Sport : Copa America: Kommentar: Ballzauderer vom Zuckerhut

Benedikt Voigt

Fast könnte man Schadenfreude entwickeln, wenn einem das alles nicht so bekannt vorkäme. Eine Fußball-Weltmacht im Niedergang, ein umstrittener, weil erfolgloser Nationaltrainer und Spieler, die nicht mehr zur Weltklasse gehören - beschreibt da jemand die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von vor einem Jahr? Erich Ribbeck und Lothar Matthäus? Doch die Fußballnation, von der hier die Rede ist, droht auch die Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea zu verpassen. Weshalb die deutsche Elf nicht gemeint sein kann.

Es ist der viermalige Weltmeister Brasilien, der am Boden liegt. "Mein Gott, welche Demütigung, wie tief können wir noch fallen?", fragte der brasilianische TV-Kommentator gestern verzweifelt. Und eine Nachrichtensprecherin warnte die Zuseher mit den Worten: "Das ist kein Albtraum, das ist Realität." Dann verkündete sie die Nachricht: Brasilien hatte das Viertelfinale bei der Südamerika-Meisterschaft 0:2 verloren. Schlimmer noch, es hatte gegen Honduras verloren, und noch schlimmer: Es hatte verdient verloren. Die Ballzauberer vom Zuckerhut sind nur noch Zauderer. Drei Niederlagen in fünf Spielen lautet die Bilanz des neuen brasilianischen Trainers Luiz Felipe Scolari. Eine Chance bekommt er wohl noch am 15. August, wenn in der Südamerika-Gruppe das wichtige WM-Qualifikationsspiel gegen Paraguay ansteht. Verliert die "Selecao" erneut, könnte sie auf Platz fünf zurückfallen. Zwar erhält auch der Fünftplatzierte in zwei Ausscheidungsspielen gegen den Sieger von Ozeanien die Chance, sich für die WM zu qualifizieren. Weshalb es unwahrscheinlich ist, dass die WM ohne Brasilien stattfinden könnte. Doch bis Montag war auch eine Pleite gegen Honduras undenkbar.

Nun rückt endlich das Chaos im brasilianischen Fußballverband CBF in den Blickpunkt. Das gab es auch in den Zeiten des Patriarchen und ehemaligen Fifa-Präsidenten Joao Havelange, doch damals übertünchte der sportliche Erfolg die Missstände. Nun ist die Verwaltung überfordert, immer wieder gibt es Korruptionsvorwürfe. In ein paar Wochen beginnt die Landesmeisterschaft, und keiner weiß, wer sie organisieren soll - Verband oder Vereine. Die Erneuerung der brasilianischen Nationalmannschaft muss schon im Verband beginnen.

Der Fall liegt also schwieriger als in Deutschland. Dort genügte es, in Rudi Völler einen neuen Teamchef zu benennen. Allerdings sollte ihm der DFB schleunigst einen Vertrag über die Weltmeisterschaft 2002 hinaus geben. Sonst kommt womöglich Brasilien auf die Idee, sich bei ihm zu melden.

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