• Clemens Meyer über das Spiel seines Lebens: 22. 05. 2011, Sachsen Leipzig – Budissa Bautzen 2:0

Clemens Meyer über das Spiel seines Lebens : 22. 05. 2011, Sachsen Leipzig – Budissa Bautzen 2:0

Aufgezeichnet von Benjamin Apitius.

Fußballfan sein bedeutet für mich vor allem: leiden! Und leiden, ja, das musste ich jahrelang und systematisch als Fan des FC Sachsen Leipzig, lechzend nach den kurzen Momenten des Glücks. Doch dann, an diesem einen Tag im Mai, sollte das alles plötzlich vorbei sein. Der Verein war pleite, mal wieder, und niemand fand sich, um die Schulden zu tilgen. Nach der Spielzeit würde alles zerfallen und der Name aus dem Vereinsregister gelöscht, das ahnten wir bereits. Für immer vorbei, eine seltsame Vorstellung damals. Und so wollten wir das letzte Heimspiel gegen Bautzen also noch einmal entsprechend zelebrieren. Ein letztes Mal den grün-weißen Schal um den Hals knoten. Ein letztes Mal eine erste Flasche Bier vor dem Spiel in der „Mücke“ trinken. Ein letztes Mal singen und fluchen. Ein letztes Mal leiden. In der Gartenkneipe neben dem Stadion dann das große Hallo. Alte Gesichter, alte Geschichten. Einige waren ganz in schwarz gekommen. Später im Alfred-Kunze-Sportpark war die Stimmung gedämpft, allein trauriger Ost-Rock brach die Stille vor dem Anpfiff. Und da waren sie alle mal wieder versammelt, das wollte sich dann doch niemand entgehen lassen: die alten Meckerköppe („Macht hin, die Russen steh’n vor Zwencke!“), Träumer und Verrückte, Kneipenbewohner, Arbeiter und Arbeitslose, Studenten, Leipziger, Leutzscher – grün-weiße Chemiker! Das Spiel interessierte dann niemanden, der Ausgang war ja auch völlig irrelevant. Nach dem Schlusspfiff sind wir alle über die Zäune und auf den Rasen. Verheulte Gesichter, leere Gesichter. Ein Pappsarg wurde in den Mittelkreis getragen, ein Stück Leipziger Fußball zu Grabe. Mir war mulmig zumute. Er fehlte mir schon jetzt, dieser Fixpunkt, alle vierzehn Tage. Was blieb mir denn auch? Würde ich nun zu Red Bull Leipzig gehen müssen? Niemals! Und so legte ich zu Hause eine letzte Eintrittskarte zu den vielen hundert anderen. Als Erinnerung und als Beweis, einfach vorbei, die Leidenszeit.

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