Sport : Costa Rica feiert trotzdem

In dem mittelamerikanischen Land verfolgen die Menschen begeistert den Auftritt ihres Teams im Eröffnungsspiel der WM

Antje Lückingsmeier[La Fortuna/Costa Rica]

„Das ist nur ein Trick, ich bin sicher!“, ruft Eduardo, als er vor dem WM-Eröffnungsspiel hört, dass Deutschlands Star Michael Ballack nicht auflaufen wird. Er ist davon überzeugt, dass der deutsche Kapitän, der so gefährlich für seine Ticos ist, im letzten Moment doch dabei sein und dem costa-ricanischen Nationalteam den glorreichen WM- Start vermiesen wird.

Eduardo ist Mitarbeiter des Reiseveranstalters „Travel to Nature“ und führt normalerweise Touristen durch das mittelamerikanische Land, erklärt ihnen die Besonderheiten der heimischen Flora und Fauna und steckt mit seiner Leidenschaft für sein Heimatland auch den lernunwilligsten Urlauber an. Das Motto des 30-Jährigen ist das seines Landes: Pura Vida – Pures Leben. Eduardo lebt in La Fortuna, einem kleinen Ort in den Cordilleras, am Fuße des aktiven Vulkans Arenal. Der Ort liegt in der Nähe der nicaraguanischen Grenze, in Guanacaste, einer der sieben costa-ricanischen Provinzen, benannt nach dem dort häufig vorkommenden mächtigen Baum. Tico ist man durch Geburt – Guanacasteco durch die Gnade Gottes, sagen die Menschen hier.

La Fortuna lebt hauptsächlich vom Tourismus – trotz oder beziehungsweise gerade wegen der ständigen Gefahr eines Vulkanausbruchs. „Vor zehn Jahren waren hier nur ein paar kleine Hotels“, erzählt Eduardo. Inzwischen haben sich diverse Großanlagen um den Arenal gruppiert, die allesamt in irgendeiner Weise den Vulkan im Blick und zum Thema haben. Und allabendlich hoffen die Besucher, einen Blick auf die rot glühende Lava werfen zu können, die sich ihren Weg ins Tal gräbt. Doch oft ist der Arenal im Nebel versteckt. Nicht so heute: Der mächtige Gipfel ist trotz der herrschenden Regenzeit klar zu sehen, nur ein paar Schäfchenwolken trüben den blauen Himmel – und hin und wieder faucht und raucht der Arenal beeindruckend, als hätte auch ihn das Fußballfieber gepackt.

Für Eduardo und seine Mitarbeiter sind Vulkan und Tierwelt heute zweitrangig. Die Ticos spielen gegen die Deutschen – und La Fortuna fiebert wie das ganze Land mit. Die Straßen sind in den Landesfarben Rot, Weiß und Blau geschmückt, aus Autos wehen Fahnen und immer wieder tanzen die Menschen zu ihrem Schlachtruf: „Oheee, Ticooos“. Heute ist alles Rot- Weiß-Blau, heute ist Fußball. Schulklassen haben frei, Geschäfte bleiben geschlossen. Der Stammhalter im Kinderwagen hat ein Tico-Käppi auf, der Großvater trägt stolz ein Trikot mit dem Namen Paulo Wanchope, dem besten Torschützen des Landes, der seine Landsleute nicht enttäuschen wird. Aber auch seine beiden Tore werden nicht für den erhofften Punkt reichen. Die Presse wird von einem „ehrenvollen Untergang“ sprechen.

Dabei hatten Eduardo und seine Freunde ihren Hoffnungen freien Lauf gelassen, als kurz vor dem Anpfiff Michael Ballack doch in langen Hosen zu sehen war. Bei der Nationalhymne „Noble patria, tu hermosa bandera“ wurde laut und falsch mitgesungen, die Fahnen wurden geschwenkt, die erste Runde „Imperial“-Biers ging über den Tisch – um zehn Uhr morgens Ortszeit und bei Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke. Die Dynamik des Fußballs macht auch vor La Fortuna nicht Halt.

Costa Rica ist etwa so groß wie Niedersachsen und lebt seinen Nationalstolz fröhlich und selbstbewusst. Die deutschen Touristen, die das Spiel fern der Heimat in einer costa-ricanischen Kneipe verfolgen, werden herzlich aufgenommen und bekommen in der Halbzeit eine Runde Nachos spendiert – zum Trost, weil die Ticos so stark aufspielen. Das frühe Ausgleichstor wird so stürmisch bejubelt, als wäre das Spiel schon gewonnen. Costa Rica ist ein untypisches mittelamerikanisches Land, das wegen seiner grünen und bergigen Landschaft und wegen des relativen Wohlstands auch die „Schweiz Mittelamerikas“ genannt wird. Nur jeder fünfte der rund vier Millionen Einwohner Costa Ricas lebt in Armut, während sonst in Lateinamerika fast jeder Zweite nicht genügend zu essen und weder Strom noch fließendes Wasser in seiner Behausung hat. Costa Rica hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren den Ruf eines wirtschaftlich stabilen und demokratischen Landes erarbeitet. 1948 schaffte die Regierung die Armee ab und investierte das frei gewordene Geld in Bildung und Umweltschutz. Seit dem 19. Jahrhundert besteht Schulpflicht, was die Analphabetenrate unter fünf Prozent gedrückt hat: die niedrigste Mittelamerikas. Gesetzlich sind neun Jahre Schulpflicht vorgeschrieben. Nach zwei weiteren Schuljahren kann jeder Bürger weiterführende Bildungseinrichtungen wie Universitäten besuchen. Die staatlichen Universitäten haben einen besseren Ruf als die privaten – eine Ausnahme für Lateinamerika. Nahezu überall fließt trinkbares Wasser aus den Hähnen, und in fast jedem Winkel gibt es Telefonhäuschen.

Obwohl Costa Rica immer noch stark landwirtschaftlich geprägt ist (hauptsächlich Ananas- und Bananenanbau), konnten auch andere Wirtschaftszweige ausgebaut werden. Große Bedeutung hat inzwischen der Tourismus. Daneben wurde auch der High-Tech-Sektor ausgebaut; einer der bedeutenden Devisenbringer des Landes ist eine Chipfabrik der Firma Intel. All das erzählt Eduardo jetzt auch wieder seinen Gästen, die sich vom Fußballfieber haben mitreißen lassen und nun in ihren Urlaubsalltag zurückfinden wollen. Sein Trikot behält er trotz der 2:4-Niederlage gegen Deutschland den Tag über an. „Ich bin heute sehr glücklich“, sagt Eduardo. „Wir haben gut gespielt und können stolz sein auf unsere Mannschaft.“

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