Claudia Pechstein : Runde um Runde

"Der Fall hat mein ganzes Leben zerstört", sagt sie. Claudia Pechstein, dekoriert mit fünf Olympischen Goldmedaillen, wurde gesperrt wegen des Verdachts auf Blutdoping, dann entlastet, dann wieder verdächtigt. Sie ist 38, sie könnte aufhören. Könnte sie?

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Pechstein
Claudia Pechstein -Foto: dpa

Da ist diese Geschichte mit dem Kaffee. Eine läppische Episode, aber sie zieht einen hinein in die Gedankenwelt der Claudia Pechstein.

Sie sitzt an einem schwarzen Konferenztisch. Ein großer heller Raum, durchs Panoramafenster sieht man das träge fließende Wasser der Dahme. An der Wand hängt abstrakte Malerei. Die Eisschnellläuferin Pechstein, wegen Blutdopings zwei Jahre gesperrt, hat diesen Treffpunkt vorgeschlagen, ein grau verputztes Haus in einem Gewerbegebiet in Berlin-Köpenick. Ihr Mann hat zur gleichen Zeit im Nebenzimmer einen Geschäftstermin, deshalb.

Eine Flügeltür öffnet sich, eine Frau mit dunkelroten Wuschelhaaren fragt höflich: „Darf ich einen Kaffee bringen?“ Claudia Pechstein wirkt fast erschrocken, als sie aufblickt. Könnte das eine Falle sein? Kaffee hatte in der Geschichte des Dopings eine fatale Bedeutung. 1993 trank die Weltklasseschwimmerin Sylvia Gerasch bei einer Europameisterschaft acht Tassen Kaffee. Ein paar Wochen später war die frühere Weltrekordlerin zwei Jahre gesperrt. Koffein stand auf der Dopingliste.

Gerasch kämpfte verzweifelt um einen Freispruch, es gab einen erbitterten wissenschaftlichen Streit um den Grenzwert von Koffein. Der Deutsche Verband sprach Gerasch frei, der Weltverband beharrte auf der Sperre. Inzwischen ist Koffein von der Liste verschwunden. Aber Gerasch fühlt sich bis heute als Opfer.

Kaffee, Frau Pechstein? Claudia Pechstein sagt: „Nein. Eine Tasse am Tag reicht mir.“ Sie lächelt schmal.

Aber so absurd ist es nicht, anzunehmen, sie würde sich vor Koffeindoping fürchten. Claudia Pechstein fühlt sich drangsaliert von unbekannten Feinden, sie wittert Gefahren und Fallen, auch irrationale. Die Eisschnellläuferin fühlt sich ebenfalls als Opfer.

Ihr sportliches Leben zerfällt in zwei Teile. In jedem ist sie einzigartig.

Im ersten Teil ist sie die erfolgreichste deutsche Sportlerin bei Olympischen Winterspielen, dekoriert mit fünf Goldmedaillen.

Im zweiten Teil ist sie die erste Sportlerin, die wegen eines einzigen, medizinischen Indizes gesperrt ist. Es gibt keine positive Dopingprobe. Es gibt erhöhte Retikulozytenwerte. Retikulozyten sind Vorläufer der roten Blutkörperchen. Zu viele dieser Retikulozyten sind für Experten ein Indiz für Blutdoping.

Daraus ergeben sich viele Fragen. Deshalb kämpft sie so verbissen um ihre Unschuld. Sie bombardiert Gerichte mit Anträgen. Berufung, Revision, Antrag auf die Teilnahme bei Olympia, sie gibt nicht auf. Sie verpasste die Olympischen Spiele in Vancouver. Sie ist gesperrt bis Februar 2011. Hat sich Pechstein durch diesen Kampf verändert? Sie sagt: „Der Fall hat mein ganzes Leben zerstört.“

Claudia Pechstein beugt sich vor und sagt, die Augen zusammengekniffen: „Ich weiß immer noch nicht, warum ich in dieser Situation bin. Ich habe weder jemanden mit Schlägen bedroht noch sonst was getan. Ich bin keinem auf den Fuß getreten. Wenn doch, wünschte ich mir, der Betreffende würde auf mich zukommen.“ Eine hilflose Argumentation. Als hätte es einen Plan gegeben, Claudia Pechstein fertigzumachen. Dabei ist alles ganz einfach. Im Kern besteht ihr Fall aus einer Frage: Hat sie gedopt? Die Frage ist bis heute nicht zweifelsfrei beantwortet.

