Sport : Da kommen einem die Tränen

Der FC Bayern huldigt Uli Hoeneß, der nach seinem Steuerprozess die Vertrauensfrage stellen will.

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Überwältigt vom Zuspruch. Für Uli Hoeneß wurde die Jahreshauptversammlung zu einer Art persönlichem Bürgerentscheid. Jetzt will er dem Verein dienen „bis ich nicht mehr atmen kann“. Foto: dpa
Überwältigt vom Zuspruch. Für Uli Hoeneß wurde die Jahreshauptversammlung zu einer Art persönlichem Bürgerentscheid. Jetzt will er...Foto: dpa

Draußen am Kiosk der Basketball-Arena warteten Freibier und Würstchen auf die Mitglieder des FC Bayern München. Aber viele hatten es damit gar nicht so eilig. Sie belagerten nach dem Ende der Jahreshauptversammlung erst einmal das Podium. Dort stand Uli Hoeneß mit dem fast schon obligatorischen Bayern-Schal um den Hals im Kreise der Fans, seiner Fans, auch noch eine gute Viertelstunde nach Ende der Veranstaltung. Mehr als hundert Mal schrieb der Präsident des deutschen Rekordmeisters seinen Namen auf die Zettel, die ihm hingehalten wurden. Für Hoeneß ging ein bewegender Abend zu Ende. „Ich könnte euch alle umarmen“, hatte er eine Stunde zuvor am Ende seiner Rede gesagt. „Ich werde heute sicher gut schlafen.“

Zum ersten Mal seit Bekanntwerden der Steueraffäre trat er vor den versammelten Mitgliedern auf. Dass es kein Spießrutenlauf werden würde, da konnte sich Hoeneß sicher sein. Die Fans, das hatten sie in den vergangenen Monaten oft genug im Stadion gezeigt, stehen hinter ihrem Präsidenten, dem Macher des FC Bayern, der wie kein anderer deutscher Fußball-Funktionär die Geschicke eines Vereins derart lange und derart erfolgreich gelenkt hat. Vielleicht rechnete Hoeneß damit, dass es zu einem Moment der Rührung kommen könnte. Jedenfalls hatte er eine Packung Papiertaschentücher in der Hand, als er am Mittwochabend um kurz nach 19 Uhr das Podium betrat, ohne Bayern-Schal. Dass er bald darauf aber schluchzend auf seinem Stuhl sitzen und ihn die Menge im Saal minutenlang huldigen würde nach den sehr warmen Worten des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, das war weder geplant noch für Hoeneß vorhersehbar. Sein Weggefährte hatte ihn als „Spiritus Rector“ bezeichnet, ohne dessen „unglaubliches Engagement und Zutun der FC Bayern nicht das wäre, was der FC Bayern glücklicherweise ist und darstellt“. Das genügte, um fast alle der 3573 anwesenden Mitglieder zu mobilisieren. Sie erhoben sich von ihren Plätzen, applaudierten minutenlang und sangen: „Uli, Uli, du bist der beste Mann.“

Seine Rede hatte Hoeneß ans Ende der Tagungsordnung verschoben. Es ging darin weniger um das glänzende Jahr des FC Bayern mit dem Triple-Gewinn und dem Sieg im europäischen Supercup, das hatte Rummenigge zuvor schon ausführlich gewürdigt. Er verzichtete dieses Mal auch auf Sticheleien gegen den sportlichen Konkurrenten aus Dortmund. Hoeneß gab eine Erklärung in eigener Sache ab. Er gestand Fehler ein und zeigte sich kämpferisch, so wie man ihn eben kennt. „Ich habe keine hunderte Millionen Euro Steuern hinterzogen. Ich habe seit vielen Jahren zig Millionen Euro Steuern gezahlt“, sagte er und verwies obendrein auf seine vielen Spenden. „Aber damit will ich mich nicht reinwaschen.“ Dass er nach dem Prozess, der am 10. März beginnt, auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Vertrauensfrage stellen will, findet Rummenigge „eine gute Idee“. Hoeneß darf sich einer überwältigenden Mehrheit sicher sein. „Ich werde dem FC Bayern dienen, bis ich nicht mehr atmen kann“, sagte Hoeneß.

Wenn ihn die Justiz lässt. Sollte der Prozess nicht glimpflich ausgehen und er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, dürfte sich sogar beim präsidententreuen FC Bayern ein Mitgliederentscheid erübrigen.

Außerhalb der Fangemeinde des FC Bayern stößt die Liebe zum ins Visier der Justiz geratenen Präsidenten auf wenig Verständnis, wie auch diverse Eintragungen auf Twitter belegen. Die pathetische Jahreshauptversammlung wird als „Heuchelei“ und „Schmonzette“ bezeichnet. Die kritiklose Unterstützung der Münchner Fans mag tatsächlich etwas mit bayerischer Amigo-Mentalität zu tun haben. Allerdings weiß niemand, wie sich die Mitglieder in so einem Fall anderswo verhalten würden bei einem Funktionär, der den Verein wie Hoeneß drei Jahrzehnte geprägt hätte. Die Vergleiche fehlen. Hoeneß ist einzigartig – in jeder Hinsicht.

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