soll sich nun ändern. Denn Pechstein zieht mit einer Zivilklage vor das Landgericht München. Am Mittwoch wird sie dort auf die Verantwortlichen der ISU treffen, Pechstein hat den Verband ebenso verklagt wie die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), weil sie die Sperre und das Trainingsverbot gegen sie umgesetzt hatte.

Für Pechstein geht es auch um einen einstelligen Millionbetrag

„Ich freue mich darauf. Ein normales deutsches Gericht behandelt mich hoffentlich fairer“, sagte sie. Vor dem Internationalen Sport-Schiedsgerichtshof Cas in Lausanne war sie gescheitert, anschließend dann vor dem Schweizer Bundesgericht. Drei Dinge will Pechstein nun vor Gericht erreichen, sagte ihr Anwalt Thomas Summerer: „Erstens die Feststellung der Rechtswidrigkeit ihrer Dopingsperre, zweitens ein Ersatz für den Schaden und drittens Schmerzensgeld dafür, dass eine fünfmalige Olympiasiegerin so durch den Schmutz gezogen wird.“ Es geht insgesamt um einen einstelligen Millionenbetrag.

Summerer hatte schon einmal eine deutsche Athletin gegen einen internationalen Sportverband vertreten. Für Katrin Krabbe erstritt er nach siebenjähriger Verfahrensdauer eineinhalb Millionen Mark Schadensersatz vom Welt-Leichtathletikverband. Krabbe war wegen eines Medikaments gesperrt worden, das nicht auf der Dopingliste stand. „Das Unrecht im Fall Pechstein ist ungleich größer“, sagte Summerer, schließlich liege bei ihr überhaupt keine beanstandenswerte Handlung vor. „Dieses Verfahren wird sicher Sportrechtsgeschichte schreiben.“ In ihrer Argumentation stellen Pechsteins Anwälte Grundzüge des Sportrechtsystems in Frage. „Die Verbände tun, was sie wollen, sie stehen fast schon auf Kriegsfuß mit rechtsstaatlichen Standards“, sagte Summerer und machte gleich forsch weiter: „Wir halten den Cas für kein echtes Schiedsgericht.“

Für die Sportverbände geht es auch ums finanzielle Überleben

Die erste Hürde in diesem Verfahren ist jedoch schon die höchste. Wird das Landgericht den Fall überhaupt durchverhandeln? Oder folgt es der Position der ISU, dass doch alles ordnungsgemäß zu Ende gebracht wurde? Auch einem Vergleich gegenüber seien sie aufgeschlossen, sagte Anwalt Summerer. „Ich hoffe sehr, dass die ISU vor dem Prozess oder spätestens im Prozess Einsicht zeigt.“ Für die beiden Sportverbände geht es ohnehin nicht nur ums Recht, sondern auch ums finanzielle Überleben.

Sollte Pechstein in allen Punkten Recht bekommen, könnte das sowohl die ISU als auch die DESG in existenzielle Nöte bringen. „Ich kenne weder die finanziellen Verhältnisse der ISU noch der DESG. Ich muss jetzt erst einmal auf mich selbst schauen“, sagte Pechstein. Der Präsident der DESG, Gerd Heinze, steht dennoch zu Pechstein und ihren Forderungen, auch wenn sein Verband dadurch in größte Schwierigkeiten geraten könnte. Um ISU und DESG machen sich zumindest Pechsteins Anwälte keine Sorgen. Es gebe ja auch noch das Internationale Olympische Komitee und den Deutschen Olympischen Sportbund, die könnten die beiden Verbänden ja retten.

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