Claudia Pechstein : Doping oder genetische Ursache?

Die überhöhten Blutwerte von Claudia Pechstein lösen eine Diskussion unter Wissenschaftlern aus.

Benedikt Voigt
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Mit aller Kraft. Claudia Pechstein kämpft zurzeit neben der Bahn gegen ihre Dopingsperre.Foto: dpa

Berlin - Simon Bergmann kommt gleich zur Sache. Vom Kurfürstendamm schallt eine Drehorgel-Demonstration durch die offenen Fenster seiner Kanzlei, doch der Anwalt von Claudia Pechstein hat keine Zeit der Musik zu lauschen. Er hat Wichtigeres zu tun. „Hier“, sagt er und legt einen Aktenordner vor, „lesen Sie sich das mal durch.“ Es ist die Aussage des Schweizer Gutachters Max Gassmann über den Fall Claudia Pechstein. „Eine genetische Ursache ist möglich“, hatte er ausgesagt. „Sehen Sie“, sagt Simon Bergmann. Doch die Disziplinarkommission der Internationalen Eisschnelllauf-Union ISU hat sich der Meinung des neutralen Gutachters nicht angeschlossen – und die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein für zwei Jahre gesperrt.

Die stark überhöhten Retikulozytenwerte im Blut von Claudia Pechstein haben eine Diskussion unter Wissenschaftlern und Juristen ausgelöst. Die fünfmalige Olympiasiegerin will nun vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas ihre Sperre aufheben lassen. „Spannend“, nennt der Pharmakologe Fritz Sörgel den Fall, „jetzt muss die Juristerei die Wissenschaft vor sich hertreiben und verlangen: Beweist das noch besser.“ Der Doping-Experte vermisst im Urteil der Disziplinarkommission eine genauere statistische Untermauerung. Allerdings glaubt Fritz Sörgel nicht, dass es Claudia Pechstein gelingen wird, eine Krankheit als Ursache nachzuweisen. „Das wird immer wieder versucht, aber das wird im Sande verlaufen“, sagt Sörgel.

Seit einigen Jahren hat die ISU die auffälligen Blutwerte von Claudia Pechstein. „Seit 2003“, sagt ihr Anwalt, „seit 2007“, sagt ISU-Medizinexperte Harm Kuipers. Ihre Retikulozytenwerte sollen Anfang des Jahres 3,5 Prozent betragen haben, erlaubt sind im Eisschnelllaufen maximal 2,4, der Normalwert liegt bei unter 1,0. Epo-Doping könnte eine mögliche Erklärung für diesen überhöhten Wert sein. Allerdings sind ihre Hämoglobin- und Hämatokritwerte konstant. Bei Epodoping dürfte das eigentlich nicht der Fall sein, zumal sie dann auch keinen Leistungsvorteil hätte. „Das ist wirklich ein Thema“, sagt Fritz Sörgel, „das wird im Prozess noch eine Rolle spielen.“ Er erinnert allerdings auch an die Langläuferin Evi Sachenbacher bei den Olympischen Spielen in Turin, die ihren zu hohen Hämoglobinwert mit Wassertrinken senken konnte.

Die ISU bestreitet, Pechstein zur Notlüge  angestiftet zu haben

Claudia Pechstein sagt, sie wolle den Grund für ihre hohen Werte herauszufinden. Gegenwärtig liegen ihre Proben in der Universitätsklinik Ulm, allerdings überlegt Anwalt Simon Bergmann, sich an eines von weltweit insgesamt drei Laboren zu wenden, die beim Hearing der Disziplinarkommission als Speziallabors bezeichnet worden sind. Claudia Pechstein, die in Vancouver 2010 starten will, sagt: „Das kann Jahre dauern.“

Im Tagesspiegel hatte sie erklärt, dass die ISU von ihr in Hamar verlangt hätte, der Öffentlichkeit eine Notlüge über ihre überraschende Abreise von der Weltmeisterschaft aufzutischen – um im Gegenzug keine Schutzsperre zu erhalten. Dieser Kuhhandel wird nun von Harm Kuipers bestritten. „Dass die ISU ihr angeboten hat, auf eine Sperre zu verzichten, kann ich nicht bestätigen“, sagte der ISU-Mediziner. „Ich habe Teamleiter Helge Jasch persönlich das Ergebnis der Nachuntersuchung mitgeteilt, einen Deal mit ihm kann ich ausschließen.“ Der deutsche Teamleiter wiederum ist von dieser Äußerung überrascht. Helge Jasch sagte: „Wenn das jetzt von der ISU so hingedreht wird, möchte ich erstmal gar keinen Kommentar abgeben.“ Er kündigte eine Pressekonferenz der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft an.

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