„Ich bin unschuldig“, beteuert sie. „Ich kämpfe bis zum letzten Atemzug um mein Recht.“ Diesen Satz verkündet sie seit Monaten. Wenn sie recht haben sollte, müsste man irre werden an einem System der Sportlerkontrolle, bei dem im Kampf gegen immer raffiniertere Dopingmethoden auch Unbescholtene aus dem Verkehr gezogen werden können.

Pechsteins Pathos passt zum Bild der Gehetzten, an der man ein Exempel statuieren möchte. Andererseits verkündeten renommierte Blutexperten im März vor einem Dutzend Fernsehkameras: Pechstein ist unschuldig, die Blutanomalien habe sie vom Vater geerbt. Andere Wissenschaftler behaupten jedoch ebenso überzeugend: ganz klar Doping.

Pechstein hebt ihren Arm auf Brusthöhe, er ist angewinkelt, die Finger sind ausgestreckt. „Dass ich mit Dopingsündern, die positiv getestet wurden, auf einer Stufe stehe, das ist einer der schlimmsten Punkte“, sagt sie. Und der schlimmste? „Die Lügen.“ Im Februar 2009 hatte sie bei der Weltmeisterschaft von den erhöhten Werten erfahren. Es war keine positive Probe, es ging erst mal nur um eine Schutzsperre. Die deutschen Funktionäre sagten ihr, sie dürfe deshalb öffentlich dazu nichts sagen. Also belog sie alle, auch die Familie. Jedem erzählte sie: „Ich war krank.“ Aber es rumorte in ihr. Bis sie sich ihrer Mutter anvertraute. „Sie hat verständnisvoll reagiert“, sagt die Tochter. Der Vater erfuhr es erst später. „Er hätte sofort jedem erzählt, ich sei unschuldig.“

Der Internationale Eislaufverband ISU entschied im Juli 2009: Sie ist schuldig. Am gleichen Tag noch kündigte einer ihrer Sponsoren den Vertrag. Klar, sagt Pechstein, „der musste reagieren.“ Aber am gleichen Tag? „Menschlich war das nicht fair.“ Zwei weitere Sponsoren, das erwähnt sie mit sanftem Lächeln, haben ihre Verträge nur ruhen lassen. Eine Firma hat die Kooperation sogar verlängert, die hat sie dann bei einer Messe besucht. Am Stand habe sie der Firmenchef lächelnd in den Arm genommen. „Weil man mir glauben kann.“

Das ist ihr Mantra. In der Sportszene kursieren Erklärungen für ihren verbissenen Kampf. Das Geld reize, sie wolle die Werbeverträge nicht verlieren. Und sie habe sowieso längst den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst. Sie ist jetzt 38.

Das ganze Leben der Claudia Pechstein dreht sich um Sport. Sie ist seit vielen Jahren Profi. Mit ihren Sponsorengeldern hat sie die medizinischen Untersuchungen bezahlt. Im Moment lebt sie von ihrem Gehalt als Bundespolizistin. Aber Polizistin ist sie seit langem nur auf dem Papier. Selbst in der Freizeit taucht sie in einer Eishalle auf. Dann wird Claudia Pechstein zum Fan der Eisbären, der Berliner Eishockeymannschaft. Ihre Ausbildung zur Bürokauffrau lag vor ihrer Karriere.

Aber ihr Kampf hat auch viel damit zu tun, dass eine Claudia Pechstein nicht aufgibt, aus Prinzip nicht. Joachim Franke weiß das. „Sie war auf dem Eis eine große Kämpferin, sie ist auch in dieser Geschichte eine große Kämpferin.“ Franke ist jetzt 70 Jahre alt, die Haare auf dem kantigen Schädel sind schon lange grau, er ist seit drei Jahren Rentner. Aber der Trainer Franke hat Pechstein erst zur heutigen Größe geformt. „Hast du dir etwas vorzuwerfen?“, hatte er gefragt, als sie ihm heulend von den Testergebnissen erzählte. „Nein“, schluchzte sie. Das genügte ihm. Dann erzählt er von den Olympischen Winterspielen 1998. Gunda Niemann, der überragende Star aus Erfurt, hatte über 5000 Meter eine Fabelzeit vorgelegt. Vergiss Gold, sagte Franke zu seiner Athletin. Aber dann lief Pechstein vier Hundertstelsekunden schneller als Niemann. „Weil sie über sich hinauswuchs“, sagt Franke.

Im Dezember 2009 durfte Pechstein ein Rennen beim Weltcup in Salt Lake City absolvieren. Sie hatte den Start vor Gericht erstritten, es ging um die Olympiaqualifikation. Pechstein erfuhr es an einem Dienstag, am Freitag sollte sie laufen. „So einen psychischen Druck“, sagt sie, „hatte ich noch nie.“ Sie hätte Achte werden müssen, sie landete auf Platz 13.

Olympia war abgehakt. Es gab viele, die waren froh darüber. Denn im komplizierten Fall Pechstein gibt’s noch ein spezielles Problem: den Menschen Pechstein. Was sie als Mission darstellt oder empfindet, ist für andere längst nervtötende Rechthaberei. Das hat wenig mit Recht und Unrecht zu tun, es ist etwas Emotionales. Sie war nie eine große Sympathieträgerin. Im Vergleich mit Anni Friesinger wirkte sie dröge und verkniffen. Friesinger posierte für sexy Fotos, sie legte sich nackt in eine Badewanne, die mit Rosen gefüllt war. Die lebenslustige Bayerin gegen die nüchterne Ostberlinerin. Klischees, aber sie wirkten.

Und dann startete die Berlinerin ihre Mission, ihren Kampf um das Bild des Opfers Pechstein, wenig überzeugend. Im Sommer 2009 saß sie auf einem Podium, flankiert von einem Wissenschaftler, der ihre Unschuld beweisen sollte. Doch andere Experten zerpflückten jedes Argument, zum großen Schaden ihrer Glaubwürdigkeit. Die These von der vererbten Anomalie kam erst Monate später.

„Du wirst viele menschliche Enttäuschungen erleben“, sagte Franke zu ihr. Mit einer Enttäuschung hatte Pechstein auf jeden Fall gerechnet. „Anni Friesinger“, sagt sie, und die Hand fährt durch die Luft wie ein Messer, mit dem man Butter schneidet, „ist für mich erledigt.“

Friesinger lief der alten Rivalin beim Weltcup in Berlin im Dezember über den Weg. Claudia Pechstein sagt, sie habe gegrüßt, aber „ihr Blick war total leer. Da kam nichts rüber.“ Friesinger winkt beim Thema Pechstein nur ab: „Dazu sage ich nichts.“

Im März 2011 findet die Weltmeisterschaft in Inzell statt. Pechsteins Sperre läuft im Februar ab. Am 22. Februar wird sie 39 – und ein Oldie im Feld von Jungen sein. Na und? „In Inzell“, sagt sie, „möchte ich starten. Niemand schreibt mir vor, wann ich aufhören muss.“

In Inzell würde sie auch auf Anni Friesinger treffen. In Vancouver hatte die ihrer Dauerrivalin die Show gestohlen. Pechstein sah, obwohl sie sich das Olympiaspektakel schenken wollte, am Fernsehschirm, wie Friesinger im Halbfinale des Teamwettbewerbs den Deutschen nach einem Sturz noch mit letzter Kraft den Finaleinzug sicherte. Im Endlauf holte Deutschland Gold, ohne Friesinger, die dennoch mit der Mannschaft eine Goldmedaille bekam. In einer Zeitungskolumne schrieb Pechstein: „Trotzdem gab es für sie ein Almosengold. Nicht einmal Anni selbst wird wissen, wofür.“

Eine kleine Gemeinheit. Ihre Kämpfe führt Claudia Pechstein weiter. Sie gibt nicht auf.

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