Sport : Dabei sein können alle

Noch ist völlig offen, mit welchem Team die Deutschen zur EM nach Portugal fahren

Michael Rosentritt

Zu Beginn der zweiten Halbzeit gegen Island wird Michael Hartmann auf der deutschen Ersatzbank noch einmal geträumt haben. Vom 30. April, dem Tag, den Hartmann sein Leben lang nicht vergessen wird. 13 Nationalspieler hatten damals ihre Teilnahme am Freundschaftsspiel gegen Serbien und Montenegro aus mehr oder weniger triftigen Gründen abgesagt, und so kam der linke Verteidiger von Hertha BSC zum Einsatz für Deutschland. Seit jenem Apriltag gilt die linke Außenbahn als die Überholspur in die deutsche Nationalmannschaft.

„Es ist kein Geheimnis, dass wir auf der linken Seite Probleme haben“, sagte Teamchef Rudi Völler. Er hätte auch sagen können: Nie war es leichter, deutscher Nationalspieler zu werden. Während noch vor einigen Jahren darüber gestritten wurde, warum denn der Spieler A und B nicht nominiert worden ist, gibt es heute keinen Streit mehr darüber, was der Spieler C und D eigentlich in der Nationalmannschaft zu suchen hat. Mit anderen Worten: Rudi Völler lässt wirklich niemanden aus, der es verdient hätte, berufen zu werden. Im Gegenteil.

Es war nicht zu übersehen, dass sich Deutschland 13 Monate lang relativ schwer getan hat in einer relativ leichten EM-Qualifikationsgruppe. „Wir dürfen jetzt nicht alles schön malen, was man davor schwarz gemalt hat“, sagt Michael Ballack. Der Mittelfeldspieler ist der Einzige im Team, dem Weltklasseformat bescheinigt werden darf. Direkt hinter und vor ihm fehlt ein Spieler solcher Qualität. Die deutsche Elf hat keine feste Achse. Ob diese sich bis zur EM im Juni kommenden Jahres finden lässt, bleibt fraglich. Die Mehrzahl der deutschen Spieler verfügt nicht über die individuelle Klasse. Nur wenn alle an ihr Limit gehen, kann ein namhafter Gegner geschlagen werden. Wenn nicht, ist Deutschland bestenfalls gehobenes Mittelmaß. Seit Völlers Amtsantritt im Sommer 2000 hat Deutschland zehn Spiele gegen so genannte große Fußballnationen bestritten. Zwei wurden gewonnen (Spanien und England), acht gingen verloren (Frankreich, Dänemark, England, Argentinien, Brasilien, Holland, Spanien und Italien). Und die nächsten beiden Gegner der Deutschen heißen Frankreich und Holland.

Noch hat Völler keine Stammformation gefunden. Elf Nationalspieler sind verletzt, ein Spielsystem ist so nur schemenhaft erkennbar gewesen. Zudem lässt sich eine Abhängigkeit von Ballack nicht leugnen. Ohne seine Tore wäre Deutschland nicht ins WM-Finale und wohl nicht zur EM gekommen. „Es gab seit der WM viele Höhen und Tiefen“, sagte Ballack. Die Höhen sucht er wohl heute noch.

Das Spiel gegen Island am Samstag war nicht schlecht. Der junge Hamburger Christian Rahn spielte auf der linken Seite – mit wechselndem Ergebnis. Eine Dauerlösung ist auch er nicht. Rahn und Hartmann sollten sich erst einmal in ihren Vereinen durchsetzen.

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