Sport : „Computer sind schuld“

Weltmeister Wladimir Kramnik über das defensive moderne Schach, Schlafstörungen und Kunst

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Herr Kramnik, Sie haben erst durch einen Sieg in der letzten Partie Ihren Weltmeistertitel im Schach verteidigt. Das war nicht unbedingt zu erwarten, mitunter sahen Sie erschöpft aus. Haben Sie sich schon erholt?

Im Moment bin ich eher noch müde als glücklich. Ich muss erst einmal die Dinge ordnen und mich ausruhen, um völlig zu verstehen, was passiert ist. Zurzeit fühle ich mich leer. Wenn du ein solches Match spielst, gibst du so viel – an Energien, an Gefühlen. Jetzt fasse ich zwei, drei Wochen lang keine Schachfigur an. Ich werde mich mit meinen Freunden und meiner Familie treffen oder ins Museum gehen.

Ihr Gegner Peter Leko hat von schlaflosen Nächten berichtet. Wie haben Sie in den vier Wochen während des Wettkampfs in Brissago geschlafen?

Immer gut. Mit einer Ausnahme – vor der letzten Partie schlief ich wirklich schlecht. Merkwürdigerweise habe ich danach meine beste Partie gespielt. Vielleicht sind schlaflose Nächte gar nicht so schlecht.

Haben Sie Ihren Gegner nach dem Sieg in der ersten Partie unterschätzt?

Irgendwie hatte ich nach der ersten Partie das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Die Niederlage in der fünften Partie war überflüssig. Vielleicht hätte ich diese Partie nicht verloren, wenn ich die erste nicht gewonnen hätte. Ich denke, ich zahlte den Preis für meine Gelassenheit. Es ist alles irgendwie miteinander verbunden. Wir haben beide einige psychologische Fehler begangen, aber das ist unvermeidbar. Selbst wenn du unglaublich erfahren bist, machst du immer noch Fehler. Erst als ich nach der achten Partie zurücklag, begann ich so zu spielen, wie ich spielen kann.

In der letzten Partie trafen Sie eine bemerkenswerte Wahl. Während frühere Weltmeister in ähnlichen Entscheidungspartien eine ruhige, solide Eröffnung spielten, sprangen Sie Leko geradezu an. Warum?

Weil Schach und das Wissen darüber sich stark entwickelt haben. Leko weiß genau, wo er seine Figuren hinzustellen hat, er besitzt ein sehr gutes Positionsverständnis. Der einzige Weg zu gewinnen bestand darin, ihm von Beginn an Probleme zu stellen. Ich war mir sicher, dass er in einer normalen, ruhigen Partie nicht kollabieren würde. Aber okay, das sagt sich hinterher leicht.

Normale, ruhige Partien gab es ja ohnehin genug in Brissago. Kritiker zeigten sich enttäuscht von den vielen Kurzremisen, sie sorgen sich um das Ansehens des Schachs.

Na ja, das ist, als ob einer Fußball guckt und enttäuscht ist, dass nicht alle fünf Minuten ein Tor fällt. Die Spieler würden es liebend gerne machen, aber es geht nicht, die Verteidigung ist zu stark.

Schön anzusehen war das jedenfalls nicht.

Das ist modernes Schach. Computer sind schuld an dieser Entwicklung – mit ihnen ist es manchmal möglich, ein Remis mit Schwarz perfekt vorzubereiten. Das ist schlecht fürs Publikum, aber das ist die Realität. Ich verstehe die Leute. Wir wollen das Gleiche wie sie, wir wollen aufregende Partien. Aber man kann in unserer Zeit nicht jeden Tag eine Schönheitspartie erwarten. Wenn es in jeder zweiten Partie geschieht, ist es schon eine große Errungenschaft. Und die Hälfte unserer Partien war unglaublich aufregend.

Was halten Sie von dem Vorschlag, das Remisanbieten vor dem 40. Zug abzuschaffen?

Ich verstehe das. Am Ende hängt alles von der Perspektive ab: Betrachtet man Spitzenschach allein als kommerziellen Sport und sagt: Ich habe Eintritt gezahlt, ich will eine Show sehen und ansonsten mein Geld zurück. Oder sieht man Schach als eine Kunst an, zu der man wie zu einer Ausstellung geht.

Und auf welcher Seite stehen Sie?

Ich bevorzuge die zweite Sichtweise. Für mich ist Schach nicht nur Sport, sondern auch Kunst, eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Einem Maler sagt auch niemand, was er zu malen hat. Er malt das, was er fühlt und was er für richtig hält. Wenn ich in ein Museum gehe und mir ein Bild nicht gefällt, gehe ich eben zum nächsten. Aber es gibt kein Recht, sich darüber zu beschweren. Auch Schachspieler sollten gewisse Rechte eines Künstlers haben.

Das Gespräch führte Martin Breutigam.

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