Sport : „Da gibt es keine Euphorie mehr“

Von Pfostenschüssen, Aufholjagden und Rekorden: Eine Chronik aller Meistertitel des FC Bayern München

Stefan Hermanns

Zum 19. Mal haben die Bayern die deutsche Fußball-Meisterschaft gewonnen. Bei so vielen Titeln kann man leicht den Überblick verlieren: Wann war noch mal Kutzops Elfmeter? Wann Unterhaching? Eine Übersicht.

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1932: Wenn es tatsächlich eine Wechselwirkung zwischen Politik und Fußball gibt, dann ist es kein Zufall, dass der letzte Deutsche Meister vor der Nazi-Zeit Bayern München heißt. Am 12. Juni 1932 gewinnen die Münchner in Nürnberg durch Tore von Rohr und Krumm das Endspiel gegen Eintracht Frankfurt 2:0. Während die Bayern heute eine innige Verbindung zur bayerischen Staatspartei pflegen, waren sie den Nazis stets suspekt. Der FC Bayern galt den Nationalsozialisten als „Juden-Club“, er hatte viele jüdische Mitglieder, und auch der Vorsitzende Kurt Landauer war Jude. Schon am 22. März 1933 trat er zurück, am Tag darauf verlässt auch Meistertrainer Richard Dombi den Klub.

1969: 37 Jahre mussten die Bayern auf ihre zweite Meisterschaft warten. Erst 1965 waren sie in die Bundesliga aufgestiegen, und nach Platz fünf in der vorangegangenen Saison galten sie nicht unbedingt als Favorit. Doch der Trainerwechsel von Tschik Cajkovski zu Branko Zebec macht sich bezahlt. Die Bayern erobern schon am dritten Spieltag die Tabellenspitze – und geben sie fortan nicht mehr ab. Selbst eine achtwöchige Sperre des Torschützenkönigs Gerd Müller übersteht die Mannschaft unbeschadet.

1972: Zum bisher einzigen Mal in der Geschichte der Bundesliga kommt es zu einem echten Endspiel. Am letzten Spieltag trifft der Erste Bayern München auf den Zweiten Schalke 04. Die Schalker müssen gewinnen, um Meister zu werden – und verlieren 1:5. Das Saisonfinale ist das erste Spiel, das die Bayern im neuen Olympiastadion bestreiten. Als bisher einzige Bundesliga-Mannschaft erzielen sie mehr als 100 Tore in einer Saison (101), und auch die 40 Treffer, mit denen Gerd Müller zum vierten Mal Torschützenkönig wird, sind bis heute Rekord.

1973: Die Bayern machen da weiter, wo sie aufgehört haben: an der Tabellenspitze. Eine Überraschung ist das nicht. Schließlich stehen sechs Spieler, die gerade Europameister geworden sind, in ihrem Kader. Vom ersten Spieltag an liegen sie ununterbrochen auf Platz eins, am Ende haben sie elf Punkte Vorsprung auf den Vizemeister 1. FC Köln. Bis zur Einführung der Drei-Punkte-Regel schafft das keine andere Mannschaft mehr.

1974: Es war vermutlich eine gute Idee des Spielplaners vom DFB: Am letzten Spieltag treffen die beiden Meister der vergangenen fünf Jahre aufeinander. Das verspricht ein spannendes Finale zu werden. Doch dann geht es zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München um nichts mehr, die Bayern stehen bereits als Meister fest. Glück für die Münchner, die erst 20 Stunden zuvor das Wiederholungsspiel im Europapokalfinale gegen Atletico Madrid gewonnen haben und noch reichlich alkoholisiert auf dem Bökelberg antreten. Sie verlieren 0:5 – und feiern anschließend weiter.

1980: Beckenbauer und Müller spielen in den USA, Sepp Maier liegt nach einem Autounfall auf der Intensivstation. Dass die Bayern trotzdem nach sechs Jahren wieder Meister werden, liegt vor allem an Rückkehrer Paul Breitner und an Karl- Heinz Rummenigge. Zu Beginn der Saison wird der 25-Jährige noch belächelt; am Ende wird Rummenigge mit 26 Treffern Torschützenkönig.

1981: Am 21. März scheint die Meisterschaft entschieden – zugunsten des HSV. Die Hamburger führen 2:0 gegen Bayern, hätten neun Spiele vor Schluss fünf Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten. Doch in der 88. Minute erzielt Paul Breitner das 2:2. Die Bayern holen fortan 17:1 Punkte und stehen bereits am vorletzten Spieltag als Meister fest.

1985: Es ist das Jahr eins nach Rummenigge, und Bayerns Trainer Udo Lattek sagt vor der Saison: „Ich glaube nicht, dass es eine ausgesprochene Spitzenmannschaft gibt, die allen anderen überlegen ist.“ Er irrt. Bayern startet mit 12:0 Punkten in die Saison und ist vom ersten Spieltag an Tabellenführer. Nur die Krönung bleibt den Münchnern versagt. Im Pokalfinale unterliegen sie Bayer Uerdingen 1:2.

