Copa América : Chile ist jetzt wer im Fußball!

Die Copa América wird seit 99 Jahren ausgespielt, doch die Bilanz des diesjährigen Gastgebers Chile ist überschaubar. Das soll sich inmitten der studentischen Unruhen nun ändern.

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Bei der vergangenen WM in Brasilien verschaffte sich Chile Respekt.
Bei der vergangenen WM in Brasilien verschaffte sich Chile Respekt.Foto: Imago

Im Norden hat neulich mal wieder die Erde gebebt, in der Hauptstadt demonstrieren die Studenten immer noch mit ungebrochener Wut, und das Wetter war auch schon mal besser. Chile sehnt sich nach sonnigen Tagen. Das ist gar nicht so einfach im frühen Winter, wenn der Smog mal wieder bedrückend tief im Talkessel von Santiago hängt, sodass das Panorama der Anden nur als Silhouette zu erahnen ist. Und doch wirken die Chilenen in ihrer großen Mehrheit gerade ungewohnt beschwingt. Wer mag sich schon über Smog aufregen, wenn die Copa America ausgespielt wird?

In Chile kann man in diesen Tagen schwerlich den Fernseher oder das Radio einschalten, ohne mit den neuesten Nachrichten zum ältesten Nationenturnier der Welt berieselt zu werden. „Die Vorfreude ist unglaublich und überall zu spüren“, sagt der chilenische Nationaltorhüter Claudio Bravo, „und natürlich träumen wir alle davon, dieses Turnier zu gewinnen.“ Den ersten Schritt in diese Richtung wollen die Chilenen am Freitag im Eröffnungsspiel von Santiago gegen Ecuador machen.

Der K.o. im WM-Achtelfinale gegen Brasilien wurde schwer betrauert

Die Copa America wird seit 99 Jahren ausgespielt. Chiles Bilanz bei dieser prestigeträchtigen Südamerika-Meisterschaft ist überschaubar, sie reduziert sich auf vier zweite Plätze, der bislang letzte davon wurde vor 28 Jahren in Argentinien erkämpft. Die Nation ist nicht gerade im Übermaß mit sportlichen Erfolgen gesegnet und sehnt sich umso mehr danach. Als 2004 der Chilene Nicolas Massú das olympische Tennis-Finale von Athen gewann, erklärte ihn der Fernsehkommentator zum besten Sportler aller Zeiten. Und als die Chilenen 2008 in der Qualifikation zur Fußball-WM in Südafrika nach 98 Jahren (!) endlich den ersten Sieg ihrer Länderspielgeschichte gegen Argentinien feierten, widmeten sie dem Siegtorschützen Fabian Orellana den Ehrennamen „El Historico“.

In der Moderne hat sich die chilenische Mannschaft bei den vergangenen WM-Turnieren Respekt erworben mit ihrem zugleich physischen und fußballerisch anspruchsvollen Stil. Vor allem im vergangenen Jahr in Brasilien brillierten die Señores Arturo Vidal, Alexis Sanchez und Marcelo Diaz mit ungewohnter Dominanz, ihr 2:0-Sieg gegen den Titelverteidiger Spanien zählte zu den aufregendsten Spielen des Turniers. Der K.o. im Achtelfinale gegen Brasilien wurde schwer betrauert zwischen Arica in der Atacama-Wüste und Puerto Williams auf Feuerland.

Barcelonas Claudio Bravo hütet bei Chile das Tor

Allemal ermutigend aber war die Botschaft: Wir sind jetzt wer im Fußball! Die Chilenen haben mit großer Zufriedenheit registriert, dass ihr Mittelfeldmann Marcelo Diaz den Hamburger SV vor dem ersten Bundesliga-Abstieg bewahrte, mit einem verwandelten Freistoß in der Nachspielzeit in Karlsruhe. Vor einer Woche litt das Land mit seinem Antreiber Arturo Vidal, als dieser mit Juventus Turin das Champions-League-Finale von Berlin verlor. Mit Barcelonas Torwart Claudio Bravo wähnte sich Chile aber auch ein bisschen unter den Siegern, auch wenn dieser in der Champions League (anders als in der Meisterschaft) dem Deutschen Marc-André ter Stegen den Vortritt hatte lassen müssen.

Vidal und Bravo stießen am Dienstag als Letzte zur Mannschaft in Santiago. Vor dem Complejo Derportivo Roberto Pinto Duran versammelte sich neben allerlei Reportern und Fans auch eine Hundertschaft von Lehrern: zum höchst öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die Bildungspolitik. Ganz ausblenden lässt sich der Alltag auch in den Tagen der Copa nicht.

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