Claudia Pechstein : Im Zweifel für die Angeklagte

Eine Diskussion über Doping geht in diesen Tagen nicht ohne den Fall Claudia Pechstein zu Ende.

Friedhard Teuffel

Berlin - Wird die Eisschnellläuferin als erste Athletin nur aufgrund ihres Blutprofils gesperrt? Darüber wird der Internationale Sportgerichtshof Cas am Donnerstag und Freitag in Lausanne verhandeln. Wie es auch ausgeht, es wird ein Grundsatzurteil geben. Noch grundsätzlicher haben Wissenschaftler und Journalisten am Freitag in der Technischen Universität Berlin diskutiert, es war eine Auseinandersetzung, wie es sie über Doping bislang selten gegeben hat.

Die Diskussion erreichte ohne Einspielen Champions-League-Niveau. Das lag an ausgezeichneten Argumenten und daran, dass die Gesprächsrunden über Recht und Moral des Dopings ohne Sportfunktionäre und Politiker besetzt waren. „Translating Doping – Doping übersetzen“ lauteten Titel und Anspruch des Projekts, Geisteswissenschaftler und Juristen wollen ihren Teil zur Dopingdebatte beitragen. Sie stürzten sich gleich auf die beiden zentralen Fragen: Ist nach all den Dopingfällen eine Freigabe sinnvoll? Und wenn nein, soll der Staat dem Sport bei der Dopingbekämpfung helfen?

Es fanden sich unter den zehn Diskutanten immerhin zwei, die für eine Freigabe plädierten, die Journalisten Martin Krauß und Matthias Heitmann. Krauß begründete seine Haltung mit den zu hohen sozialen Kosten, denn die Praxis der Dopingtests mit Eingriffen in die Intimsphäre sei skandalös. Heitmann würde am liebsten den ganzen Dopingbegriff abschaffen: „Wenn man zum Erreichen eines Zwecks nur noch unheilige Mittel einsetzen kann, dann sollte man auch den Zweck hinterfragen.“ Den Fall Pechstein nahmen beide als Argument für ihre Position, denn wenn schon ein uneindeutiger Befund für ein Berufsverbot ausreichte, sei es endgültig vorbei mit der Gerechtigkeit im Sport.

Wie aber soll der Sport rechtfertigen, dass er Persönlichkeitsrechte einschränkt und Millionen an öffentlichen Mitteln für Dopingbekämpfung ausgibt? Das Argument der Gesundheit zieht nicht, denn Hochleistungssport ist an sich nicht gesund. „Es ist eher das Motiv, warum wir auch öffentliche Grünanlagen schützen“, sagte Bernd Ladwig, Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. „Als Teilnehmer und Zuschauer kann man im Sport Situationen genießen, die sich technischer Verfügung entziehen“, sagte er. Es geht um einen Wettbewerb nach Regeln anstelle eines freien Spiels der Kräfte. Zudem könne eine Freigabe ein Experiment mit unkontrollierbaren gesundheitlichen Folgen sein. Dennoch sei der Sportzuschauer schizophren, sagte Ladwig, er orientiere sich an einem Ideal, dem der professionelle Sport nicht mehr gerecht werden kann.

Muss der Staat den Sport retten? Dafür gab es nur wenig Argumente, abgesehen von dem, dass der Sport alleine manchmal hilflos wirke. „Die Sportverbände tun so, als wollten sie das Strafrecht, aber sie wollen nur die Polizei für Überwachungsmaßnahmen“, sagte der Bielefelder Strafrechtsprofessor Wolfgang Schild. Der Sport müsse sich selbst helfen, dazu gebe es keine Alternative. Für den Saarbrücker Strafrechtsprofessor Carsten Momsen gibt es kein Rechtsgut, das der Staat durch Verfolgung des Dopings schützen müsse, „höchstens der Vermögensschutz der Betroffenen“, also etwa von Sponsoren. Auch der Fall Pechstein spreche gegen mehr staatliche Dopingbekämpfung. „Ein schlankes, schnelles Verfahren wäre da nicht zu erwarten“, sagte Momsen. Den Ausgang eines staatlichen Verfahrens könne man dafür bei dieser Indizienlage vorhersehen: im Zweifel für die Angeklagte, Freispruch für Claudia Pechstein.

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