Cricket : Englischer Ruhm zerfällt zu Asche

Als klarer Favorit fuhr Englands Cricket-Mannschaft im November nach Australien. Zwei Monaten später haben die Engländer nicht nur "The Ashes" verloren, sondern auch einer der peinlichsten Niederlagen ihrer Sportgeschichte erlebt.

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In der Hitze gebrochen. Englands Schlagmann Michael Carberry blickt verwirrt auf seinem zerbrochenen Schläger.
In der Hitze gebrochen. Englands Schlagmann Michael Carberry blickt verwirrt auf seinem zerbrochenen Schläger.Foto: reuters

Ein Cricketschläger bricht nicht so leicht. Das große Holzstück wiegt normalerweise etwa 1,5 Kilogramm und ist fünf Zentimeter dick. Als Englands Schlagmann Michael Carberry seinen vom Ball zerbrochenen Schläger frustriert anguckte, spiegelte dieses Bild die ganze Demütigung wieder, die England gerade erfahren hatte.

Mit 0:5 hat England das Duell mit Australien verloren, das unter dem Namen „The Ashes“ firmiert. Erst zum dritten Mal in der 132-jährigen Geschichte dieses Duells verlor eine Mannschaft alle fünf Spiele des gesamten Wettbewerbs. Der „Guardian“ schrieb schon über die schmerzhafteste Niederlage der englischen Sportgeschichte überhaupt.

Das letzte 0:5 gab es 2007. Auch damals tat die Niederlage den Engländern weh, war allerdings das letzte Hurra der wohl bisher stärksten australischen Mannschaft. Dieses Mal war es anders. Vor dem Serienauftakt im November war England der klare Favorit. Seit Jahrzehnten schien keine englische Mannschaft dem australischen Gegenüber derart an Qualität und Teamgeist überlegen zu sein. Und seit Jahrzehnten ist England nicht mehr so gedemütigt worden.

Im Cricket besitzen Weltranglisten und Weltmeisterschaften keine so hohe Bedeutung, wie die großen traditionellen Duelle. Bei „The Ashes“ geht es nur um die Ehre, deswegen war die Art und Weise dieser Niederlage so schrecklich für den englischen Sport. Eigentlich sollte es andersherum laufen. England hatte im Sommer Australien deutlich besiegt – die Australier waren angeblich am Boden zerstört. Dieser Irrglauben wog die Engländer in Sicherheit – mit fatalen Folgen.

Von dem Moment an, als sie in Australien angekommen waren, ging alles für England schief. Die australische Presse versuchte – erfolgreich – die Engländer mit persönlichen Angriffen zu stören. Auch auf dem Feld war in der ersten Partie die Atmosphäre so hitzig wie seit den 80er Jahren nicht. Australiens Kapitän Michael Clarke soll Jimmy Anderson Schläge angedroht haben, ehe der Engländer überhaupt einen Ball geschlagen hatte.

England hatte aber größere Sorgen. Nach der peinlichen Niederlage im ersten Spiel musste einer ihrer stärksten Spieler, Jonathan Trott, wegen gesundheitlicher Probleme plötzlich nach Hause fahren. Trott, der wegen seiner Qualität sowie seiner Persönlichkeit das Hauptziel der australischen Verbalattacken war, ist nun schon der zweite englische Cricketspieler in fünf Jahren, der wegen Burn-out oder Depression eine Ashes-Serie in Australien verlassen musste.

Trotts Abgang schockierte England, als Ausrede für die schwachen Leistungen konnte er aber nicht herhalten. In den nächsten zwei Spielen wurden die Engländer noch einmal überrollt – von einer australischen Mannschaft, die eigentlich nur als mittelmäßig eingeschätzt worden war. Von einem Werfer namens Mitchell Johnson, der seit Jahren wegen seiner schlechten Leistungen von englischen Fans verhöhnt worden war. In dieser Serie wurde er zum besten Spieler der Australier.

Nach der dritten Niederlage – und damit dem Verlust des kleinsten Pokals der Welt – brach Englands Team ein. Graeme Swann, Starwerfer der letzten Jahre, kündigte direkt nach dem Spiel seinen Rücktritt an. Einige nahmen es als mutige Entscheidung auf, seine Kritiker sahen darin nur den Beweis für seinen Egoismus. Zwei Spiele vor Schluss habe er einfach das sinkende Schiff verlassen.

Am Wochenende war die Folter endlich vorbei, als Australien auch das fünfte Spiel überlegen gewann. Jetzt ist in England von einer Wachablösung die Rede. Die Generation, die noch vor Kurzem als erste englische Mannschaft die Spitze der Weltrangliste erobert hatte, ist nun mental und spielerisch zerstört. Zerstört von einem Gegner, den sie arrogant unterschätzt hatten. Zerstört wie der Schläger von Michael Carberry.

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