Sport : Daheim brodelt es schon

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Von Thomas Seibert

Istanbul. Es herrschen Streit, Neid und Missgunst. Keine günstigen Voraussetzungen also für die Türkei, um ein entscheidendes Spiel bei der Fußball-WM zu bestreiten. Fest steht: Nur bei einem eigenen klaren Sieg gegen China und einer Niederlage Costa Ricas gegen Brasilien am Donnerstag könnte die Mannschaft von Trainer Senol Günes erstmals in der türkischen Fußball-Geschichte in ein WM-Achtelfinale einziehen. Aber: Die Stimmung ist miserabel. Die Spieler sind nach den Spielen gegen Brasilien und Costa Rica entmutigt, sie fühlen sich zudem ungerechter Kritik aus der Heimat ausgesetzt. Trainer Günes gilt schon jetzt als der Hauptschuldige für den drohenden Abschied vom Weltturnier, das Präsidium des türkischen Fußball-Verbandes soll schon an einer gemeinsamen Erklärung für den Rücktritt basteln.

Dass die Türkei ihr bisher einziges Länderspiel gegen China klar mit 4:0 gewonnen hat, hebt die gedrückte Stimmung auch kein bisschen. Das ist um so bemerkenswerter, als die Türken vor wichtigen Spielen normalerweise die Reihen fest geschlossen halten. Doch diesmal ist alles anders. Stürmer Hakan Sükür etwa, der von seinen Landsleuten bisher wie ein Halbgott verehrt wurde, ist wegen seiner Ladehemmung in den ersten beiden Spielen zum Gespött geworden. Sükür setzte sich in einem Zeitungsinterview zur Wehr und kritisierte besonders die türkischen Mittelfeldspieler, die zu eigennützig seien und ihn in der Sturmspitze verhungern ließen. Tags darauf nahm Sükür alles zurück und geriet am Rande des Trainings mit einem türkischen Journalisten in Streit.

Senol Günes hat die schwierige Aufgabe, die Spieler moralisch wieder aufzubauen, wird aber gleichzeitig irritiert durch Zeitungsberichte, die ihm mangelnden Erfolg vorwerfen und über sein angeblich zu großzügig bemessenes Gehalt herziehen.

Scheidet die Türkei aus, dürfte die vor zwei Jahren begonnene Karriere von Günes als Nationaltrainer beendet sein. Am Mittwoch beklagte sich der Trainer bitter über die Medien und brach eine Pressekonferenz verärgert ab. Streit, wohin man blickt: Der Vorsitzende des türkischen Fußballverbandes, Haluk Ulusoy, boykottierte einen Empfang des türkischen Botschafters in Seoul. Der Diplomat habe die türkische Fußball-Delegation bei deren Ankunft in Südkorea nicht angemessen begrüßt, sagte Ulusoy.

Aufstellungssorgen kommen hinzu. Beim Abschlusstraining verletzte sich Verteidiger Fatih. Fraglich, ob er gegen China eingesetzt werden kann. Torhüter Rüstü und Stürmer Sükür sind angeschlagen, können aber spielen. Auf Spielmacher Yildiray Bastürk von Bayer Leverkusen wird Günes möglicherweise ganz verzichten, weil Bastürk gegen Costa Rica nicht druckvoll genug war. Der Stimmungslage angemessen, bereitete Günes die Fußball-Nation schon mal auf das Ende der ersten türkischen WM-Teilnahme seit 48 Jahren vor. „Wenn wir nicht über die Gruppenspiele hinauskommen, ist das keine Katastrophe“, sagte der Trainer.

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