Sport : Cottbus - 1860 München: Um ein Gegentor gebettelt

Karsten Doneck

Ein kurzer Blick zur Uhr genügte, dann schob er die vor ihm auf dem Tisch stehende Tasse beiseite. "Kaffee - um diese Uhrzeit noch?", fragte Werner Lorant leicht pikiert. Es war Punkt 22.24 Uhr. Und dem Fußballlehrer des TSV 1860 München stand der Sinn nach anderen Genüssen. "Ich könnte jetzt gut ein Bier vertragen", sagte Lorant. Sein Wunsch war der charmanten Bedienung im Cottbuser Stadion der Freundschaft Befehl. Und während Lorant dann gemütlich seinen Bierkrug leerte, aus Werner Beinhart plötzlich Werner Butterweich wurde, verlieh sein Berufskollege Eduard Geyer wortreich seiner Enttäuschung Ausdruck. "Mit einer 2:0-Führung im Rücken - da muss man sich doch ganz anders darstellen", schimpfte er. Den von ihm trainerten Profis des Bundesliga-Aufsteigers Energie Cottbus schlotterten aber mit Fortdauer der Partie mehr und mehr die Knie. 1860 München nutzte diese Unsicherheit des Gegners aus, siegte am Ende noch 3:2. Ein Ergebnis, dass Geyer "mehr als nur bedrückend" fand.

Das Cottbuser Fußball-Publikum, erstaunlicherweise waren nur 12 453 Interessierte erschienen, lag den Aufstiegshelden vom Mai dieses Jahres schon nach neun Minuten zu Füßen. "Va-si-le, Va-si-le!", hallten da die Sprechchöre durch das Stadion der Freundschaft. Vasile ist dabei nicht etwa die Übersetzung von Energie ins Ungarische, sondern der Vorname des Cottbuser Regisseurs Miriuta. Der 32-jährige Ungar hatte gerade mit einem schlitzohrig um die Mauer gedrehten Freistoß das 2:0 erzielt. Und Lorant wollte seiner Elf bereits die Bundesliga-Tauglichkeit absprechen. "Wir haben amateurhaft angefangen", grollte er. "Wenn wir bei einem Freistoß noch nicht mal korrekt eine Mauer stellen können ... "

Aber zum Mauerbau war der TSV 1860 ja auch gar nicht ausgerückt in die Lausitz. Eher traten die Gäste ziemlich respektlos auf, auch - oder gerade - nach dem schnellen Rückstand. Kämpferische Tugenden, sonst das große Plus der Cottbuser, bewiesen nach 20 Minuten allein noch die Löwen. Und sie stießen dabei auf eine Deckung, in der sich so mancher Cottbuser Abwehrspieler wohl gedanklich mehr mit dem persönlichen Weihnachtseinkaufszettel beschäftigte als mit dem Tordrang des Gegenspielers. "Wir haben ja fast um den ersten Gegentreffer gebettelt", gestand Geyer verärgert.

Der Trainer rügte besonders seine Verteidiger Matyus und Hujdurovic. "Die waren zu brav, ja fast schon kollegial zu den Sechzigern", meinte er. Im Programmheft zum Spiel hatte Energies Mittelfeld-Abräumer Bruno Akrapovic noch von seinem bosnischen Landsmann Faruk Hujdurovic geschwärmt: "Wer gegen die Weltauswahl spielt und dort die Stürmer an die Kette legt, ist ein ganz Großer." Hujdurovic mag zwar einen Star wie Hakan Sükür ausschalten können, darf darüber hinaus aber nicht vergessen, dass auch gegen einen Martin Max aus München höchste Wachsamkeit geboten ist, selbst wenn der nicht in der Weltauswahl auftaucht. Das entscheidende Tor zum 2:3 ging indes auf das Konto des Ungarn Janos Matyus. Ihm lief der Münchner Vidar Riseth einfach davon. "Matyus steht absolut falsch. So wie der sich da verhalten hat, das ist Schülerfußball", fluchte Geyer.

Und während Eduard Geyer vor Fernsehkameras noch immer Erklärungen für die schmerzliche Niederlage abgab, winkte Werner Lorant schon wieder die Bedienung heran. "Kann ich denn noch ein Bier bekommen?", fragte er höflich. Der Trainer genoss halt den Abend in Cottbus.

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