1986: Am letzten Spieltag können die Bayern so viele Tore schießen, wie sie wollen. Meister werden sie trotzdem nicht – wenn die Bremer in Stuttgart nicht verlieren. Bayern schlägt Gladbach 6:0, Bremen verliert 1:2 und den Titel. Entscheidend ist ein verschossener Elfmeter, der eigentlich keiner war. Am 33. Spieltag steht es im Spitzenspiel zwischen Werder und Bayern eine Minute vor Schluss noch 0:0, als es einen Strafstoß für Bremen gibt. Wenn Michael Kutzop trifft, ist Werder vorzeitig Meister. Er schießt den Ball an den Pfosten. „Das Geräusch höre ich heute noch“, sagt Bayerns Torhüter Jean- Marie Pfaff.

1987: Es ist die letzte von insgesamt sechs Meisterschaften für Trainer Udo Lattek. Große Freude löst der vorzeitige Gewinn des Titels (am 32. Spieltag) allerdings nicht aus: Die Bayern leiden noch unter dem verlorenen Europacupfinale gegen Porto zehn Tage zuvor. Immerhin lösen sie den 1. FC Nürnberg mit zehn Titeln als Rekordmeister ab.

1989: „Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes.“ Sagt Christoph Daum, der Trainer des 1. FC Köln. Am Ende der Saison ist Heynckes mit den Bayern Meister, Daum landet mit Köln trotz seiner Verbalattacken gegen die Konkurrenz mit fünf Punkten Rückstand nur auf Platz zwei. Im vorentscheidenden Spiel gewinnen die Münchner im Müngersdorfer Stadion durch drei Tore von Roland Wohlfarth 3:1.

1990: Die fünfte Meisterschaft innerhalb von sechs Jahren. Langsam kehrt bei den Bayern Routine ein. „Da gibt es keine Euphorie mehr“, sagt Manager Uli Hoeneß. Sechs Punkte beträgt der Abstand auf den 1. FC Köln und seinen Trainer Daum.

1994: Erich Ribbeck ist ein Mensch mit seltsamen Ansichten: Der Trainer der Bayern versucht seinen Vorgesetzten weiszumachen, dass die Vizemeisterschaft auch ein schöner Erfolg sei. Es kommt, wie es kommen muss. Ribbeck wird kurz nach Weihnachten entlassen, Franz Beckenbauer springt als Nothelfer ein, verliert das erste Spiel zu Hause gegen Stuttgart 1:3 – und wird am Ende Meister.

1997: Die Entscheidung fällt am vorletzten Spieltag. Bayern gewinnt zu Hause 4:2 gegen Stuttgart, zur gleichen Zeit verlieren die Leverkusener (Trainer: Christoph Daum) beim Lokalrivalen Köln 0:4. Toni Polster erzielt drei Tore. Für Bayerns italienischen Trainer Giovanni Trapattoni ist es der einzige Meistertitel seiner Zeit in München.

1999: Eine neue Ära beginnt bei den Bayern. Ottmar Hitzfeld ist als neuer Trainer gekommen und erfindet die Rotation, Stefan Effenberg wechselt zum zweiten Mal von Mönchengladbach nach München und übernimmt die Herrschaft im Mittelfeld. Präsident Franz Beckenbauer adelt die Mannschaft zur besten, die die Bayern je hatten. Mit 15 Punkten Vorsprung holt sie den Titel. Trotzdem ist es eine traurige Saison für die Bayern. Im Champions-League-Finale unterliegen sie Manchester United, im Endspiel um den DFB-Pokal verlieren sie im Elfmeterschießen gegen Werder Bremen.

2000: Es sollte eigentlich nur ein Scherz sein: Am letzten Spieltag lassen die „Toten Hosen“, bekennende Bayern-Hasser, ein Flugzeug übers Olympiastadion fliegen und gratulieren den Münchnern mit einem Banner zur Meisterschaft. Zu ihrem Ärger holen die Bayern tatsächlich den Titel, weil sie 3:1 gegen Bremen gewinnen, während Tabellenführer Leverkusen (Trainer: Daum) in Unterhaching seinen Drei-Punkte-Vorsprung verspielt. Michael Ballack leitet mit einem Eigentor Bayers 0:2-Niederlage ein.

2001: Spannender als im Jahr 2000 kann es eigentlich nicht werden. Am 19. Mai 2001 zeigt sich, dass dies ein Irrtum ist. Im Gelsenkirchener Parkstadion feiern die Fans von Schalke 04 bereits den ersten Meistertitel ihres Klubs seit 1958. Doch die Bayern spielen noch. Um 17.23 Uhr wird ihnen im Hamburger Volksparkstadion beim Stand von 0:1 ein indirekter Freistoß zugesprochen. Stefan Effenberg tippt den Ball an, Patrik Andersson schießt und erzielt in seinem letzten Spiel sein erstes Tor für die Münchner. Bayern ist Meister und gewinnt vier Tage darauf auch die Champions League.

2003: Nie war der Titelkampf so langweilig wie in dieser Saison. Nie war der Abstand des Meisters auf den Zweiten größer: Im ersten Jahr nach Effenberg sichern sich die Bayern mit 16 Punkten Vorsprung auf den VfB Stuttgart den Titel.

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