Claudia Pechstein : Heraus aus der Zelle

Renommierte Wissenschaftler erklären: Claudia Pechstein hat eine Kugelzellanämie – und nicht gedopt.

von und
Pechstein
Danke, Herr Professor. Claudia Pechstein war über die Ausführungen der Experten um Wolfgang Jelkmann sichtlich erfreut. -Foto: dpa

Berlin - In seine komplexen wissenschaftlichen Ausführungen baute Gerhard Ehninger einen leicht verständlichen Satz ein: „Das Cas-Urteil ist Käse.“ Für einen Pulk von Kameraleuten und Dutzende Journalisten hatte der Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie gestern in Berlin nur plastisch zusammengefasst, was er und zwei weitere Wissenschaftler eine Stunde lang detailreich erklärt hatten: Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist vom Internationalen Sportgerichtshof Cas zu Unrecht für zwei Jahre gesperrt worden. Ihre erhöhten Retikulozytenwerte im Blut sind kein Hinweis auf Doping, sondern Ergebnis einer Blutanämie. Da seien sie sich zu 99,9 Prozent sicher.

Der Cas hatte Pechstein aufgrund eines wissenschaftlichen Gutachtens verurteilt. Doch dieses Gutachten, sagt Ehninger, „ist missinterpretiert worden“. Auf „merkwürdige“ und „unerträgliche“ Weise, fügt er hinzu. Wolfgang Jelkmann von der Universität Lübeck war Gutachter im Verfahren, und er sieht es genauso wie Ehinger: Pechstein ist unschuldig.

Für eine erhöhte Zahl von Retikulozyten gibt es unterschiedliche Erklärungen. Für Dopingjäger ist es vor allem ein Hinweis darauf, dass ein Sportler versucht, mit Epo oder einer anderen Substanz die Zahl der sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen künstlich zu steigern. Retikulozyten sind die „neugeborenen“ roten Blutkörperchen, nicht einmal einen Tag alt. Nimmt ein Sportler eine Substanz ein, die sein Knochenmark dazu anregt, mehr Blutkörperchen zu produzieren, steigt als erstes die Zahl dieser jungen Zellen.

Die Retikulozyten selbst bringen einem dopenden Sportler aber nichts. Er hat es auf die ausgewachsenen roten Blutzellen abgesehen, genauer: auf ihren Blutfarbstoff Hämoglobin. Denn der transportiert Sauerstoff – und steigert so die Leistungsfähigkeit. Kein Hämoglobin, kein Dopingeffekt. „Gerade das Hämoglobin war bei Frau Pechstein aber nicht erhöht“, sagt der Experte Jelkmann und fügt sarkastisch hinzu: „Wenn sie gedopt hat, dann hat es also nicht geklappt.“ Und nicht nur das: „Das ganze Blutbild von Claudia Pechstein widerspricht dem, was wir bei Doping mit Epo erwarten würden.“

Es gäbe zwar Möglichkeiten, den Hämoglobin-Wert bei Kontrollen künstlich niedrig zu halten. Aber selbst Dopingexperte Fritz Sörgel, der von Pechsteins Unschuld nicht überzeugt ist, sagt: „Das hätte sie zehn Jahre lang nahezu perfekt machen müssen, das ist äußerst unwahrscheinlich.“

Jelkmann und seine Kollegen haben eine andere Erklärung für Pechsteins Laborwerte: eine Kugelzellanämie. Dabei sind die roten Blutzellen geschädigt und sterben vor Ablauf ihrer normalen Lebenszeit. Um sie zu ersetzen, werden vermehrt Retikulozyten gebildet.

Für diese Erklärung spricht aus Sicht der Wissenschaftler vor allem ein weiterer Wert, MCHC genannt. Er beschreibt, wie viel Hämoglobin nicht in 100 Milliliter Blut enthalten ist, sondern in 100 Milliliter reiner Blutzellen. „Der MCHC ist bei Frau Pechstein extrem erhöht“, sagt Jelkmann und liefert die Erklärung gleich hinterher. Durch die geschädigten Zellwände verlasse Flüssigkeit die Blutzellen, das Hämoglobin aber bleibe darin gefangen. Dadurch schrumpfen die Zellen, und der Farbstoff reichert sich darin an. „Das ist genau, was wir bei einer Kugelzellanämie erwarten würden.“

Dasselbe Prinzip hat nun der Charité-Forscher Andreas Weimann genutzt, um die Diagnose mit einer neuen Methode zu bestätigen, die erst im vergangenen Sommer bei einer Fachtagung vorgestellt worden war. Dabei wird der Anteil sehr kleiner Blutzellen gemessen, und durch den Anteil der Blutzellen geteilt, die sehr wenig Hämoglobin enthalten. Normalerweise liege der Wert bei 0,2 oder 0,5, sagt Weimann. „Ab einem Wert von Vier spricht man von einer Kugelzellanämie.“ Pechsteins Wert liegt zwischen 6 und 7, der ihres Vaters noch höher.

Claudia Pechstein saß auch da, ziemlich entspannt, und erklärte, dass sie „teilweise erleichtert“ sei. Aber es sei schon „der Wahnsinn, was man anstellen muss, um seine Unschuld zu beweisen“. Und sie hält sich ausdrücklich die Möglichkeit von Schadenersatzforderungen offen. Im Moment allerdings könne sie nichts anderes machen, als abzuwarten, ob das Schweizer Bundesgericht die Revision zulässt und entweder ein eigenes Urteil spricht oder das Verfahren gegen sie noch mal neu ansetzt.

Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), wäre froh über einen neuen Prozess. „Eine Rehabilitation von Claudia Pechstein liegt im Interesse des Verbands“, erklärte er. Aber die DESG könne jetzt auch nur warten. Den „sogenannten Antidopingexperten“ jedoch, „die sich auch gemeldet haben“ – kritisch gegenüber Pechstein –, denen empfahl er: „Machen Sie eine Fortbildung.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar