Claudia Pechstein : „Viele hatten mich schon abgeschrieben“

Claudia Pechstein geht in diesem Jahr in ihre 18. Weltcup-Saison im Eisschnelllaufen. Im Interview spricht sie über die ersten Weltcupsiege seit zwei Jahren und ihre neue Gelassenheit.

Interview von Katrin Schulze.
Pechstein
Claudia Pechstein: "Es ist schön, dass die harte Arbeit fruchtet." -Foto: dpa

Frau Pechstein, wie überrascht waren Sie selbst, als Sie am Wochenende beim Weltcup in Moskau nach Ihren Rennen auf die Anzeigetafel geschaut haben?



Bei den 5000 Meter war ich sehr überrascht über die Zeit, aber meine Form hat mich nicht überrascht. Dass die stimmt, habe ich schon in der vergangenen Woche beim Weltcup in Heerenveen gemerkt. Dort wäre ich auch ganz vorne gelandet, wenn ich nicht einen Strauchler gehabt hätte. Aber dieses Mal war es über die 5000 Meter-Strecke einfach ein absolutes Superrennen.

Sie konnten in Moskau nicht nur über diese Distanz siegen. Auch über 1500 Meter waren Sie erfolgreich – das erste Mal seit sechs Jahren.

Das war schon etwas Besonderes, weil ich diese Strecke ja eigentlich überhaupt nicht mag. Und dann habe ich auch gleich mit Bahnrekord gewonnen. Das hat mir gezeigt, dass diese Strecke gar nicht so schwierig ist und dass man sich eigentlich nicht so große Gedanken darüber machen muss.

Trotzdem überraschen diese Siege vom Wochenende, da Sie zuvor immerhin zwei Jahre lang kein Rennen mehr gewonnen hatten. Wie erklären Sie sich die plötzliche Leistungssteigerung?

Vielleicht war es so, dass ich im vergangenen Jahr ein bisschen zu hart trainiert habe. Deswegen habe ich vor dieser Saison das Training etwas umgestellt und ein paar Dinge neu gemacht. Die Arbeit mit meinem Trainer Peter Mueller ...

... mit dem Sie seit zwei Jahren zusammenarbeiten ...

... musste sich erst einpegeln. Jetzt kennen wir uns besser und es ist schön zu sehen, dass die harte Arbeit nun mehr fruchtet.

Im letzten Jahr war das nicht immer der Fall. Sie wurden viel kritisiert für Ihre Leistungen, sogar der Rücktritt wurde Ihnen immer wieder nahe gelegt.

Das war keine einfache Situation. Ich persönlich war am meisten unzufrieden mit meinen vielen vierten Plätzen. Zwar weiß ich, dass ich aufgrund meiner Erfolge niemanden mehr etwas beweisen muss, aber es ist natürlich umso schöner, wenn es so gut funktioniert wie am Wochenende. Da ist schon ganz viel Genugtuung dabei.

Inwiefern?

Ich habe alle Lügen gestraft, die mich schon abgeschrieben hatten – das waren nicht wenige. Ich kenne diese Abläufe ja schon aus der Vergangenheit: Wenn man Erfolg hat, stehen alle hinter dir. Aber wenn es mal nicht so läuft, dann hacken ganz viele auf dir rum. So auch letztes Jahr. Ich habe dennoch versucht, cool zu bleiben, obwohl das nicht immer einfach war. Jetzt wissen alle: Die ist noch nicht weg vom Fenster.

Muss sich die Konkurrenz also wieder mit Ihnen als Favoritin auseinandersetzen?

Ich werde meine Saisonziele jetzt auf keinen Fall umstecken. Ich möchte die Einzelstrecken-WM in Vancouver gut absolvieren und dort eine Medaille gewinnen.

Und wie sehen Sie, gerade nach dem Doppelsieg in Moskau, Ihre Chancen bei den Mehrkampf-Wettbewerben?

An den Mehrkampf gehe ich lockerer heran. Ich fange auf meine alten Tage diesbezüglich nicht mehr an, zu rechnen. Da kann viel passieren und man wird einfach sehen, was dabei herauskommt.

Das hört sich so an, als ginge es Ihnen gar nicht mehr um den Sieg?

Wenn man schon alle Medaillenfarben im Schrank hängen hat, sieht man vieles gelassener. Was nicht heißen soll, dass ich nicht mit allem Ehrgeiz bei der Sache wäre. Wie sich in Moskau gezeigt hat.

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