Damen-Hockey : Ein Titel gegen das Trauma

Zwei wichtige Endspiele hatten die Holländerinnen zuletzt gegen die deutschen Frauen verloren. Vor eigenem Publikum sicherten sie sich am Samstag mit dem 3:2-Erfolg den EM-Titel.

Stefan Hermanns[Amsterdam]

Als die feierliche Zeremonie begann, handelte sich Natascha Keller einen ziemlich unfeierlichen Blick ein. Die Berlinerin hatte ihrer Vorderfrau Fanny Rinne die Arme auf die Schulter gelegt und, genauso wie die holländischen Hockey-Spielerinnen, angefangen, zur Musik zu hüpfen. Rinne blickte sich kurz um. Das reichte, damit Natascha Keller die Botschaft verstand: So viel gute Laune ist wirklich nicht angebracht, wenn man gerade das Finale einer Europameisterschaft verloren hat. Natascha Keller nahm ihre Hände wieder runter. Unter den deutschen Spielerinnen sah man trotzdem erstaunlich viele freundliche Gesichter nach der 2:3 (2:2)-Niederlage gegen die Holländerinnen. „Auf der einen Seite sind wir natürlich enttäuscht“, sagte Tina Bachmann. „Aber es ist auch eine Riesengenugtuung, im wichtigsten Spiel des Jahres die beste Leistung geboten zu haben.“

Die Deutschen waren gut, zeitweise sogar besser, doch mitten hinein in die Phase, in der die Außenseiter das Spiel unter Kontrolle zu bekommen schienen und die besseren Chancen hatten, schlugen die Holländerinnen zurück. „Ich bin wahnsinnig stolz“, sagte Bundestrainer Michael Behrmann. „Wir haben den Favoriten voll zum Wackeln gebracht, das Stadion wurde immer ruhiger.“ Sechs Minuten vor dem Ende aber, nachdem Marilyn Agliotti zum entscheidenden 3:2 abgestaubt hatte, hallte ein einziger spitzer Schrei durch den Wald von Amsterdam. Es war ein Schrei der Lust, genauso wie der Erleichterung.

„Wir haben durch drei Lullitore verloren“, sagte Tina Bachmann. Die Freude der Holländerinnen trübte das nicht im Geringsten. Sie feierten nicht nur ihren siebten EM-Titel, sondern vor allem den Triumph über ein tiefes Trauma. Vor zwei Jahren hatten die Holländerinnen bei der Europameisterschaft das Finale gegen die Deutschen trotz großer Überlegenheit verloren. Das hat sich in ihren Köpfen festgesetzt. „Wir wussten, dass die immer mit Muffensausen gegen uns spielen“, sagte Behrmann. „Wir hatten heute keinen Druck.“ Der Verlauf spielte seinem Team noch in die Karten. Nach zehn Minuten erzielten die Deutschen durch Stöckel das 1:0. Es war das erste Mal im gesamten Turnier, dass Holland in Rückstand geriet. Deutschland schien endgültig psychologisch im Vorteil.

Der Vorsprung aber währte nur zehn Minuten. Nicht lange genug, um den Favoriten richtig nervös zu machen. Zuerst überwand Lidewij Welten Yvonne Frank im deutschen Tor im Nachstochern, fünf Minuten später schoss Agliotti das 2:1, nachdem sie völlig freistehend im Rücken der deutschen Verteidigung den Ball bekam. Auf der Tribüne tanzte selbst Hollands Kronprinz Willem-Alexander. Doch die deutsche Mannschaft steckte den Doppelschlag fast ungerührt weg. Nach einer halben Stunde erarbeitete sie sich eine Serie von Strafecken, im Anschluss an die dritte lenkte Nina Hasselmann den Ball zum 2:2 ins Tor. „Wir kommen immer wieder“, sagte Tina Bachmann. „Das zeigt den Charakter dieser Mannschaft.“

Auch in der zweiten Halbzeit bestanden die Deutschen den Charaktertest. Sie ließen sich nicht einschüchtern, als die Holländerinnen den Druck erhöhten; ihre Defensive bewährte sich nun nachhaltig. Im ganzen Spiel kamen die Gastgeber zu keiner einzigen Strafecke. „Das ist eine Sensationsleistung – weil die Holländerinnen lieber auf eine Ecke spielen als aufs Tor“, sagte Bundestrainer Behrmann.

Die echte Sensation aber blieb aus, und das ist es, was letztlich in den Büchern stehen wird: Europameister 2009 Holland. Als das Finale eine knappe Stunde zu Ende war, spürte der Bundestrainer, dass bei ihm langsam die Stimmung kippte. „Je länger es vorbei ist“, sagte Michael Behrmann, „desto mehr ärgere ich mich, dass wir nicht gewonnen haben.“

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